Fack Ju Göhte Regisseur Bora Dagtekin über seine Zeit bei S&J und Werbung als Inspirationsquelle

Donnerstag, 08. Mai 2014
Erfolgreicher Regisseur und Drehbuchautor: Bora Dagtekin (Foto: Constantin Film/Gene Glover)
Erfolgreicher Regisseur und Drehbuchautor: Bora Dagtekin (Foto: Constantin Film/Gene Glover)

Heute erscheint der Überraschungshit "Fack Ju Göhte" auf DVD. Über 7 Millionen Kinobesucher haben den Nummer-1-Film des Jahres 2013 gesehen. Im Exklusivinterview mit HORIZONT erinnert sich Regisseur Bora Dagtekin an seinen Karrierestart bei Springer & Jacoby und überrascht mit einem profunden Fachwissen über aktuelle Kampagnen. Außerdem gesteht der 35-Jährige, dass es ihn zurück in die Werbebranche zieht zumindest möchte er sich hin und wieder einen Ausflug dorthin gönnen. Sie sind derzeit der wohl erfolgreichste deutsche Regisseur. Woher kommt der Wunsch, einen Ausflug in die Werbung zu unternehmen?
Ich war vor der Filmhochschule auf der Texterschmiede, habe bei Springer & Jacoby als Juniortexter gearbeitet und finde Werbung einfach immer noch super. Mich interessiert Marketing und das Arbeiten mit Zielgruppen sehr.

Gibt es schon erste Aufträge von Werbekunden?
Im Sommer ist eine Social-Kampagne für die ARD-Themenwoche geplant, mit Testimonials, die ich inszenieren soll. Vielleicht drehe ich noch einen Spot nebenbei, wenn etwas Interessantes kommt. In der Werbung habe ich erst ein paarmal als Regisseur mitgepitcht, sofern die Zeit neben den Kinofilmen es zuließ. Es wird aber auch echt viel rumgepitcht in der Werbung, kann das sein?

Ja, das haben Sie ganz gut beobachtet. Es wird auch viel über die Pitchkultur in Deutschland geschimpft und darüber, dass Agenturen ihre Ideen unter Wert verkaufen. Geben Sie den Kreativen doch mal einen Tipp, wie sie dafür sorgen können, dass ihre Ideen wieder mehr wertgeschätzt werden!
Mangelnde Wertschätzung bedeutet das für mich nicht unbedingt. Sind das nicht einfach komplizierte Abstimmungsprozesse großer Konzerne, die ein bisschen Geduld einfordern?

Dieses Problem kommt hinzu. Viele gute Ideen verlieren in endlosen Abstimmungsprozessen an Kraft. Was übrig bleibt, ist langweiliger Einheitsbrei. Besonders beliebt sind derzeit austauschbare Vignettenspots mit netten Bildern, aber ohne eine kraftvolle Story dahinter. Das müsste Ihnen als Meister der Dialoge doch sehr missfallen.
Wenn ein bilderreicher Spot richtig emotional ist wie viele der Vignetten-Filme von Nivea oder einen smarten Abbinder hat wie der Internet-Explorer-Spot "90s", finde ich das schön. Dialog muss nicht immer sein. Ansonsten kann ich zu diesem Trend nur sagen: Vielleicht hat der Kunde alles abgeschossen, was eine geile Idee war, und am Ende bleiben nur noch die gut getesteten Mood-Bilder übrig. Humor und Eier kann man halt nicht testen, sondern sollte man haben. Vor allem, wenn man ein starkes Produkt hat.

Sie selbst haben mit Fack Ju Göhte ein sehr starkes Produkt geschaffen. Kümmern Sie sich auch persönlich um dessen Vermarktung?
Ich arbeite mit Torsten Koch von der Marketingabteilung von Constantin sehr eng bei der Vermarktung meiner Filme zusammen und drehe gern alles selbst egal ob Kino-Teaser, Webisodes oder Virals. Außerdem gibt es eine Gratis-App zum Film und unsere Facebook-Seite mit mehr als 1,2 Millionen Fans. Das Marketing gehört für mich beim Filmemachen eigentlich immer dazu. Es ist wichtig, dass der Konsument den Film auf diversen Kanälen erleben kann. Im Gegensatz zu vielen klassischen Marken machen wir es bei Constantin allerdings auch einfach: Wir pitchen nicht so viel, sondern drehen einfach los, wenn die Idee gut ist. Für mich darf eine virale Kampagne nicht so schwerfällig geplant sein. Wenn man sich im Netz bewegt, muss man so beweglich und experimentell sein wie die User dort.

