GWA-Studie Gyro-Chefin Claudia Leischner: "Frauen sind noch stark vom Rollenverhalten geprägt“

Dienstag, 28. Oktober 2014
Claudia Leischner (mit Co-Chef Martin Stelzer) zur GWA-Studie Frauen in Top-Positionen
Claudia Leischner (mit Co-Chef Martin Stelzer) zur GWA-Studie Frauen in Top-Positionen
Foto: Foto: Gyro

Obwohl Frauen in der Agenturbranche mit 62 Prozent klar in der Mehrzahl sind, haben sie deutlich weniger zu sagen als ihre männlichen Kollegen - weil nur 12,1 Prozent der Frauen in Führungspositionen arbeiten. So das Ergebnis der Human Resources Management Studie, die der Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA nach 2009 zum zweiten Mal aufgelegt hat. In einem Gastbeitrag für HORIZONT reagiert Claudia Leischner, Deutschland-Chefin des internationalen Agenturnetzwerks Gyro, auf die Studie und sagt: "Viele Mitarbeiterinnen wollen gar nicht über eine bestimmte Position hinaus befördert werden."

"Als ich die Zahlen der GWA-Studie zum geringen Anteil an Frauenpositionen gelesen habe, fand ich diese schon erschreckend. Es wäre aber zu kurz gegriffen, nur eine Diskussion darüber zu führen, ob Frauen einfach nicht genug Chancen bekommen, in der Hierarchie von Agenturen ganz nach oben aufzusteigen. Der Knackpunkt ist viel mehr: Viele Frauen ergreifen die Chance erst gar nicht. Ich erlebe in meinem Agenturalltag immer wieder, dass Mitarbeiterinnen über eine bestimmte Position hinaus nicht befördert werden wollen. Deshalb sitzen im Mittelmanagement ziemlich viele und ganz oben so wenige Frauen.

„Als ich die Zahlen der GWA-Studie zum geringen Anteil an Frauenpositionen gelesen habe, fand ich diese schon erschreckend.“
Claudia Leischner
Warum so wenige Werberinnen ganz nach oben wollen, hat zwei wesentliche Gründe. Auch in unseren modernen Zeiten sind Frauen immer noch sehr stark von einem klassischen Rollenverständnis geprägt. Sie agieren vorsichtiger, sind misstrauischer, hadern mit sich und trauen sich oft nicht genug. Männer hingegen handeln eher nach dem Motto: Lass uns mal ausprobieren, wird schon gutgehen. Im Zweifelsfall kehren sie hinterher die Scherben zusammen. Frauen aber fürchten sich genau vor einem solchen Szenario: Etwas zu entscheiden und möglicherweise einen Fehler zu machen. Das wurde ihnen per Erziehung so eingeimpft und da müssen sich alle Eltern an den Kopf fassen, warum bestimmte Rollenbilder immer noch so in unserer Gesellschaft verhaftet sind. Ich wünschte mir also von Frauen in unserer Branche mehr Mut zu Entscheidungen, auch wenn die eine oder andere sich danach mal als problematisch herausstellen sollte. Nur durch Entscheidungen wird das Business vorangetrieben.

Ein weiterer entscheidender Aspekt für die mangelnde Begeisterung von qualifizierten Frauen im Top-Management liegt eindeutig am Arbeitsmodell. Bei unserem weltweiten Netzwerk Gyro sind fast 40 Prozent aller Top-Jobs mit Frauen besetzt. Und zwar mit Frauen, die sehr wohl Kinder haben und ein Familienleben führen. Ok, unser Netzwerk ist klein und hat flache Hierarchien, weniger aufwendige Reportings als bei großen Networks. Ich glaube aber, dass die Einstellung die Realität determiniert. Wir leben wirklich den Anspruch, dass niemand an seinen Schreibtisch gebunden ist, um seine Arbeit zu machen. Das Thema Anwesenheitspflicht wird ja schon lange in Agenturen diskutiert und man hört immer wieder, dass bei vielen Agenturen flexible Arbeitszeiten und Home-Office-Tage angeboten werden. Doch im Alltag praktiziert das niemand, weil man als Mitarbeiter oder Führungskraft eben doch schräg angeguckt wird, wenn man nicht seine zehn Stunden gut sichtbar im Büro hockt. Das ist ein großes Hemmnis für Frauen. Ich bin ganz sicher, dass mehr Frauen bereit wären, in Top-Positionen zu arbeiten, wenn Agenturen die Arbeitsmodelle dafür anbieten würden. Wenn es eben wirklich akzeptiert und sogar gefördert würde, dass Frauen zum Beispiel das Büro verlassen, um ihre Kinder aus Kita und Schule zu holen, mit ihnen Zeit verbringen und dann abends nochmal von zu Hause aus Aufgaben erledigen. In ganz Skandinavien funktionieren diese Modelle. Warum nicht in deutschen Agenturen?

Hinzu kommt, dass die typischen Symbole der Macht wie dicke Autos, große Büros, vorreservierte Sitze der Business-Class für Frauen überhaupt kein Lockmittel sind. Neben einem angemessenen Gehalt braucht man also andere Angebote für weibliche Top-Manager. Und diese müssen Frauen vor allem zeitliche und räumliche Flexibilität zugestehen und eher im Softskill-Bereich angesiedelt sein. Denn eigentlich ist sind Top-Jobs in Agenturen prädistiniert für Frauen. Trotz der Breite der Aufgaben ist man aus meiner Erfahrung als Top-Manager viel flexibler in der Zeitplanung als in anderen Positionen, wo man stark ins Tagesgeschäft involviert und von Timings abhängig ist.

Agenturen sollten endlich mit familienfreundlichen Arbeitsangeboten ernst machen, damit sie das große Potenzial und Wissen von Frauen nicht einfach verschenken. Gegen die noch immer herrschenden Rollenklischees müssen wir freilich alle angehen. hor

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