Gehaltsdiskussion aus Sicht eines Praktikanten "Agenturmitarbeiter sind einfach glücklich"

Donnerstag, 18. Juni 2015
Igor Korogodskiy arbeitet derzeit als Praktikant für Nescafé
Igor Korogodskiy arbeitet derzeit als Praktikant für Nescafé
Foto: privat

Maues Gehalt, mangelhafte Würdigung von jungen Mitarbeitern, kaum Aussichten auf gute Stellen - seit einigen Tagen ist die Diskussion um die Arbeitsbedingungen in der Agenturbranche wieder neu entbrannt. Aber ist wirklich alles so schlecht, wie es die jüngste Aika-Studie nahelegt? Oder ist alles gar nicht so schlimm, wie neue GWA-Zahlen suggerieren? HORIZONT Online hat sich mit einem unterhalten, der es wissen muss: Igor Korogodskiy ist 25, arbeitete als Praktikant und Werkstudent für Ogilvy One und Cheil, ehe es ihn auf Kundenseite zu Nescafé zog. Im Interview erklärt er, wie sich die Arbeit bei Kunde und Kreativagentur unterscheidet und warum Geld für Agenturmitarbeiter nicht alles ist.
Du hast als Praktikant und Werkstudent bei Ogilvy One und Cheil Erfahrungen in Werbeagenturen gesammelt und arbeitest jetzt auf Kundenseite für die Marke Nescafé. Was unterscheidet die beiden Seiten? Der erste Unterschied ist die Arbeitsatmosphäre. Obwohl ich mich bei Nescafé sehr wohl fühle, habe ich es als große Veränderung wahrgenommen, von einer Kreativagentur zu einem konservativen Konzern zu wechseln. Hier ist alles viel politischer, man gibt sich anders, die Arbeitszeiten sind geregelter und man muss nicht bis tief in die Nacht noch irgendetwas für einen Pitch vorbereiten. Im Vergleich zu einer Agentur merkst du auch schnell, dass du der Kunde bist. Genau das ist der zweite Unterschied. Du kannst sogar als Praktikant teilweise Druck ausüben und Prozesse selbst bestimmen. Was zusätzlich für mich ein riesiger Vorteil ist: Ich verstehe jetzt, warum die kreativste Lösung nicht unbedingt die beste für eine Marke ist. Als Kreativer habe ich mich immer sehr schnell in eine Idee "verliebt" und das Kundenfeedback "Es passt nicht zur Marke" nicht immer nachvollziehen können. Heute verstehe ich es sehr viel besser. Und wie unterscheidet sich die Arbeit konkret? Ich mache im Social-Media-Bereich  für Nescafé einen sehr ähnlichen Job wie zuvor bei Ogilvy, bin aber auf eine Marke beschränkt und beackere nicht fünf oder sechs Felder. Das ist schon ein Vorteil gegenüber der Arbeit in Agenturen. Außerdem ist es so, dass es in Agenturen viele Experten gibt, die genauso ein digitales Know-how haben wie du. Und kreativ sind sie ja sowieso. Da ist es schwieriger herauszustechen. Umgekehrt kommt mir die Wertschätzung bei Nescafé größer vor, weil ich mit meiner Expertise in Social Media hier eher die Ausnahme bin. Die Entwicklung von Nescafé im digitalen Bereich war in den letzten Jahren so stark, dass ein bestimmter Grad an digitalem Know-how schon heute als Voraussetzung für meine Praktikantenstelle gilt.

Igor Korogodskiy entdeckte beim Schreiben für Poetry Slams seine Leidenschaft fürs Texten - und kam so als Copywriter-Praktikant zu Ogilvy One. Nach einigen Monaten wurde er als Werkstudent übernommen und arbeitete insgesamt eineinhalb Jahre für die Frankfurter Agentur. Nach einem weiteren Praktikum bei Cheil Germany zog es den 25-Jährigen dann auf Kundenseite zu Nescafé. Für die Nestlé-Marke absolviert er derzeit ein Praktikum im Social-Media-Bereich. Korogodskiy studiert Management mit Schwerpunkt Marketing (Master of Science) in Mainz.
Hast du dich deswegen nach deinen Agenturstationen für die Kundenseite entschieden? Es war für mich einfach der nächste logische Schritt, um Neues zu lernen. Ich habe bei Ogilvy zwar für Nescafé gearbeitet, kannte den Kunden aber nur in der Theorie. Ich habe eine praktische Verknüpfung gesucht. Den Weg zu Nestlé zu finden war für mich dann einfach, weil ich die handelnden Personen dort ja bereits kannte und damit überzeugen konnte, dass ich weniger Einarbeitung brauche. Außerdem empfinde ich es als großen persönlichen Vorteil, weil ich dieselbe Marke von beiden Seiten kenne. Solche Einblicke hat wirklich nicht jeder.

Viele junge Mitarbeiter und Praktikanten beklagen die schlechte Vergütung in Agenturen. Du auch? Als Praktikant in einer Kreativagentur verdient man schon so wenig, dass eine eigene Wohnung schwer zu finanzieren ist. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich als Werkstudent in beiden Agenturen mit einem sehr fairen Stundensatz vergütet wurde – gerade im Vergleich zu Kommilitonen.
„Meine Chefs bei Ogilvy haben aus dem Thema nie ein Geheimnis gemacht und ganz offen gesagt, dass ich auf Kundenseite mehr verdienen würde“
Igor Korogodskiy
Wie hast du den Dialog über das Thema Gehalt unter den Agenturmitarbeitern empfunden? Es wird definitiv offen über das Thema Geld gesprochen. Meine Chefs bei Ogilvy haben aus dem Thema nie ein Geheimnis gemacht und ganz offen gesagt, dass ich auf Kundenseite mehr verdienen würde – zumal es meinem Management-Masterstudium entsprechend dort auch passendere Stellen gibt.

