FDP-Logo im Expertencheck Von "dilettantisch" bis "zeitgemäß" - So urteilen Kreative und Designer

Mittwoch, 07. Januar 2015
Das neue Logo der FDP wurde in Stuttgart auf dem Dreikönigstreffen enthüllt
Das neue Logo der FDP wurde in Stuttgart auf dem Dreikönigstreffen enthüllt
Foto: ´FDP
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FDP Christian Lindner Dreikönigstreffen Expertencheck


Auf dem gestrigen Dreikönigstreffen hat FDP-Chef Christian Lindner das neue offizielle Partei-Logo präsentiert. HORIZONT Online hat Kreative und Designer nach ihrer Meinung zu dem überarbeiteten Emblem gefragt. Um es vorweg zu nehmen: Stärker könnten die Meinungen nicht auseinander gehen.

Lars Kreyenhagen, Geschäftsführer bei Karl Anders - 4 Sterne

Lars Kreyenhagen
Lars Kreyenhagen (Bild: Karl Anders)
"Ich muss immer noch schmunzeln über die Kamerafahrt der ARD über die Beine von Katja Suding. Und wünsche der FDP für die Zukunft mehr Aufmerksamkeit für andere Dinge. Zum Beispiel mit relevanten Inhalten den neuen Auftritt mit Leben füllen. Denn das hat er wirklich verdient. Das Logo ist plakativ, mutig und schafft Aufmerksamkeit. So wie es sich für einen Herausforderer gehört. Aber es ist leider im Detail nicht wirklich fein herausgearbeitet. Deswegen nur 4 von 5 Sternen."

Olaf Schroeter, Head of Creation bei Metadesign - 1 Stern

Olaf Schroeter von Metadesign
Olaf Schroeter von Metadesign (Bild: Agentur)
"Also gut. Die FDP erfindet sich neu und präsentiert uns wortreich ein neues Logo. Vizechef Kubicki begründet den raffinierten Schachzug so: 'Es ist ein Zeichen. Gelegentlich muss man die Tapeten in seiner Wohnung neu kleben, um festzustellen in was für einer tollen Wohnung man lebt.' Ganz so, als ob man die Niederlagen der vergangenen Monate zukleistern möchte und dafür Tine Wittler als externe Beraterin engagiert hat. Bleibt die Frage, ob man sich jetzt mehr zu Hause fühlt. Und zweifelhaft, ob es der FDP gelingen wird, mit dem neuen Logo dem formulierten Anspruch einer Modernisierung gerecht zu werden und es als Symbol einer neuen Freiheit zu etablieren.
„Auch der pfiffige Balken kämpft mit seiner Positionierung.“
Olaf Schroeter
Das Logo ist ideenlos und dilettantisch in der Umsetzung. Der Slogan 'Freie Demokraten' mag besser sein als 'Die Liberalen', wirkt aber dennoch ein wenig hilflos: Man schreibt mal lieber hin, wer man ist  – weiß ja vielleicht keiner mehr? Die zusätzliche Farbe Magenta erscheint willkürlich, ohne Bezug. Die Schrift wirkt statisch und antiquiert. Und auch der pfiffige Balken kämpft mit seiner Positionierung. Das neue Logo verwässert das Profil der Partei eher, als dass es Orientierung schafft. Mein Fazit: In der Tat. Das neue Logo ist ein Zeichen. Aber leider das Falsche."

Heinrich Paravicini, Managing Partner bei Mutabor Design - 3,5 Sterne

Heinrich Paravicini
Heinrich Paravicini (Bild: Mutabor Design)
"In Zeiten von Content Marketing ist es interessant, wie bei diesem Logo der Inhalt über die Form gestellt wurde. 'Freie Demokraten' ist offensichtlich die neue Positionierung. Zugunsten dieser Aussage rückt die eigentliche Typomarke FDP in den Hintergrund. Die Typografie in Slabserif wirkt etwas kantiger und industrieller - weniger stromlinienförmig: ein Hinweis, dass die FDP jetzt die Ärmel hochkrempeln will? Die Farben freuen vor allem die Drucker: Cyan, Yellow und Magenta - und zusammen mit dem Schwarz der CDU kriegt man dann sogar ein buntes Bild gedruckt. Beabsichtigt?
„Ein absolut zeitgemäßer Entwurf.“
Heinrich Paravicini
Fazit: Das Wort dominiert über die Form. Da die Bezeichnung Logo von griechischen Logon = Wort kommt, ist das hier ein absolut zeitgemäßer Entwurf. Die Griechen haben schließlich auch die Demokratie erfunden. Ob es hilft, bleibt abzuwarten."

