Exklusiv-Interview Wim Wenders: "Mancher Werbedreh hat mich gerettet"

Freitag, 16. Oktober 2015
Regielegende Wim Wenders präsentierte sein Schaffen in der Werbung erst kürzlich bei der Regielounge von BBDO
Regielegende Wim Wenders präsentierte sein Schaffen in der Werbung erst kürzlich bei der Regielounge von BBDO
Foto: Peter Lindbergh

ADC-Ehrenmitglied Wim Wenders ist als Regisseur nicht nur dreimal für den Oscar nominiert gewesen. Er hat in seinem Leben bislang auch bereits rund 80 Werbespots gedreht. Im Exklusiv-Interview mit HORIZONT erklärt er, weshalb weshalb die Werbung für ihn weit mehr ist als Inspirationsquelle und Experimentierfeld. Außerdem verrät der 70-Jährige, an welche Spots er sich besonders gerne erinnert und gibt überraschenderweise zu, dass er sich über Blockbuster wie „Fack ju Göhte“ blendend amüsieren kann. Dessen Star Elyas M’Barek könnte er sich sogar in seinen eigenen Filmen vorstellen.

Als Sie Anfang der 90er Jahre Ihren ersten Werbejob angenommen haben, hatten Sie sich mit dem Drama „Paris, Texas“ bereits einen Namen in der internationalen Filmszene gemacht. Was hat Sie an der Werbebranche interessiert?
Ich habe diesen Job aus vielerlei Gründen angenommen. Der wichtigste war, dass ich bis dahin keine Erfahrung mit digitaler Bildbearbeitung gemacht hatte. Bei diesen vier Spots sollte eine sehr starke Nachbearbeitung stattfinden. Mit einer Art Morphing haben wir fließende Übergänge zwischen alten italienischen Gemälden und realen Szenen erzeugt. Das fand ich spannend.

Was ist heute Ihre Hauptmotivation, wenn Sie einen Auftrag aus der Werbung annehmen?
Die Möglichkeit, mit neuen Techniken zu experimentieren, neue Werkzeuge der Bildsprache auszuprobieren. Die Werbung bietet da viel mehr Möglichkeiten, allein aus Budgetgründen. Es steht einem für 30 Sekunden Film ein Kostenrahmen zur Verfügung, mit dem Sie beim Spielfilm zehn Minuten oder gar mehr drehen müssen. Als ich mit der Werbung angefangen habe, gab es allerdings noch einen anderen, etwas abstrakteren Grund, weshalb mich das Genre gereizt hat.

Und der wäre?
Ende der 80er Jahre wurde der Spielfilm als treibende Kraft der Bildästhetik abgelöst, und zwar von Musikvideos und Werbefilmen. Als „Paris, Texas“ 1984 herauskam, hatte der Film noch eine Wirkung, die sich durchaus auch in der Werbung niederschlug. Jedes zweite Commercial wurde da in der Wüste gedreht oder mit einer Bottleneck-Gitarre unterlegt. Und wie viel Werbung nach „Der Himmel über Berlin“ 1987 mit Engeln bevölkert war, weiß ich auch nicht mehr. Diese beiden Filme wurden noch vielfach kopiert und hinterließen Spuren in der Bildsprache vieler Spots. Doch danach war das bald vorbei. Dann sahen Spielfilme auf einmal alle aus wie Budweiser-Commercials und waren auch so geschnitten. Musikvideos und Werbespots waren urplötzlich die Speerspitze der Kreativität. Wir wussten es alle noch nicht, aber das war der Beginn der digitalen Revolution. Jedenfalls wollte ich da an vorderster Front dabei sein. Ich wollte wissen, wie Werbung funktioniert und was ich davon lernen konnte.

Heute setzen Sie eher mit Ihren Langfilmprojekten Trends als mit den Werbespots, die Sie machen. Sowohl bei der für den Oscar nominierten Dokumentation „Pina“ als auch bei dem Spielfilm „Everything will be fine“ haben Sie virtuos mit den Möglichkeiten der 3D-Technologie gespielt. Wieso gibt es noch keinen 3D-Werbespot von Ihnen?
Das ist tatsächlich ein Jammer, dass es den noch nicht gibt. Ich war zweimal kurz davor, aber jedes Mal sind die Produktionen dann doch gescheitert. Ich vermute, es liegt daran, dass sich das Fernsehen weltweit in großem Stil aus dem Bereich 3D zurückgezogen hat. Besagte Projekte wären reine Kinoproduktionen gewesen. Womöglich war den Kunden die Herstellung letzten Endes zu aufwendig, denn einen in 3D produzierten Film konnten sie weder im Internet noch im Fernsehen einsetzen.

Trauern Sie diesen verpassten Chancen nach?
Ja, ich habe mich beide Male echt gegrämt, weil es wirklich interessante Jobs gewesen wären, die ich wahnsinnig gerne gemacht hätte. Ich habe jetzt wieder eine Anfrage für einen 3D-Werbefilm. Hoffentlich klappt es diesmal.

Gibt es noch andere technologische Trends, mit denen Sie sich aktuell beschäftigen?
Ich beschäftige mich intensiv mit der Frage, wie man mit Virtual Reality erzählen könnte. Da wird es demnächst auch mal ein paar Probeaufnahmen geben. Richtige Projekte sind aber noch nicht in der Pipeline. Dafür ist es noch zu früh.

An welchen konkreten Projekten arbeiten Sie gerade?
Es wird einen weiteren Spielfilm geben, über den ich aber noch nicht reden kann. Parallel dazu habe ich die Arbeit an einem Langzeit-Dokumentarfilm über einen Architekten begonnen. Das wird sich über mehrere Jahre hinziehen, weil ich hierbei die Bauten von der Konzeptionsphase bis zur Fertigstellung begleiten möchte.