Glaubst du, dass genau deshalb viele Hochschulabsolventen und Young Professionales eher in spannenden Positionen bei Unternehmen einsteigen wollen als in Agenturen? Ich glaube schon, dass gerade Digitalisierungspositionen in Unternehmen und Startups für Talente besonders attraktiv sind. Das ist ja auch nicht nur bei Absolventen so: Katja Sottmeier (Geschäftsführerin von Ogilvy One, die zu Hornbach wechselt, Anm. d. Red.) ist ja so ein Beispiel aus der Führungsebene einer Agentur. Schon als Praktikant merkst du, welche Beziehungen Agenturmitarbeiter zu den Kunden aufbauen. Da überrascht es mich nicht, dass viele wechseln – und das hängt dann sicher auch mit den Aspekten Arbeitszeit und Gehalt zusammen.

Im Umkehrschluss könnte man folgern, dass Agenturen nicht genug für ihre Talente tun. Hattest du bei deinen Stationen das Gefühl, nicht genug wertgeschätzt zu werden? Nein. Die Arbeit von Praktikanten und Werkstudenten wird auf jeden Fall geschätzt. Das zeigt sich in den vielen Einflussmöglichkeiten und der Verantwortung, die du bekommst – und das von Tag eins an. Du arbeitest täglich mit Topleuten zusammen, bekommst direkte Kontakte zu den großen Marken. Man lernt jeden Tag enorm viel, weil man sofort an den großen Kampagnen mitarbeiten darf. Eine Idee von mir wurde beispielsweise jetzt von Ogilvy umgesetzt - passenderweise für Nescafé. In einer Kreativagentur bekommst du Insights, die es nirgendwo sonst gibt. Das darf man bei allen Diskussionen um die Vergütung nicht vergessen.
„In einer Kreativagentur bekommst du Insights, die es nirgendwo sonst gibt. Das darf man bei allen Diskussionen um die Vergütung nicht vergessen“
Igor Korogodskiy
Die wertvollen Berufserfahrungen gleichen das maue Gehalt aus? Auf jeden Fall. Ich glaube auch nicht, dass das Gehalt für junge Absolventen und Praktikanten ausschlaggebend ist. Wenn es den Leuten nur ums Geld geht, müssen sie sich fragen, ob sie wirklich ins Marketing oder nicht doch lieber in eine Bank oder zu einem Energieversorger wollen. Aber unsere Generation Y legt doch laut sämtlichen Studien viel mehr Wert auf Freiheit und Selbstverwirklichung. Und da bieten Agenturen unbezahlbare Werte.

Nämlich? Es herrscht ein sehr persönliches und familiäres Umfeld, in dem man einfach gerne arbeitet. Durch die flachen Hierarchien ist man permanent mit Vorgesetzten und Agenturchefs im Austausch. Außerdem bekommst du viel Verantwortung und arbeitest für spannende Kunden. Die Kontakte, die du dabei knüpfst, können in der Zukunft dann noch sehr nützlich werden – so wie es bei mir mit Nescafé war. Ich denke, viele Mitarbeiter sind genau deshalb bereit, geringere Gehälter zu akzeptieren: weil sie einfach glücklich sind in ihrem Job.
Adobe Infografik
Bild: Adobe

Mehr zum Thema

Digitaler Wandel Kreative sind glücklich mit ihrem Job

Wollten Ogilvy und Cheil dich halten? Bei Ogilvy wurde ich nach meinem Praktikum noch ein Jahr lang als Werkstudent weiterbeschäftigt. Die Initiative kam zwar von mir aus, aber ich bin mit meinem Anliegen sofort auf offene Ohren gestoßen. Bei Cheil war ich leider nicht so lange, weil mein Praktikum bei Nescafé schon feststand. Aber auch dort wurde mir angeboten, länger zu bleiben. Als ich dann zu Nestlé gewechselt bin, haben mir meine Chefs bei Ogilvy und Cheil gesagt, dass ich jederzeit auf sie zukommen kann, wenn ich Hilfe brauche und mich auch zukünftig mal melden soll. Nach meiner Erfahrung und den Gesprächen mit Kollegen tun die Verantwortlichen viel, um ihre Talente zu halten. Für die meisten Praktikanten spielt das jedoch keine Rolle, weil sie ohnehin in ihr Studium zurückkehren.

Welchen Rat würdest du Agenturen in Bezug auf die Beschäftigung von Praktikanten und Werkstudenten geben? In Agenturen arbeitet ein junger Mitarbeiter immer nach der Maxime "learning by doing". Was ich dabei vermisst habe, ist die Möglichkeit für externe Fortbildungen, wie sie zum Beispiel längerfristig angestellte Trainees bekommen. Zudem glaube ich, dass die Unis besser über Praktika in Agenturen informieren sollten, was bislang überhaupt nicht der Fall ist.

Interview: Tim Theobald
Meist gelesen
stats