Mathias Jahn, freier Kommunikationsberater - 3 Sterne

Mathias Jahn, Freelancer (zuvor: Heye)
Mathias Jahn, Freelancer (zuvor: Heye)
"Das Auffälligste an diesem Logo ist ja der Text: 'Freie Demokraten' steht da nun über der Abkürzung FDP. Das ist erst einmal eine gute Idee: Denn in den letzten Jahren ist der Freiheitsgedanke etwas verlorengegangen zwischen Klientelpartei, Hoteliersteuer und Neoliberalismus. Und vielleicht soll es auch den Hamburger 'Neuen Liberalen' ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen.
„Als Logo ist mir das zu bunt und zu viel gewollt.“
Mathias Jahn
Die Blau-Gelb-Kombination wirkt deutlich frischer; das Magenta ist von den österreichischen 'Neos' ausgeliehen, dürfte in Deutschland aber eher an die Telekom erinnern. Als Logo ist mir das zu bunt und zu viel gewollt, als Zusatzfarbe in der CI könnte es aber durchaus gut funktionieren. 'Wir haben Lust auf die Gestaltung der Zukunft…', schreibt Herr Lindner dazu. Ob die FDP nach dem Logo jetzt auch mutig an ihren eigenen Content rangeht?"

Claus Koch, Geschäftsführer Claus Koch - 0 Sterne

Claus Koch
Claus Koch (Bild: Agentur)
"Rückwärts gerichtetes Telekom Magenta. Farbkombinatorisch ernüchternd und sehr unsympathisch. Kein Logo – sondern die Summe einzelner Elemente mit harter und teutonischer Typografie. Im Sterneregen eine saubere Null."

Erik Spiekermann, Partner bei Edenspiekermann - Sterne k.A.

Erik Spiekermann
Erik Spiekermann (Bild: Foto: Edenspiekermann )
"Was allgemein als neues 'Logo' der FDP gehandelt wird, ist kein Logo, sondern ein neuer Auftritt, eine neue Marke. Es gibt eigentlich kein festes Logo mehr, sondern die Elemente der Marke werden in verschiedenen Farben und wechselnden Anordnungen verwendet. Gemeinsamer Nenner sind die Farben: Blassgelb, Blassblau und Magenta oder auch CMY ohne K, also die Grundfarben des Vierfarbdrucks. Wichtigste Änderung ist, dass die Partei jetzt als Freie Demokraten auftritt, mit der Abkürzung FDP als Zusatz. Also nicht mehr FDP als Logo mit einer Unterzeile ('Die Liberalen'), sondern umgekehrt.
„Ein Hauch von 80er Jahre weht dort.“
Erik Spiekermann
Über die inhaltlichen Implikationen müssen wir anderswo diskutieren, aber gestalterisch fällt auf, dass die modische Streifentypografie mit sehr kalten Farben und konstruierten Schriften daherkommt. Die Wirkung ist dadurch laut, auch frisch, aber weder wertig noch warm. Sowohl auf der Website als auch in der Wahlwerbung für Hamburg werden die bunten Streifenelemente abwechslungsreich in Szene gesetzt. Ein Hauch von 80er Jahre weht dort. Das soll cool und frisch wirken, kommt mir aber sehr angestrengt und verkopft vor. Schon sehr für die Reklame bestimmt. Ob das ein Markenauftritt sein wird, der Bestand hat über den nächsten Wahlkampf hinaus? Zumindest anders ist er und unter den Auftritten der anderen Parteien sicherlich auffällig und mutig (der Mut der Verzweiflung?), aber auch gewollt jugendlich und wieder angeberisch wie seinerzeit Westerwelles 18-Prozent Schuhe. Vielleicht sollten Werbeagenturen doch lieber bei Werbung bleiben und Markengestaltung den Spezialisten überlassen. Immerhin ist es ein Fortschritt, dass eine Marke hier nicht auf ein Logo beschränkt wird, sondern dass der Gesamtauftritt mit wechselnden Elementen dem jeweiligen Medium entspricht. Ich kenne das Briefing nicht, weiss aber, dass jeder Auftraggeber die Gestaltung bekommt, die er verdient. Wir Nutzer merken schnell, wenn sich hinter einem schicken Auftritt kein Inhalt findet."

