Group-M-Chef Jürgen Blomenkamp „Es wird zu dramatischen Verschiebungen kommen“

Montag, 13. April 2015
Group-M-Manager Matthias Brüll und Jürgen Blomenkamp
Group-M-Manager Matthias Brüll und Jürgen Blomenkamp
Foto: Group M
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Wer schafft es, in die Rolle als wichtigster Berater für die Werbungtreibenden zu kommen? Werden Facebook und Google immer mehr zu den besten Freunden der Kunden – mit der Folge, dass sie das digititale Werbebusiness noch stärker dominieren? Oder schaffen es die großen Media-Networks, dem etwas entgegenzusetzen? Im Interview mit HORIZONT sagt Jürgen Blomenkamp, Global CEO Trading Group M: „Die zentrale Frage lautet: Wer ist der beste Berater im digitalen Geschäft? Google kann das nicht sein, das Geschäftsmodell von Google besteht darin, das eigene Inventar zu vermarkten.“ Kann Group M diese Rolle erfüllen? Für Matthias Brüll, seit Anfang des Monats Deutschlandchef von Group M, ist genau das das Ziel des Networks: „Natürlich haben wir den Anspruch, in eine ganz zentrale Position bei den Werbungtreibenden zu kommen.“

zur Rolle von Google und Facebook:

Brüll: "Google und Facebook finden bis in die obersten Führungsetagen hinauf offene Türen und sind zweifellos sehr gut darin, strategische Partnerschaften zu schließen. Wir fahren mit unseren Kunden auch regelmäßig ins Silicon Valley, das finden alle immer sehr inspirierend. Aber es gibt eben noch eine zweite Seite. Ich spreche sehr viel mit Kunden, und glauben Sie mir: Die meisten haben inzwischen sehr wohl verstanden, dass die Strategie von Google in erster Linie nicht beratend ist, sondern vertriebsorientiert. So wichtig Google, Facebook und Amazon sind: Die Erkenntnis, einen Berater zu brauchen, der alle Plattformen und Medien zusammenbringt, ist durchaus vorhanden. Das Problem ist, noch nicht genau zu wissen, welcher Kommunikationsagentur man diese Aufgabe am ehesten zutraut. Unser Ziel ist, genau dieser Berater zu sein.“
„Google und Facebook finden bis in die obersten Führungsetagen hinauf offene Türen und sind zweifellos sehr gut darin, strategische Partnerschaften zu schließen. “
Matthias Brüll
Matthias Brüll
Matthias Brüll (Bild: MEC)

zur aktuellen Entwicklung bei der Trading-Unit Xaxis

Blomenkamp: "Die Billings bei Xaxis sind in den vergangenen drei Jahren von 100 auf 800 Millionen US-Dollar gestiegen, wir gewinnen ständig neue Kunden hinzu. Aktuell haben wir durch weitere Produktinnovationen noch einmal einen echten Schub auf der analytisch-technologischen Seite.“

zum schlechten Image der Mediaagenturen:

Blomenkamp: „Wir können mit der Wahrnehmung unserer Industrie nicht zufrieden sein. Wenn man wirklich hart daran arbeitet, das Richtige zu tun, ist es in höchstem Maße unbefriedigend, in der Öffentlichkeit so falsch wahrgenommen zu werden.“

über den Wettbewerb der Mediaagenturen:

Blomenkamp: „Wir sind heute an einem Punkt, wo es keine homogene Gattungsentwicklung mehr gibt. Der Markt der Mediaagenturen wird aufbrechen, es wird Sieger und Verlierer geben, es wird zu dramatischen Verschiebungen kommen. Das Schicksal einer Agentur wird sich daran entscheiden, ob es ihr gelingt, eine überragende technologische Infrastruktur aufzubauen und überlegene Produkte zu entwickeln. Niemand investiert in diese Bereiche so stark wie Group M.“

über die zentrale Herausforderung für Group M:

