Götz Ulmers Cannes-Tagebuch Blood on the Juryfloor - Vierter und letzter Jurytag

Dienstag, 17. Juni 2014
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Vom 16. bis 21. Juni werden in Cannes wieder jede Menge Löwen vergeben. Doch bis es soweit ist, wartet auf die rund 300 Juroren reichlich Arbeit. Einer von insgesamt 14 deutschen Juroren ist Götz Ulmer. Was der Geschäftsführer Kreation von Jung von Matt/Alster in Cannes so alles erlebt, das können HORIZONT.NET-Leser täglich an dieser Stelle in seinem Blog nachlesen.

Montag, 16. Juni 2014: Blood on the Juryfloor - Vierter und letzter Jurytag

Beim Frühstück auf der Hotelterasse hat die MacBook-Dichte rasant zugenommen. Und die Anzahl der wichtigen, gehetzten, sommersprossigen, amerikanischen OMG-Frauen mit Männer-Rolex neben dem repräsentativen Partybändchen vom heutigen Tag. Wer hat eigentlich festgelegt, daß diese Plastikdinger immer in radioaktiven Neonfarben sein müssen? Wird man damit schneller gefunden, wenn man im dunklen Mittelmeer ertrinkt?

Der engagierte Paarlauf zum Winkelwunder aus Zement ist einem dahinschlurfenden Ameisenhaufen gewichen. Alle haben den gestrigen Mammuttag noch in den Knochen. Der vierte (und wie wir heute erfahren) letzte Tag beginnt. Den zwei Geburtstagskindern wird ein schnelles Ständchen gesungen, dann werden endlich Löwen gemacht. Die Witze werden schlapper, die Diskussionen härter politischer/patriotischer und hier & da lugen erste Antipathien hervor. Es bleibt aber immer konstruktiv. Trotzdem wird einmal sogar geheult.

Zuerst sind die Young Lions dran. Gutes Zeug. Das Jurieren dauert nur 15 Minuten. Dann steht unter anderem fest, daß Pia und Oliver von Jung von Matt/Alster Silber gewonnen haben. Sehr geil. Glückwunsch!
Los geht’s!
Los geht’s!

Eine schöne Arbeit aus Brasilien für eine Organisation, die Suizide präventiv verhindern möchte, bildet originale Abschiedsbriefe von Selbstmördern ab. Die gesamte Arbeit basiert auf den Wörtern des letzten Briefes der Verzweifelten. Absurderweise ist dieser in Englisch. Begründung: Der Originalbrief war schwer zu lesen, weil die Leute so gezittert haben, deshalb mussten wir ihn neu schreiben. Das bleibt weiterhin eine extrem schöne Arbeit, dennoch: man kann trotzdem nicht anders, als sich über die päpstliche Fakediskussion in Deutschland zu wundern.
Oder wie das der neben mir sitzende Brasilianer schlitzohrig ausdrückt: "What?"
Oder der daneben sitzende Amerikaner (mit brasilianischen Wurzeln): "What?"
Da wundert sich der anständige Deutsche, der sich naiverweise doch noch irgendwie seinem Gewissen verpflichtet fühlt.

Ich lerne heute unter anderem außerdem:
1.) Es gibt Leute auf dieser Welt, die schaffen es eine ganz alte Kiste mit einem Satz neu zu erzählen. Das bleibt selbst bei gleichzeitigen Grusellayouts beindruckend und essentiell.
2.) Es gibt hier beim Festival auch warme Pizza. Toll.
3.) Ein, zwei Gewinnerarbeiten hätte im gescribbelten Ideenstadium wahrscheinlich nicht als solche erkannt. (Darauf werden sich jetzt viele Teams in Zukunft berufen :-)
4.) In der Rubrik Craft und vor allem bei Art Direction reagierte in Cannes leider die absolute Geschmacklosigkeit (sorry Leute). Ich muss meine süddeutschen Synapsen extrem zurückpfeiffen, um nicht aus Protest den Raum zu verlassen.
5.) Wer vier Tage nicht ein einziges Wort zur Jurydiskussion beigetragen hat, kann trotzdem einen Goldlöwen gewinnen. Um dann doch noch etwas zu sagen: "Thank you". Cool.

