Grabarz-Kreativchef Ralf Heuel über "Hass hilft" "Die Aktion schürt keinen Hass. Er existiert bereits"

Mittwoch, 28. Oktober 2015
Grabarz-Kreativchef Ralf Heuel
Grabarz-Kreativchef Ralf Heuel
Foto: Grabarz & Partner

Vergangenen Freitag gaben das Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) und ihre Kreativagentur Grabarz & Partner den Startschuss für "Hass hilft". Das Medienecho auf die Nachfolgeaktion der Erfolgskampagne "Rechts gegen Rechts" war riesig, die Reaktionen der User durchweg positiv - fast. Wie Grabarz-Kreativchef Ralf Heuel auf Kritik an der unfreiwilligen Spendenaktion reagiert und wie es mit dem Projekt weitergeht, erklärt er im Gespräch mit HORIZONT Online.

Wie sind Sie auf die Idee von "Hass hilft" gekommen? Wir haben gefühlt, dass in "Rechts gegen Rechts" noch mehr steckt. Auch andere hatten die Mechanik zum Vorbild genommen: Beispielsweise hatten die Grünen im Dortmunder Stadtrat Ende vergangenen Jahres für jede Anfrage der Parteien Die Rechte und NPD fünf Euro für das Nazi-Aussteigerprogramm "Come Back" gespendet. Schon seit längerem überlegen wir, wie wir den damals gemeinsam mit GGH Lowe und ZDK entwickelten Mechanismus – etwas Schlechtes in etwas Gutes zu verwandeln – in den digitalen Raum übertragen können.

Die Hasskultur im Netz ist ja kein neues Problem, hat aber durch die Flüchtlingskrise noch einmal enorm an Sprengkraft gewonnen. Geschäftsführer von Facebook Germany sind kürzlich wegen der vorsätzlichen Beihilfe zur Volksverhetzung angezeigt worden. Genau wegen dieser gestiegenen Brisanz stand für uns fest, dass wir uns beeilen müssen, um den Hassparolen etwas entgegenzusetzen. Ende August hatten wir erstmals mit dem ZDK gesprochen. Richtig Vollgas haben wir dann in der vergangenen Woche gegeben, um "Hass hilft" am Freitag starten zu können.

So sieht eine der automatisierten Antworten auf einen Hasskommentar aus
So sieht eine der automatisierten Antworten auf einen Hasskommentar aus (Bild: Grabarz & Partner)
Sie haben ein Tool entwickelt, mit dessen Hilfe ihre Partner wie Sky oder Big FM Hasspostings mit einem Klick automatisch mit einem Motiv und einem standardisierten Text kommentieren können. Die Hasskommentare müssen die Partner beziehungsweise die Nutzer aber selbst identifizieren, richtig? Genau. Das hat einen bestimmten Grund: Kommentiert ein User ironisch, würde das ein Algorithmus nicht erkennen. Wir wollen aber natürlich keinem auf die Füße treten und in die Hassecke stellen, der sich ironisch zum Thema Flüchtlinge äußert. Sorgfalt ist hier sehr wichtig.

Wie viele Euro sind bereits an die Hilfsorganisationen geflossen? Aktuell sind es 751 Euro, also 751 Hasspostings wurden kommentiert. Das heißt aber nicht, dass nicht mehr Kommentare gemeldet wurden. Aber diese Anzahl wurde bislang vom ZDK und den Unterstützern aufgegriffen.

Sie geben Facebook als "freundlichen Unterstützer" auf der Kampagnenseite an. Welche Rolle spielt das Netzwerk bei der Aktion genau? Um eines klar zu stellen: Es ist keine Anti-Facebook-Aktion, mit der wir dem Network zeigen wollen, wie man gezielt auf Hasskommentare reagieren kann.  Facebook spielt als Partner für "Hass hilft" eine große Rolle. Sie haben uns konstruktiv und beratend bei der Entwicklung der Aktion unterstützt und uns zudem Werbefläche kostenlos zur Verfügung gestellt.