Roland Bös, Managing Director bei Scholz & Friends - 4 Sterne

Roland Bös von Scholz & Friends
Roland Bös von Scholz & Friends (Bild: Agentur)
"Es ist strategisch richtig, dass die FDP einen Neuanfang auch in ihrem Erscheinungsbild kommunizieren will. Zu viele Erwartungen sollte man an das Design einer Partei aber nicht stellen, entscheidender sind die jetzt anstehenden Urnengänge in Hamburg und Bremen. Deshalb wird das große Tamm-Tamm zur Einführung des neuen Logos schnell wieder abnehmen. Aber es zeigt einmal mehr, dass die Marke FDP den Menschen offensichtlich nicht vollends gleichgültig ist." 

Jochen Rädeker, Geschäftsführer bei Strichpunkt - 2 Sterne

Strichpunkt-Chef Jochen Rädeker fordert Neubewertung von Awards
Strichpunkt-Chef Jochen Rädeker fordert Neubewertung von Awards
"Die FDP in Gelb, Cyan und Magenta – was soll man davon halten? Alle bunten (Basis-)Farben dieser Welt – ein wenig wie ein fröhlicher Strauß Luftballons, für jeden ist irgendwie etwas dabei und keiner nimmt es so richtig ernst. Passend jedenfalls zu den Slapstick-Slogans der letzten Wahlkämpfe. Der neue, lange blaue Schriftzug ist typographisch und grafisch eine flache, fette Reminiszenz an die achtziger Jahren, als man noch serifenbetont selbstbewusst auftreten konnte. Der Balken in Magenta mag die Hoffnung nähren, dass irgendwann mal wieder jemand anruft oder Koalitionen mit SPD und der Linken offen halten, die drei zarten Lettern darin geraten dagegen so spindeldürr wie die aktuellen Wahlergebnisse. Eine kleine Unausgewogenheit auch in der Balkenhöhe: diese ist insgesamt schmaler als die Minuskelhöhe des blauen Schriftzugs, was insbesondere in Anordnungen wie auf der mobilen Website negativ auffällt.
„Die drei zarten Lettern geraten so spindeldürr wie die aktuellen Wahlergebnisse.“
Jochen Rädeker
Wie immer kommt es bei einem neuen Corporate Design aber vor allem darauf an, ob es auch neue Inhalte transportiert – und die muss die FDP erst mal liefern. Ob es da ausreicht, dass Herr Lindner offensichtlich ein Bühnentraining bei Steve Jobs genommen hat, mag dahingestellt bleiben. Als Apple noch eine kleine Nerd-Bude mit Produkten nur für Werber und Designer war, war der Apfel übrigens auch mal bunt. Als die Firma dann wirklich ernst genommen werden wollte, hat man den Farbreigen schnell wieder abgeschafft."