Nach dem ersten Durchgang stellen wir fest, daß wir viel zu streng waren.
Also noch einmal. Dieses Mal waren wir zu großzügig. (In den letzten drei Sätzen habe ich übrigens das komplette Spiel Deutschland - Portugal (im Liveticker) versteckt).
Deutschland führt zur Halbzeit 3:0
Deutschland führt zur Halbzeit 3:0

Gegen 23 Uhr sind wir dann endlich fertig.
Der Champagnerkorken knallt.
Gefolgt von einer zehnminütigen Selfieorgie noch nie gesehenen Ausmaßes.

Hier der Grand Prix in "Press"
Hier der Grand Prix in "Press"

Das war es also. Ein unvergessliches Erlebnis in allen Facetten. Danke dafür.
Großen Dank an meine Frau, die sich zuhause alleine mit dem kleinen Götzilla rumgeschlagen hat, damit ich das hier machen konnte.

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Sonntag, 15. Juni 2014: Lange Shortlist (<-- da staunt der Texter) - dritter Jurytag

Seit mein Freund Kalpesh aus Mumbai gestern abend beim Abendessen während einer leidenschaftlich vorgetragenen Story von mir in Ohnmacht gefallen ist (natürlich NICHT deswegen), zeigt sogar die schüchterne Thailänderin heute morgen mit dem Finger auf mich und fängt an zu kichern. Klasse.

Paarlauf zum ..ach, lassen wir das.

Es regnet. Einige Cannes-Veteranen brauchen Hilfe: in welcher Stadt sind wir?

Kunscht
Kunscht


Die Shortlist ist endlich da. Allerdings liegen schon wieder die verhassten Supermarktscanner auf den Plätzen. Jetzt wird noch einmal ausgesiebt. Ich bin beruhigt: das meiste, was ich die letzten zwei Tage gut fand, ist auch wieder auf der Shortlist. Ein paar WTFs sind aber auch dabei. Sogar die französische Wurst hat es (schwer zerfleddert, aber immerhin) geschafft.
Piep.
Piep.
Piep.

Nach zwei Stunden Auszählpause treffen wir uns dann um 14 Uhr wieder. Es wurde umgebaut:

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579 Arbeiten haben es auf die Shortlist geschafft. Das sind knapp 10 Prozent der Einreichungen. Wir gehen Kategorie nach Kategorie durch. Meistens wird eiskalt gekillt.Teilweise wird extrem heftig debattiert. Der abgenudelte Spruch "Gewinnen sollten die Arbeiten, die ich gerne gemacht hätte" ist einmal wieder überholt: reihenweise fliegen Arbeiten auf wirklich hohem Niveau raus. Eine (wie ich fand sehr schlaue) Kampagne für Langenscheidt Wörterbücher bringt die asiatische Fraktion zum Lachen: das Handy beweist: so wird asiatischen Kindern im Alter von 4 Jahren das Lesen beigebracht. Puff!

Die Macht des Internets (Doubletten) und die unterschiedlichen Kulturen hauen recht heftig druff. Wobei viele Arbeiten sterben, weil die Jury gegen 22 Uhr rasenden Hunger hat. Erstes Opfer: eine Snickers-Kampagne ("You're not you when you're hungry"). Gegen 23 Uhr frage ich noch mal nach: 2 Minuten später kommen 4 Pizzen. Hawaii. Anscheinend aus dem Nebenraum organisiert. Und noch handwarm. Juhu!

Danke, IAF!
Danke, IAF!


Gegen Mitternacht ist es geschafft: weitere 150 Arbeiten wurden rausdiskutiert (von den deutschen Arbeiten überleben leider nur drei Stück). Jetzt darf jeder Juror noch ein "Golden Ticket" ziehen. Heisst: eine Arbeit, die seiner Meinung nach übersehen wurde noch einmal in den Ring werfen. Lustigerweise kämpft jeder Juror für eine Arbeit aus seinem Land.

Was soll ich sagen? 17 Vorschläge. 17 Verrisse. Selbst der Jurypräsident geht spektakulär baden.

Um 1:30 Uhr morgens ist es geschafft. Wir schleppen uns in unser Hotel, das bei neureichen Russen vor 14 Jahren bestimmt mal total angesagt war.

Den Empfang von Werbeweischer für die deutschen Juroren verpasse ich somit grandios.

Schade, ich wollte ein paar leidenschaftlich vorgetragene Storys erzählen...

Samstag, 14. Juni 2014: Piep. -505 - zweiter Jurytag

Ein kurzer Tag und deshalb nur ein kurzer Beitrag (oder wie Mumbai gestern meinte: Tschaast reitt sem, satt u wer tuuhuh tronkän to reitt! Simpl, ha? .