Haben die Partner wie Sky und Big FM vorab einen bestimmten Betrag gespendet? Ja. Bis jetzt sind rund 10.000 Euro in einen Topf gewandert. Aus diesem fließt  nun pro Hasskommentar ein Euro an Flüchtlingsprojekte der"Aktion Deutschland Hilft" und das Nazi-Aussteigerprogramm "Exit Deutschland". Toll finde ich auch, dass am Wochenende bereits 2000 Euro an Kleinstspenden von Privatpersonen kamen. Das zeigt, dass die Aktion bei den Menschen angekommen ist.

Eines der Bannermotive von "Hass hilft"
Eines der Bannermotive von "Hass hilft" (Bild: Grabarz & Partner)
Das beweist auch ein Blick auf die "Hass hilft"-Facebookseite. Innerhalb weniger Tage haben bereits über 10.300 User die Site mit 'gefällt mir' markiert. Wie sieht die Resonanz bei den Unternehmen aus? Auch hier tut sich einiges. Sieben neue Unternehmen haben bereits fest zugesagt. Gleichzeitig versuchen wir, verstärkt Medien ins Boot zu holen. Toll wäre, wenn sich eine Medienallianz in Deutschland bilden würde. "Spiegel", "Faz", "SZ" – sie alle haben ja Probleme mit Hetzkommentaren auf ihren Webseiten. Unsere Aktion könnte dabei helfen, Hassparolen von deren Seiten zu vertreiben. 

Auf Hasshilft.de wird die Top 10 der eifrigsten Hass-Kommentatoren präsentiert. Deren Postings sowie ihr voller Name wird dort jedoch nicht verraten. Warum nicht? Ganz ehrlich – wenn es nach mir gegangen wäre, stünden dort die kompletten Namen der Nutzer. Sie posten ihre stumpfsinnigen Kommentare ja auch unter ihrem Klarnamen öffentlich auf Facebook. Nach langen Diskussionen habe ich mich jedoch überzeugen lassen, die Namen abzukürzen. Wir wollen die Leute nicht diskreditieren und Gefahren aussetzen. Sie sollen nicht, wie in der "Bild", am Pranger stehen.  Ich wollte aber auf jeden Fall diese Liste haben. Es muss deutlich werden, dass die Facebook-Profile und die Hasskommentare echt sind. 

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass die wahre Identität der User leicht herausgefunden werden kann? Wenn man viel Energie aufwendet, dann kann man das. Das ist richtig. Denn sie bewegen sich auf Facebook in einem quasi-öffentlichen Raum. Auf unserer Seite gehen wir jedoch einen Schritt zurück und anonymisieren die Profile.

Es wurde außerdem moniert, die Aktion würde nur noch mehr Hass schüren. Das ist doch Quatsch. Wir können diesen Leuten nicht tatenlos die Meinungshoheit im Netz überlassen. Die Aktion macht deutlich, dass es in unserer Gesellschaft Normen gibt, nach denen man nicht einfach Leute auf rassistische Weise bedrohen darf. Die Aktion schürt keinen Hass. Er existiert bereits.

Mit "Rechts gegen Rechts" wurden 20.000 Euro gesammelt. Erwarten Sie mit "Hass hilft" einen ähnlichen Erfolg? Wenn die Resonanz weiter so gut ist, gehe ich fest davon aus, dass wir das Ergebnis toppen können.

"Rechts gegen Rechts" ist die meistprämierte Kampagne des laufenden Kreativjahres. Haben Sie für die Nachfolgeaktion schon Platz für neue Auszeichnungen auf ihrem Awardtisch geschaffen? Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Erfolg bei Kreativwettbewerben mit "Hass hilft" steht auf meiner Prioritätenliste nicht ganz oben. Wir haben die Aktion ja nicht in erster Linie gemacht, um mit ihr Preise zu gewinnen. Ich persönlich bin kein großer Fan von Awards und Rankings. Für meine Mitarbeiter ist es jedoch natürlich schön, wenn ihr Mut und ihre Kreativität belohnt werden. Interview: Jessica Becker

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