Diese Woche erscheint Fack Ju Göhte auf DVD. Was kann die Werbebranche von diesem Film lernen?
Wir haben die Aufgabe gemeistert, aus einer originären Idee ohne jegliche Vorlage eine Marke, ein Film-Franchise, zu machen. Die Werbung für "Fack Ju Göhte" hatte immer den Anspruch, die Zielgruppe zu unterhalten. Grundsätzlich finde ich Marketing für TV- und Kinoprodukte oft ein bisschen lahmarschig. Die fiktiven Stoffe werden viel zu selten zu einer richtigen Marke hochgepusht, wie die Amis das machen. Wenn wir die Rollen besetzen, wissen die Schauspieler von Anfang an, dass sie mitmachen sollen und dürfen. Jella Haase, Karoline Herfurth und natürlich Elyas M Barek posten eifrig und vertreten den Film richtig gerne und leidenschaftlich in der medialen Welt. Wir hatten zudem tolle Partner wie Base, Pro Sieben, Bahlsen und McDonald's, die sehr engagiert mitpromotet haben. Auch ohne vorher zu wissen, ob es ein Hit wird, und trotz "Fack" im Titel. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ihre Partner haben sich im Nachhinein wahrscheinlich ins Fäustchen gelacht und freuen sich schon auf die Fortsetzung, die nächstes Jahr ins Kino kommen wird. Bleibt da überhaupt noch Zeit für andere Projekte?
Die Drehbuchentwicklung hat jetzt Priorität. Ein, zwei Werbejobs werde ich aber parallel machen. Wir treffen auch gerade neue Markenpartner für das Sequel und suchen nach klugen und smarten Einbindungen bis hin zur Kampagnen-Crosspromo zum Kinostart.

Wie wäre es mit Opel als Partner? Karoline Herfurth aus "Fack Ju Göhte" fährt ja schon einen. Wie gefällt Ihnen das?
Ich glaube, ich gehöre zu denen, die erst durch die Kampagne "Umdenken im x Kopf" mitbekommen haben, dass Opelfahren uncool war. Das war ein großer Schock. Ich bin als Student den alten Opel meiner Eltern gefahren und war offensichtlich ein totaler Loser. Davon muss ich mich erst mal in meinem Audi erholen. Karo finde ich genial. Ich hätte aber gerne etwas mehr Spiel gesehen. So viele gute Schauspieler und die sagen alle gar nichts. Das ist ja fast so, als ob man Jan Josef Liefers die Ferrero Rochers nicht essen lassen würde, sondern kurz vorm Auspacken wegschneidet.

Haben Sie eine Lieblingswerbung?
Die Crosspromotion des "Spiderman 2"-Films mit Evian fand ich sehr witzig, die neue Axe-Kampagne finde ich super und die Edeka-Werbung hat ein auffallend gutes Casting und ist toll gemacht. Ich mag aber auch H&M, Volkswagen, McDonald s und Cortal Consors. Ich liebe die "Bild"-Spots aus der "Nichts ist härter ..."-Ära. Smart Offroad und das Adobe-"Baby" sind auch richtig genial. Ich stehe nicht so sehr auf so off-beatigen Office-Humor und farb-entsättigte Konferenzräume mit skurrilen Karikaturen deutscher Beamter. Es ist natürlich viel einfacher, etwas Absurdes zu machen, als cool zu sein und den Zeitgeist zu treffen.

Sie kennen sich ja richtig gut in der Branche aus! Ist Werbung für Sie eine Inspirationsquelle?
Aus der Werbung kann man lernen, was eine gute Idee und ein gutes Konzept sind. Ich vermute, das hat mir Timm Weber als mein Kreativdirektor bei Springer & Jacoby dermaßen eingebläut, dass ich das nie mehr aus dem Kopf kriegen werde. In meine Arbeit als Filmemacher fließt sehr viel von dem ein, was ich in meiner Zeit bei S&J gelernt habe.

Zum Beispiel?
Ich habe sehr wenig Probleme damit, mittelbeschissene Ideen einfach wegzuwerfen. Außerdem inspiriert mich ein Claim, der über Jahre funktioniert. Ich finde es bewundernswert, wenn Corporate Identities eingehalten werden und kaufe gerne Produkte, die eine intelligente Kampagne haben. Ich finde, das muss belohnt werden. Nur bei den Waschmitteln verwechsle ich immer Ariel, Persil und Spee. Ich stehe dann im Supermarkt und denke: Fuck, welches war noch mal der langweiligste Spot, den darfst du auf keinen Fall unterstützen, sonst kriegen die noch meinetwegen einen Effie. bu

Das vollständige Interview lesen Sie in HORIZONT 19/2014 vom 8. Mai 2014

Die beliebtestens Trailer zu "Fack Ju Göhte":

Meist gelesen
stats