Gender-Debatte Publicis beurlaubt Saatchi-Chairman Kevin Roberts

Montag, 01. August 2016
Kevin Roberts sorgt mit seinen Interview mit "Business Insider" für einen Eklat
Kevin Roberts sorgt mit seinen Interview mit "Business Insider" für einen Eklat
Foto: Kate Ayrton

"The fucking debate is all over." Mit seinen Worten in "Business Insider" über die Gleichberechtigung von Frauen sorgte Saatchi-Chairman Kevin Roberts für einen Eklat. Die französische Agenturgruppe um ihren Chef Maurice Lévy reagiert äußerst verschnupft und hat Roberts nun kurzerhand beurlaubt. Der Vorwurf: Roberts stelle die Agentur-Grundsätze "Diversity & Inclusion" in Frage.
In kaum einer Branche wird derzeit über Themen wie Gleichstellung von Frauen derart intensiv diskutiert, wie in der Kreativszene. Das wurde zuletzt erst wieder bei den Cannes Lions deutlich. Nun hat mit Roberts einer der schillerndsten Personen des weltweiten Agenturzirkus die Bedeutung des Themas in Frage gestellt. In dem am Freitag veröffentlichten Interview mit "Business Insider" sagte Roberts, die Debatte über Gleichberechtigung sei längst "vorbei" und er vertrödele in seiner Agentur "keine Zeit" mehr mit diesem Thema. Die Welt sei voll von Integration, Kollaboration, Zusammenarbeit und Kreativität - dies werde auch in der Agenturgruppe deutlich. Das Geschlechterverhältnis in der gesamten Publicis-Gruppe sei 50:50, während bei Saatchi sogar 65 Prozent der Belegschaft Frauen seien, um das Käufersegment der von der Agentur betreuten Produkte widerzuspiegeln, argumentiert Roberts - und ignoriert dabei, dass es in den Gender-Diskussionen nicht um die Basis von Agenturbelegschaften geht, sondern meist um Managementpositionen. Laut Roberts ist die Geschlechterfrage außerdem in anderen Branchen wie beispielsweise dem Finanzsektor "viel schlimmer".

Nur einen Tag später veröffentlichte die Publicis-Gruppe das folgende Statement, in dem sie sich von Roberts sowie dessen Äußerungen distanziert und über die Beurlaubung ihres Managers informiert.

Das offizielle Statement von Publicis in voller Länge:

Following the comments made by Saatchi & Saatchi Executive Chairman and Publicis Groupe Head Coach, Kevin Roberts, in a recent interview with Business Insider, Publicis Groupe Chairman & CEO, Maurice Lévy addressed a statement internally to all Publicis Groupe employees to reiterate the Groupe’s no-tolerance policy towards behavior or commentary counter to the spirit of Publicis Groupe and its celebration of difference as captured in the motto Viva la Difference!

It is for the gravity of these statements that Kevin Roberts has been asked to take a leave of absence from Publicis Groupe effective immediately. As a member of The Directoire, it will ultimately be the Publicis Groupe Supervisory Board's duty to further evaluate his standing.

Diversity & inclusion are business imperatives on which Publicis Groupe will not negotiate. While fostering a work environment that is inclusive of all talent is a collective responsibility, it is leadership’s job to nurture the career aspirations and goals of all our talent.

Promoting gender equality starts at the top and the Groupe will not tolerate anyone speaking for our organization who does not value the importance of inclusion. Publicis Groupe works very hard to champion diversity and will continue to insist that each agency’s leadership be champions of both diversity and inclusion.
Roberts Äußerungen schlugen auch in sozialen Netzwerken hohe Wellen - nicht zuletzt, weil Roberts in dem Interview mit Cindy Gallop harsch angeht. Die frühere Chefin von BBH New York und mittlerweile CEO von IfWeRanTheWorld / MakeLoveNotPorn ist eine der aktivsten Sprachrohre der Kreativszene, wenn es um Themen wie Gleichberechtigung und Chancengleichheit geht: "Ich glaube, sie beschäftigt sich mit Problemen, die sie sich selbst ausgedacht hat. Sie unternimmt viel, um im Gespräch zu bleiben und Applaus zu bekommen." Gallop antwortete prompt. Auf Twitter rief sie dazu auf, Roberts die Meinung zu sagen. Rückenwind bekam Gallop viel - unter anderem von Unternehmenschefs wie PepsiCo-President Brad Jakeman, der antwortete, er sei stolz darauf, kein Saatchi-Kunde zu sein.
Hier eine kleine Auswahl von weiteren Reaktionen:
In Deutschland fanden Roberts Äußerungen ebenfalls vielfach Beachtung - auch von aktuellen und ehemaligen Agenturkollegen. Stephan Ganser, ECD von Publicis Pixelpark in München, beispielsweise schrieb dazu auf Facebook: "Eine hektische, unsouveräne Reaktion. Kevin Roberts ist eben ein Löwenherz und hat schon immer gesagt, was er dachte." Michael Samak, derzeit Geschäftsführer von Hubert Burda Media / BCN und bis 2014 CEO von Saatchi Deutschland, kritisiert Roberts an gleicher Stelle für seine Meinung. Diese sei "falsch und gefährlich". Samak: "Das ist nicht Kevin, nicht Lovemarks und nicht 'ein Team'." Seine Parole an die Agenturmitarbeiter: "Leute von Saatchi, bitte stellt das richtig. Es manövriert eure großartige Marke ins Zeitalter der Dinosaurier." jeb
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