Google-Logo im Expertencheck "Ein absoluter Best-Case"

Donnerstag, 03. September 2015
Das neue Google-Logo
Das neue Google-Logo
Foto: Google

Geradliniger, schnörkelloser: Seit Dienstagabend hat Google ein neues Corporate Design. Es ist die stärkste Logo-Veränderung in der 17-jährigen Unternehmensgeschichte des Konzerns. Doch wie kommt der neue Auftritt bei Designexperten an? HORIZONT Online hat nachgefragt.
Um es vorweg zu nehmen: Den Designprofis gefällt´s. Weniger als insgesamt drei Sterne vergibt keiner. Zwar bleibe bei dem neuen Schriftzug - singulär betrachtet - die Einzigartigkeit auf der Strecke, merkt Diplom-Designer Achim Schaffrinna und Blogger auf Designtagebuch.de an. Johannes Erler, Partner von Erler Skibbe Tönsmann, moniert, das Erscheinungsbild habe "weder Seele, noch Herz, noch Eier". Insgesamt gesehen ist Googles optische Veränderung mit all seiner Reduziertheit und Entschlackung laut Strichpunkt-Geschäftsführer Jochen Rädeker aber ein "absoluter Best-Case". Einer, der bei minimalem Einsatz gestalterischer Mittel "ein Höchstmaß an Wiedererkennung" liefere. Das neue Corporate Design verdeutliche der Entwicklung des Unternehmens, betont Rüdiger Goetz, Geschäftsführer von KW43 Branddesign: "Aus dem unkonventionellen und innovativen Startup aus Silicon Valley ist ein professioneller und globaler Konzern geworden, der sich mit eben solcher Professionalität, ohne unangemessenen kreativen Ehrgeiz und falscher Sentimentalität, von (ein wenig) graphischem Ballast der Vergangenheit getrennt hat." Die neue Typographie lasse Google sachlicher und technischer erscheinen, was den entscheidenden Qualitätsmerkmalen einer Suchmaschine entspreche: Objektivität und Such-Performance.

Dieser Meinung ist auch Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner. Für ihn ist "jegliche Nettigkeit des Großkonzens, das letzte Augenzwinkern alternativ-sympathischer Zeiten" richtigerweise nun endgültig dahin. Kritik kommt an dieser Stelle von Florian Pfeffer. Für den Partner von One/One Studio kommt das Redesign mindestens zehn Jahre zu spät. Es unterstreiche die - nicht mehr neue - Erkenntnis, dass die "Garagenfirma-Zeiten im Netz lange vorbei sind."

Die meisten der befragten Designprofis wie beispielsweise Blogger Schaffrinna loben die Praxistauglichkeit. Sie stellen  heraus, dass die Überarbeitung sämtliche Anwendungen und Erscheinungsformen miteinbezieht. "Ob reduziert auf einen Buchstaben, starr, als Piktogramm oder in den vielen animierten Formen - einfach, dynamisch, freundlich, es ist immer Google", so Benjamin Klöck, Geschäftsführer von HW Design. jeb

Lesen Sie hier die kompletten Urteile der Designexperten:

Jochen Rädeker, Geschäftsführer Strichpunkt Design (5 Sterne)

Jochen Rädeker
Jochen Rädeker
Ausgerechnet Google: Der Konzern, der Corporate Designs eigentlich überflüssig machen könnte ("Ich brauch kein Logo, hauptsache ich steh’ bei Google weit oben") zeigt uns jetzt souverän, wie wunderbar ein gut durchdachtes und gut gemachtes Corporate Design das digitale Business durchdringen und unterstützen kann. Wie keine andere Firma hat Google in den letzten Jahren unsere Art zu leben und zu kommunizieren umfassend verändert. Zeitgleich entstanden neue Devices, neue Interfaces, neue Eingabe- und Interaktionsformen. Wir "googeln" heute auch auf Miniaturdisplays, durch Spracheingabe oder Gesten.

Dieser Entwicklung wird das neue Google-CD vollständig und umfassend gerecht. Und zwar nicht nur als banale, längst technisch-medial gebotene Entschlackung des Schriftzuges zur besseren Verwendung in Klein- und Kleinstgrößen, sondern vor allem in der Integration von Interaktionsformen des Logos auf Spracheingabe und andere Kommunikationsformen durch Punkte, Farbcodierung des singulären G, Visualisierungen dynamischer Prozesse und Piktogramme - bei minimalem Einsatz gestalterischer Mittel ein Höchstmaß an Wiedererkennung. Für eventuell noch lebende Vertreter der Ulmer Schule ("Don’t touch the Logo!") womöglich ein Graus, für aufgeklärte Vertreter des Corporate Designs im digitalen Zeitalter ein absoluter Best-Case. Sechs von Fünf Sternen dafür – Chapeau!"

Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner (Schriftzug: 1 Stern, System: 4 Sterne)

Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner
Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner (Bild: Kochan & Partner)
Klappe zu, Affe tot? Ja, das neue Logo von Google provoziert in seiner schnörkelfreien Geschmacklosigkeit, der geometrischen Belanglosigkeit, der mit (technischer) Neutralität und Optimierung begründeten Banalität. Jegliche Nettigkeit des Großkonzens, das letzte Augenzwinkern alternativ-sympathischer Zeiten ist nun endgültig (und irgendwie auch richtigerweise) dahin. Und, wie der Leiter der weltweit führenden Ausbildungsstätte für Schriftgestalter an der University of Reading, Gerry Leonidas, bereits geschrieben hat: Es ist kaum vorstellbar, dass in konstanter Strichstärke gehaltene Kreise die ultimative Antwort auf eine tiefgreifende Innovation des Großkonzerns sind. Klappe zu, Affe tot? Ja.
„Mich beeindruckt der Mut, diese Lust an der Radikalität.“
Boris Kochan, Kochan & Partner
Jedoch: Mich beeindruckt der Mut, diese Lust an der Radikalität – von der Gestalter leider zumeist nur träumen können. Das, was rund um diesen neuen Schriftzug herum entstanden ist, überzeugt. Extrem reduzierte, um so besser verständliche Animationen, intuitive und dabei lächelnde Nutzerführungen, alles eine konsequent durchgeführte Fortsetzung des vor einiger Zeit von Google vorgestellten Material Designs. Was für eine Zeit: Einer der wertvollsten Konzerne der Welt erklärt – auch für Laien verständlich – Designmerkmale, liefert Begründungen. Alle Achtung! Schade nur, dass der neue Schriftzug so eine Art Abfallprodukt einer neuen Nutzererfahrung geworden ist. Also: Klappe zu, Affe lebt.

Florian Pfeffer, Partner One/One Studio (3 Sterne)

Florian Pfeffer
Florian Pfeffer (Bild: One/One Studio)
Larry Page, einer der Gründer von Google, schrieb vor drei Wochen in einer Pressemeldung zu Alphabet, der neuen Muttergesellschaft von Google: "Google ist keine gewöhnliche Firma und hat auch nicht vor, eine zu werden." Gemessen an diesem Anspruch ist das neue Erscheinungsbild ein Fehlschlag. Es ist gewöhnlich geworden. Solider Mainstream mit ein bisschen Spaß (man beachte das leicht aufgedrehte "e" am Ende des Schriftzuges).

Ganz anders das bisherige Logo, das schon immer ein Schlag ins Gesicht aller professionell ausgebildeten Designer war: Eine Mischung aus Kindergartenfarben, verheerender Bildschirmtypografie, schlechten Kontrastwerten, noch bis 2010 (!) mit lächerlichen Schlagschatten und 3D-Effekten versehen, war das Zeichen von Google immer auch Ausdruck eines besonderen Selbstbewusstseins: "Seht her … wir sind so gut, wir können uns sogar ein richtig schlechtes Logo leisten." Ich stelle mir manchmal vor, eine/r meiner Student/inn/en hätte so etwas im Seminar angefertigt … au weia. Aber ich bin ein schlechter Maßstab. Ich würde auch eine Computerfirma nie "Apple" nennen und ich habe bereits Mitte der 90er der "SMS" ein baldiges Ende vorhergesagt.
„Dieses Redesign kommt mindestens zehn Jahre zu spät.“
Florian Pfeffer, One/One Studio
Möglicherweise war diese lässig-ignorante Haltung von Google der konzeptionelle Ausgangspunkt von Marissa Mayer, der Chefin von Yahoo, die vor zwei Jahren ihr neues Logo an einem Wochenende einfach selber gemalt hat. Es hat ihr nichts genutzt. Gemessen an Google und Facebook wird Yahoo wohl für immer ein Zwerg mit nostalgischem Beigeschmack im Netz bleiben.

Eigentlich kommt dieses Redesign mindestens zehn Jahre zu spät. Es unterstreicht die Erkenntnis, dass die Eldorado- und "Garagenfirma"-Zeiten im Netz lange vorbei sind. Das Internet befördert in erster Linie Konformität und Standards (gestalterisch, technisch, gesellschaftlich und kulturell). Es ist ein Freund großer Monopole. Es schlägt uns vor, was wir schon kennen. So gesehen, ist das neue Logo von Google vor allen Dingen eines: ehrlich. Es geht in Ordnung."