Blomenkamp: „Woran ich sehr glaube, ist, dass wir eine systemgesteuerte Metaabene schaffen müssen, die uns den Zugriff auf die Daten aus allen unterschiedlichen Medien und Plattformen ermöglicht. Das große Ziel lautet, zu einer besseren Vergleichbarkeit zu kommen. Das beginnt bei dem Thema Fernsehen/Video, schließt aber auch alle anderen Werbeformen mit ein und betrifft alle Bereiche, also Branding, Performance, Social. Wir wollen in die Lage kommen, Media wie aus einem Cockpit heraus ganzheitlich zu steuern und die Werbeinvestitionen realtime zu optimieren.“

Brüll: „Wir wollen die Komplexität der digitalen Welt managen und uns als echter Business-Partner unserer Kunden verstehen. Google und Facebook können das nicht. Deren Ziel als Vertriebsorganisation im deutschen Markt  wird es immer sein, eigenes Werbeinventar zu verkaufen.“
„Der Markt der Mediaagenturen wird aufbrechen, es wird Sieger und Verlierer geben, es wird zu dramatischen Verschiebungen kommen.“
Jürgen Blomenkamp
Jürgen Blomenkamp, GroupM
Jürgen Blomenkamp, GroupM (Bild: Alexander Hassenstein)

über Group M als Arbeitgeber:

Brüll: „Ein Problem unserer Branche ist, dass für die talentiertesten Nachwuchsleute heute Dax-Unternehmen, Unternehmensberatungen oder auch Google und Facebook attraktiver sind. Das müssen und wollen wir ändern. Wenn wir den Anspruch haben, uns täglich weiterzuentwickeln und die digitale Transformation voranzutreiben, brauchen wir auch ganz andere Mitarbeiter als bisher. Das alles bedeutet nicht, dass die klassischen Qualifikationen nichts mehr wert sind, in keinster Weise. Aber wir müssen uns dringend öffnen und dürfen bei der Suche nach neuen Mitarbeitern nicht immer im gleichen Agentur-Pool fischen.“

Blomenkamp: „Wir verwenden hier gerne den Begriff Campus Media. Das mag vielleicht erst einmal wie eine Phrase klingen, aber glauben Sie mir: Wir meinen das sehr ernst, das wird keine von diesen Alibi-Veranstaltungen. Wir haben den Anspruch, noch innovativer und durchlässiger zu werden und das Denken in Silos zu überwinden. Es muss uns gelingen, uns viel besser als bisher als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren.“

über den Wettstreit der Agenturen um die Lead-Rolle beim Kunden:

Brüll: „Das ist in der Tat eine ganz zentrale Frage. Jeder Agenturchef ist mit der Tatsache konfrontiert, dass neue Disziplinen entstehen und man sich die Frage stellen muss, wie man auf diese Entwicklung reagiert. Das führt zu einem ungeheuren Druck im Markt. Ich habe in den vergangenen Monaten von Kunden sehr häufig den Satz gehört: „Ich habe 30 Agenturen zu führen, aber ich möchte nur noch vier haben. Leider sehe ich aber unter diesen 30 Agenturen keine einzige, die sich dafür qualifiziert, eine von diesen vier zu sein.“ Ich sehe darin eine extrem gute Chance für uns. Wir sind auf dem besten Weg, diese Rolle erfüllen zu können. Und dazu gehört eben auch, umfassend unterschiedliche Disziplinen abdecken zu können.“

über den Anspruch von Group M:

Brüll: „Die Frage, ob Media-Networks die Wertschöpfungskette weitgehend selbst abdecken oder bei Pitches im Verbund mit anderen Networks-Agenturen agieren, ist aus meiner Sicht noch ziemlich offen. Ich möchte mich jetzt auch nicht hier hinstellen und sagen: Unser Anspruch ist, Leadagentur zu sein! Das stellt sich von Kunde zu Kunde anders dar. Aber natürlich haben wir den Anspruch, in eine ganz zentrale Position bei den Werbungtreibenden zu kommen.“ js

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