Wird es dazwischen auch wieder neue Werbespots geben?
Ich hoffe sehr. Schließlich sichert mir die Werbung eine gewisse Kontinuität im Einkommen. Wissen Sie, das Filmemachen ist in den gut 45 Jahren, in denen ich das nun schon mache, sehr viel komplexer und zeitaufwendiger geworden. Als ich jung war, habe ich jedes Jahr einen Film gedreht. Inzwischen braucht man drei, vier Jahre dafür. Und da ich alle meine Filme selbst produziere, und dann auch mal die Regiegage draufgeht, um die letzten Drehtage zu finanzieren, bleibt unter dem Strich oft nicht viel übrig. Da hat mich so mancher Werbedreh gerettet.

Verzeihen Sie, aber es ist schwer vorstellbar, dass sich ein weltbekannter Regisseur, der dreimal für einen Oscar nominiert war, um sein Einkommen sorgen muss.
Ist aber so. Das Arthouse Kino ist auf dem Weg, eine brotlose Kunst zu werden.

… immerhin eine Kunst, die die Kritiker und Filmjurys lieben. Wäre es für Sie die Krönung Ihres Lebenswerks, wenn Sie neben Ihren unzähligen anderen Auszeichnungen auch noch den Oscar erhalten würden?
Ganz ehrlich: Ich werde damit weder ein besserer Regisseur noch ein besserer Mensch. Mit den drei Nominierungen kann ich ganz gut leben. Ohnehin ist es bei den Oscar-Verleihungen doch so, dass allzu oft nicht derjenige Film gewinnt, der es am meisten verdient hätte. Insofern muss man sich auf diesen Preis auch nicht so viel einbilden.

Apropos Preise: Dieses Jahr sind Sie als Ehrenmitglied in die Reihen des Art Directors Clubs aufgenommen worden. Können Sie mit dieser Auszeichnung überhaupt etwas anfangen?
Oh ja, sicher. Mir ist durchaus bewusst, dass diese Ehrung innerhalb der Branche einer Adelung gleichkommt. Leider konnte ich bei der Verleihung nicht dabei sein, weil sich der Termin mit meiner Retrospektive im New Yorker MoMA überschnitten hat. Aber der goldene Nagel hat einen Ehrenplatz.

Gibt es bei den vielen Werbespots, die Sie bereits gemacht haben, auch den einen oder anderen, mit dem Sie ganz besondere Erinnerungen verknüpfen?
Ich erinnere mich besonders gerne an diejenigen, bei denen ich etwas mehr Zeit und Spielraum hatte. Da gibt es zum Beispiel einen Barilla-Spot, bei dem ich direkt mit dem Kunden zusammengearbeitet habe. Es war keine Agentur dazwischengeschaltet. Das war eine tolle Erfahrung, auch als höchst seltene Ausnahme natürlich. Die Dreharbeiten in Südafrika waren irre abenteuerlich. Wenn man nicht gerade Akira Kurosawa heißt, kommt es schließlich nicht so häufig vor, dass man 100 Reiter in Samurai-Uniformen auf dem Set hat. Außerdem bin ich sehr stolz auf meine Stella-Artois-Spots. Die sind witzig. Ein komisches Talent kann ich ja nicht oft unter Beweis stellen.

Viele Ihrer Produktionen sind eher poetisch und überzeugen durch ihre erzählerische Kraft. So wie der Kurzfilm für Magnum, der 2014 anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Langnese-Marke entstanden ist. Sie haben damals mit dem deutschen Shootingstar Elyas M’Barek zusammengearbeitet. Wie war das?
Das hat richtig Spaß gemacht. Mit Elyas habe ich anschließend per Handschlag vereinbart, dass wir einmal etwas Größeres zusammen machen. Ich finde den Jungen hochbegabt und freue mich, dass wir uns kennengelernt haben.

Dann können wir uns also schon jetzt auf Elyas M’Barek als Hauptdarsteller im neuen Wim-Wenders-Film freuen?
Wieso nicht? Denkbar wäre auch, dass wir gemeinsam ein Projekt entwickeln.

„Fack ju Göhte“ ist allerdings ein vollkommen anderer Stil als das, was Sie sonst machen. Haben Sie sich den Film angesehen?
Ja, sicher. Meine Frau und ich haben uns dabei schwer amüsiert. Erziehung und Schule sind in der Familie aus diversen Gründen ein großes Thema.

Wie wichtig ist Ihnen der Absender, wenn Sie als Werbefilmregisseur hinter der Kamera stehen? Gibt es eine Marke, für die Sie nicht arbeiten würden?
Ich muss in jedem Fall zu dem Spot stehen können und will mich nicht hinterher dafür schämen müssen. Und natürlich gab es viele Anfragen, die ich nicht angenommen habe. Das lag aber nicht unbedingt immer nur an dem Produkt. Es kommt auf das Gesamtpaket an: das Konzept, die Agentur und den damit verbundenen Spaßfaktor.

Wie stark nehmen Sie bei Werbeprojekten Einfluss auf das Storyboard?
Das ist sehr unterschiedlich. Aber bei Projekten, die von vornherein wenig Spielraum bieten, zögere ich am meisten, ob ich sie wirklich annehmen soll. Ich bin nicht der Richtige, wenn es nur darum geht, ein festgezurrtes Storyboard zu exekutieren. Das sollen andere machen. Ich will mich auch in der Werbung einbringen können und wissen, dass ich ... that I can bring something to the table. Geht auf Englisch besser. Ich will vor allem nicht das Gefühl haben: Hmmm, das könnte jemand anderes besser als ich. bu

Meist gelesen
stats