Achim Schaffrinna, Diplom-Designer Designtagebuch.de (Sterne k.A.)

Achim Schaffrinna
Achim Schaffrinna (Bild: Designtagebuch.de)
Das neue Logo schaut aus wie das Ergebnis eines von Google-Entwicklern erschaffenen Algorithmus: technisch sauber, überaus praxistauglich, aber seelenlos. Im Zuge des Trends hin zur starken Simplifizierung von Unternehmenszeichen, wie etwa zuvor bei Ebay, Yahoo und Facebook, bleiben Einzigartigkeit und Charakter auf der Strecke. Die auf Performance und Effizienz getrimmten und dabei austauschbar wirkenden Wortmarken sind Spiegelbild sowohl der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung wie wohl auch der Veränderungen, die in den Unternehmen selbst stattgefunden haben. Dass Google ein unkonventionelles Unternehmen ist, wie ihre Gründer Larry Page und Sergey Brin regelmäßig betonen, spiegelt sich jedenfalls nicht im neuen Logo wieder, das, sieht man von der Farbgebung ab, eher konventionell daher kommt. 
„Technisch sauber, überaus praxistauglich, aber seelenlos. “
Achim Schaffrinna
Man darf das Logo nicht losgelöst von "Material Design" betrachten, Googles stilprägende Designsprache. Ich hätte es spannend gefunden, ließe man den alten, stets ungelenk wirkenden Schriftzug in Kontrast zum puristischen Material Design bestehen. Für derlei Stilbrüche und Ecken und Kanten scheint es heutzutage, zumindest in großen Dotcom-Unternehmen, keinen Platz zu geben. Als Mensch, der die Vielfalt von Formgebung liebt, bedauere ich diese Entwicklung. Davon abgesehen kann man die Leistung von Google im Bereich Design digitaler Anwendungen nicht hoch genug einschätzen.

Benjamin Klöck, Geschäftsführer HW Design (5 Sterne)

Benjamin Klöck
Benjamin Klöck (Bild: HW Design)
305 bytes über die die Welt diskutiert … Google hat ein neues Logo. Nein, es ist kein Logo, sondern ein System, das lange gefehlt hat und in dieser Konsequenz hervorragend funktioniert.

Jetzt kann man den alten "googeligeren" Buchstaben mit ihren Ecken und Kanten nachtrauern und sich einreihen in die Schar der Kritiker, die nach den Überarbeitungen von Yahoo, Ebay, Microsoft und zuletzt Facebook der digitalen Welt einen Hang zur Beliebigkeit unterstellt, oder wir können genauer hinschauen. Google ist keine Website mit einer Sucheingabemaske, kein Serviceanbieter oder Hersteller von Produkten. Google ist zu einer eigenen Kategorie geworden, die uns heute eine gesamte Infrastruktur der Informationsvermittlung und -weitergabe bereitstellt. Diese Vielfalt braucht eine Markierung, die konsequent funktioniert, in allen Anwendungen und Erscheinungsformen. Ob reduziert auf einen Buchstaben, starr, als Piktogramm oder in den vielen animierten Formen – einfach, dynamisch, freundlich, es ist immer Google. Und das ist die Qualität, um die es heute geht, es geht nicht um ein Logo. I Like!

Johannes Erler, Partner bei Erler Skibbe Tönsmann (Ausführung: 5 Sterne, Originalität: 1 Stern)

Johannes Erler
Johannes Erler (Bild: ErlerSkibbeTönsmann)
Google hat alles richtig gemacht. Das Logo funktioniert. Die Hinführungen zum Logo sind einleuchtend. Das Logo und die einzelnen Bestandteile des Logos sind sympathisch. Google hat jetzt ein Erscheinungsbild wie aus dem Lehrbuch – und vielleicht dauert es gar nicht mehr lange, bis Google auf dieser Basis einen digitalen Erscheinungsbildgenerator ins Netz stellt, mit dem jeder in Sekundenschnelle ein bisschen wie Google aussehen kann: schön, glatt, perfekt und ein bisschen niedlich.
„Das Erscheinungsbild hat weder Seele, noch Herz, noch Eier.“
Johannes Erler, ErlerSkibbeTönsmann
Was jedoch fehlt, ist der Haken. Das Erscheinungsbild hat weder Seele, noch Herz, noch Eier. So betrachtet, ist der neue Google-Look nicht mehr als die Kopie von der Kopie von etwas, was modern aussieht. Und davon gibt es in Zeiten von Templatedesign und Designindustrie genug. So gesehen, kann Googles Botschaft eigentlich nur lauten: bloß nicht auffallen! Und das passt dann ja schon wieder.