8:30 Uhr.

Paarlaufen zum Betonmahnmal stilunsicherer Architekten.
Nur noch 1100 Arbeiten. Die Anfangseuphorie des ersten Tages ist erwartungsgemäß verpufft, Supermarktalltag tritt ein.

Das sieht auch heute so aus:
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Das Niveau ist wahnsinnig hoch, umso bestürzender ist, was teilweise so eingeschickt wird, in der Hoffnung es möge doch den ersehnten Löwen bringen. Zum Beispiel eine Kampagne mit zehn Motiven einer französischen Wurst, die schon ab der ersten Anzeige nicht wirklich lustig oder überhaupt anschauenswert ist, aber konsequent berauscht in drei Kategorien eingeschickt wurde. Der Scanner piepst sein melancholisches, aber todbringendes Lied. 505 Euro pro Werk in die Tonne.

Das sind über den Daumen ungefähr 34 Slayer-CDs.

Nur mal so.

Auch schön: Anzeigenmotive, die bei Craft: Fotografie eingereicht wurden, bei denen man noch mal kurz ungläubig beim Jurypräsidenten rückfragen muss: Bewerten wir auch das bloße Öffnen einer Blende? Piep. -505. Andere Motive ringen mir Respekt ab, weil man deutlich ahnt, dass da einer irgendwo auf der Welt mindestens 2002 Stunden vor einem Rechner mit 3D-Programm gesessen hat. Blöderweise sieht es trotzdem scheiße aus. Piep. -1010.

Japan lebt printmäßig konsequent in einer völlig unentschlüsselbaren Welt. Piep. -1515. Selbst mit Übersetzungen gibt es da kein gutgemeintes Durchkommen. Respekt. Piep. -2020.

Essensausgabe.

Draussen !!!!

Hallo Sonne. Hallo Herr Röffen. Hallo Herr Kolle. Hallo Herr Harbeck.

Amir Kassei bleibt auf Distanz. Besser so.

Nach dem Essen noch eine Mappe und dann ist es endlich geschafft. 14 Uhr.

Ich verlasse den Supermarkt aus der Hölle und gehe aus sozialem Gruppenzwang noch auf ein schnelles 1664 in die Bar nebenan. Hier könnte man ganz neue Kategorien bewerten z.B. Craft: Silikon Art Direction oder Best Use Of Sunburn Colours. Kombiniert mit sensationell schlecht gelaunten Bedienungen, Juan Silva, der sich auf den Flatscreens immer wieder das 1:5 von gestern anschauen muss und Jurymitgliedern, die von ihrer sagenhaften Karriere schwadronieren, als wäre es die eines anderen. Schnell noch den Tiefen des Palais die Goodies-Tasche entrissen und vorm Platzregen ins Hotel geflüchtet (weswegen ich aus Langeweile übers Ziel hinaus geschrieben habe).

Heute abend dann noch folgende Facebook-Veranstaltung:
Das wird lecker
Das wird lecker


Und dann geht es morgen endlich, endlich, endlich in die Shortlistdiskussion.
Dann wird es endlich, endlich, endlich spannend und definitiv lehrreicher als alle parallel laufenden Podiumsbeiträge (außer dem von Thim Wagner).

Ich werde berichten.

P.S. Unersättlichen sei noch kurz dieser Beitrag des talentierten Herrn Kolle empfohlen: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/cannes-springbreak-der-werbung-festival-der-kreativitaet-a-975104.html

Freitag, 13. Juni 2014: 61.200 Supermartkassen - erster Jurytag

Der gestrige Cocktailempfang (Dresscode waren anscheinend brasilianische Trikots - wie individuell Werber doch sein können) endete um 21:30 Uhr schlagartig und ließ mich mit einem gejetlagten Chinesen auf der recht kitschigen Sonnenuntergangsterasse des noch kitschigeren Hotels Carlton alleine. Auf dem Weg zurück ins Hotel sinnierte ich darüber, ob sich die Croisette für Chinesen ähnlich anfühlt wie die Main Street in Disneyland.

8:30 Uhr. Treffen im Hotel, geschickt allen Fußballdiskussionen ausgewichen und - ähnlich wie in der Grundschule - gemeinsam zum städtebaulichen Verbrechen, dem selig gesprochenen Palais marschiert. Direkt in einen riesigen Raum ohne Fenster.

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Egal, das Feeling zählt.