Norbert Möller, Executive Creative Director bei Peter Schmidt Group - Mut: 5 Sterne, Ausführung: 1 Stern

Norbert Möller, ECD Peter Schmidt Group
Norbert Möller, ECD Peter Schmidt Group
"Ob Fußballverein oder politische Partei: Wenn ein Design die eigenen Gesinnungen tangiert, fällt seine Beurteilung selten fair aus. Oft wird dann so heftig kritisiert, dass Verantwortliche den Vorschlag wieder zurückziehen. Daher: Der Mut, den die FDP in diesem Umfeld beweist, ist volle fünf Sterne wert.
In der Umsetzung ist das neue Logo hingegen voller Widersprüche. Dies beginnt bei der Ergänzung durch die Farbe Magenta. Die Begründung dafür lautet: Magenta soll der Partei einen wärmeren Touch verleihen. Jedoch: Magenta ist keine warme Farbe. Sie ist laut, intensiv und wenn man an Purpur denkt – Magenta wird ja auch als 'helles Purpur' bezeichnet – dann steht sie gar für Macht. Beim Betrachten erster Umsetzungen scheint nahezu jede Kombination der drei Farben im Logo möglich. Das ist unter dem Gesichtspunkt der Markenkonsistenz ungewöhnlich. Das Logo selbst hat sich befreit. Aus den 'Die Liberalen' sind jetzt 'Freie Demokraten' geworden. Ich bin ein großer Befürworter des Ansatzes, dass sich Abkürzungen selbst erklären (wie hier FDP mit Freie Demokraten).
„Das Logosystem ist nicht durchdacht, sondern zu sehr an das Kampagnenprinzip angelehnt.“
Norbert Möller

Gestalterisch ist das Logo durch den Wegfall der geschlossenen Umform und durch die Farbkombinationen, die stark an das subtraktive Farbmodell der Druckindustrie CMYK erinnert, nicht einfach in der Benutzung. Die Farben beißen sich, man muss Acht geben, dass alles lesbar bleibt. Und der Balken mit dem FDP-Schriftzug steht mal unter 'Freie Demokraten' und manchmal zwischen 'Freie' und 'Demokraten'. Hier regelt augenscheinlich der freie Platz die Anwendung. Das Gestaltungsprinzip mit den Kommunikationsinhalten wird dann auch weiter von der Marker- und Balkenoptik bestimmt. Da unterscheidet am Ende nur noch die Schriftart, was Inhalt bzw. Text und was Logo ist. Die Logotypo entstammt der Schrift PMN Caecilia, wobei hier ein paar Buchstaben angepasst worden sind. Die Serife vom 'F' gekürzt, das 'D' gestaucht, der i-Punkt ist jetzt eckig. Kann man machen – aber die vier 'e'-Buchstaben durch eine andere Grotesk-Schrift auszutauschen: Warum? Das macht es nicht besser. Und schade ist, dass die Zwischenräume bei 'FDP' optisch nicht ausgeglichen sind. Das ist handwerklich schlecht für ein Logo – und es sind doch gerade mal drei Buchstaben. Fazit: Offenbar wollen die Freien Demokraten mit ihrem neuen Logo und dem neuen Corporate Design einen Aufbruch sichtbar machen. Dem allerdings fehlt es – mindestens unter gestalterischen Aspekten – an Stringenz. Es ist extrem flexibel, anstatt klar definiert zu sein. Das Logosystem ist nicht durchdacht, sondern zu sehr an das Kampagnenprinzip angelehnt. Schon am ersten Tag der Veröffentlichung sieht es für den Betrachter wirr aus, wie soll das erst später werden? Bei allem Zweifel gilt mein Respekt der im Kontext Politik radikalen grafischen Grundidee. Das Anwendungssystem hingegen braucht mehr Ordnung und Zielstrebigkeit. Ein Problem, mit dem die Freien Demokraten in der jüngeren Vergangenheit ohnehin ja schon ordentlich zu schaffen gehabt haben."

Stephan Vogel, ADC-Präsident und Kreativchef bei Ogilvy - 2 Sterne

Stephen Vogel führt den ADC für weitere zwei Jahre
Stephen Vogel führt den ADC für weitere zwei Jahre (Bild: Foto: Ogilvy)
"Egal bei welcher Art von Produkt: ein geändertes Branding oder Packaging kann nie darüber hinwegtäuschen, dass sich am Inhalt nichts geändert hat. Eine Partei, als Markenartikel, muss sich aber durch ihre Inhalte definieren. Ändert sie die gestalterische Form, nicht aber den Inhalt, wirkt das wie ein durchsichtiges Marketing-Manöver; wenig überzeugend."

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