Die Grundschrift des Logos ist der Schrift Futura sehr ähnlich. Die Futura war einmal das Symbol für kompromisslose Modernität. Jetzt ist Google bei Futura angekommen, um allen zu gefallen. Das ist zumindest eine sehr interessante Dramaturgie.

Rüdiger Goetz, Geschäftsführer KW43 Branddesign (4 Sterne)

Rüdiger Goetz
Rüdiger Goetz (Bild: KW43 Branddesign)
Bewundernswert langweilig: Alles richtig gemacht: Eine kreative Sensation ist das neue Logo von Google nicht. Aber mindestens eine kleine Sensation ist es, wie konsequent Google nun plötzlich markentechnischen Willen zeigt.

Es wäre natürlich viel interessanter, wenn Google dabei etwas falsch machen würde. Aber den "Gefallen" tun sie uns nicht. Stattdessen kann man nun auch hier eine beachtliche und vor allem rapide Professionalisierung in der Markenführung nach außen feststellen: Vor zwei Wochen die Ankündigung von Alphabet, der neuen Dach- und Konzernmarke. Jetzt der Relaunch der Marke Google. Topdown, wie im Schulbuch.

Und das neue Logo aus gestalterischer Sicht? Ebenfalls wenig Grundlage für populäre Fachentrüstung: Es ist schlicht und ergreifend richtig so. Das alleinstellende "Brand-Equity" liegt im Markennamen, der längst zum Gattungsbegriff geworden ist. Und der ist, typographisch vereinfacht, erheblich besser darstellbar und lesbar geworden. In Bezug auf die hauptsächlich digitale Verwendung eine deutliche, kaum noch zu steigernde Verbesserung. Der Farbcode, bunte Buchstaben auf weißem Hintergrund, ist das visuell wesentliche Markenelement und bleibt ebenfalls erhalten. Die Marke behält damit ihren subtil spielerischen und sympathischen Charakter. Und die visuell eindeutige Erkennbarkeit.

Auch scheint bei dem Redesign die nach meiner Einschätzung größte Schwäche des Brandings nebenbei gelöst worden zu sein: Das Fehlen eines plakativen und punktuellen Zeichens. Bei der Logo-Animation auf der aktuellen Google-Startseite erscheint es kurz. Die Initiale G aus dem neuen Schriftzug, in vier Farbfelder aufgeteilt. Wäre das, wie vermutet, das neue Zeichen, ist das wohl auch kreativ eine kleine Sensation. Und ein zukünftiges Markenelement, das noch gelernt werden müsste, da man es nicht sofort zweifelsfrei mit dem bisherigen Markenbild assoziieren kann. Aber auch das wäre ein richtiger und unumgänglicher Schritt, das Google Branding optimal an die relevanten Anforderungen der aktuellen Mediennutzung anzupassen.
„Die neue Typographie lässt Google sachlicher und technischer erscheinen.“
Rüdiger Goetz, KW43 Branddesign
Die gestalterische "Neutralisierung" stellt aber auch inhaltlich eine Verbesserung dar: Die neue Typographie lässt Google sachlicher und technischer erscheinen. Die zwei entscheidenden Qualitätsmerkmale für die Funktionalität der Suchmaschine: Objektivität und Such-Performance.

Man könnte vielleicht kritisieren, dass Google und Ebay, zwei große globale digitale Marken, nun sehr ähnlich geworden sind. Stimmt. Beide haben nun eine generische Nonserif-Schrift, jeweils in bunten Buchstaben in den Grundfarben. Aber machen Sie mal den Test: Würden Sie die beiden Marken verwechseln? Nein. Der Name und Wahrnehmungskontext reicht. Mehr Änderung wäre - vor allem bei Google - mehr Risiko als Gewinn gewesen.

Goolge ist markentechnisch erwachsen geworden und hat damit in der Selbstdarstellung nun vollzogen, was in vielen Bereichen des Unternehmens wohl längst stattgefunden hat. Aus dem unkonventionellen und innovativen Startup aus Silicon Valley ist ein professioneller und globaler Konzern geworden, der sich mit eben solcher Professionalität, ohne unangemessenen kreativen Ehrgeiz und falscher Sentimentalität, von (ein wenig) graphischem Ballast der Vergangenheit getrennt hat. Visionär, erfolgreich, zufriedene Mitarbeiter, selbstfahrende Autos, gute PR, saubere Markenführung, etc. Unter uns: ein bisschen Angst macht das alles schon. Wenn jemand alles richtig macht. Aber versprochen, wir bleiben aufmerksam kritisch.
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