Phil Thomas (der Chef vom Ganzen) hält eine Mr.Wolf-mäßige Rede. Cool. Danach glaube ich es wirklich: wir sind hier die Allerbesten.

Kalpesh Patankar versteht nicht, warum alle Fußball schauen wollen. Mein Mann.
Kalpesh Patankar versteht nicht, warum alle Fußball schauen wollen. Mein Mann.
Die zweitälteste Kategorie des Festivals (1992 eingeführt) hält folgende Fakten bereit: 1800 Arbeiten pro Juror. Untergebracht in 39 oldschoooligen A2-Mappen. Jede Arbeit muss zweimal mit einem Handscanner abgescannt werden: Barcode auf der Pappe, Barcode der zu vergebenen Punktzahl. Macht bei 1800 Arbeiten: 3600 Pieps. Multipliziert mit 17 Juroren sind das so viele Pieps wie an gefühlten drölfzehnhundert Kassen eines Supermarktes aus einem schiefgegangenen LSD-Trip. Oder auf Anne Stillings Handy an einem Tag.

Die internationale Vereinigung von Bürostuhlhelden stöhnt nach vier Stunden Scannen (und vor allem: Stehen) schon hier und da leise aber vorwurfsvoll über schmerzende Körperteile, als dann endlich zur Essensausgabe gerufen wird. Draußen!!! Hallo Sonne. Hallo Herr Kolle. Hallo Herr Schoeffler. Hallo zur Eile mahnende Juryassistentin. Ist ja gut.

Weiter geht s. Komme langsam in den Flow (wie wir Formel-1-Fahrer sagen): trenne Spreu schneller vom Weizen, entreisse stolz die gut versteckten Geheimnisse mancher gedruckter Rätselwunder, wundere mich über völlig ideenlose Retuscheorgien vom Feinsten, staune über Kopien der letztjährigen Gewinner, ärgere mich über deutsche Longcopyanzeigen ohne Übersetzung (bitte das Einreichungshonorar nächstes Mal - statt in dieser Form zu verbrennen - an ein Flüchtlingslager an der syrischen Grenze o.ä. spenden) und muß auch oft laut loslachen. Gegen 17 Uhr bin ich zusammen mit Mumbai fertig. Freude. Wir sind wirklich die Besten.

Zurück im Hotel kurz noch Mails checken: der Kunde hat seine Vorstellung der Printkampagne jetzt mal kurz aufgemalt. Bitte so umsetzen.

Cannes : Realität = 0:1.

Donnerstag, 12. Juni 2014: Von der Martinez-Bar in die Press-Jury

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Ich gebe zu, ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Cannes. Naja, eigentlich habe ich gar kein richtiges Verhältnis zu Cannes. Zumindest, was die Anzahl meiner Besuche angeht.

Ich war erst einmal hier.

Für 48 Stunden.

In den Neunzigern war es aus meiner Sicht total uncool, nach Cannes zu gehen, weil sich dort deutsche Werber für Dinge gefeiert haben, die sie gar nicht konnten. Hauptsache dabei. Hauptsache auf den Parties. Hauptsache Martinez-Bar. Was für ein Spaß! Garniert wurde das gerne mal mit dem professionellen Zuraunen Von wann bis wann bist du dieses Jahr in Cannes? , das vom Tonfall an das professionelle Zuraunen der Angebotspalette der örtlichen Drogendealer im Karoviertel erinnerte.

Jaja, ich gebe auch zu, dass ich ein bisschen beleidigt war, weil ich 13 Jahre lang nur Finalists gewonnen hatte. In den meisten internationalen Juries wird man immer zuerst nach dem Namen, dann aber nach seiner bisherigen Löwenausbeute befragt. Nach meiner ehrlichen Antwort war ich für die meisten als Facebookfreund zum Angeben ziemlich unten durch. Da half auch der schnell reingeschmissene Yellow Pencil nichts mehr.

2010 platzte dann der Knoten. 4 Goldlöwen in 2 Tagen führten zu eingangs beschriebenem Spontanbesuch. Selbstredend mit Besuch der Martinez-Bar. Inklusive aller genussvoll ausgelebten tumben Neunzigerjahrewerberklischees. :-)

Seit 2010 läuft das mit den Raubtieren aus Frankreich nun alljährlich ziemlich gut und ich kann mich somit altersmilde und neutral auf mein erstes richtiges Mal Cannes und die Juryarbeit freuen.

Ich gebe zu, ich bin schon ein bißchen aufgeregt.
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