Dorian Lebherz Der "Dear Brother"-Regisseur über den Überraschungserfolg des Jahres

Montag, 21. Dezember 2015
Dear Brother wird weit über die Landesgrenzen hinaus gelobt
Dear Brother wird weit über die Landesgrenzen hinaus gelobt
Foto: Filmakademie Ludwigsburg

Mit "Dear Brother" haben die Nachwuchsfilmer Dorian Lebherz und Daniel Titz einen sensationellen Überraschungserfolg hingelegt: Deutsche Publikumsmedien landauf landab berichten darüber, selbst in den USA lobt man den Spec-Spot für Johnnie Walker. HORIZONT Online hat mit Lebherz über den Hype gesprochen.
Es gibt viele Spots, die vom Start weg virale Hits sind: Edekas "Heimkommen" zum Beispiel löste bereits am Tag des Erscheinens Diskussionen aus und wurde entsprechend häufig geteilt. Bei "Dear Brother" lief es ein wenig anders. Lebherz und Titz hatten den Spot bereits Anfang Dezember HORIZONT Online angeboten. Die Geschichte, in der zwei junge Männer eine mysteriöse Reise durch das unwirtliche schottische Hochland machen, hat die Redaktion sofort überzeugt. Am 7. Dezember war der Spot bei uns "Auftritt des Tages". Bis der Hype begann, dauerte es aber noch gut eine Woche. Dann nämlich berichtete der US-Branchendienst "Adweek" über "Dear Brother" und fragte: "Ist dieser Spec-Spot für Johnnie Walker die beste Studentenarbeit aller Zeiten?". In der Folge schwappte die Welle der Berichterstattung auch nach Deutschland über. Neben den Fachmedien schrieben nun auch Publikumstitel wie "Die Welt", "Focus Online", "Bild" oder die "Stuttgarter Nachrichten" über Lebherz und Titz und ihr emotionales Werk. Und selbst gestandene Agenturchefs loben den Film über den grünen Klee.

Die Macher selbst haben davon erst nach und nach erfahren: Während der Dreharbeiten für ihr nächstes Projekt trudelten immer mehr Nachrichten von begeisterten Zuschauern ein. Und die Überraschung war groß: "Nachdem HORIZONT und Adweek über uns berichtet haben, breitete sich der Film sehr schnell im Internet aus. Wir waren zwar absolut überzeugt von der Geschichte, aber mit so einem großen Hype hätten wir niemals gerechnet", sagt Lebherz im Gespräch mit HORIZONT Online. Zwar hatten beide die Hoffnung, dass "Dear Brother" groß die Runde machen würde. Aber ein derartiger Erfolg sei nun einmal nicht planbar: "Virale Kriterien lassen sich nicht im Voraus festlegen. In der Regel werden lustige oder hoch kreative Spots häufig geteilt. Es ist schön zu sehen, dass es auch mit einer solchen Geschichte gelingen kann."
Allerdings haben die beiden Nachwuchsregisseure einen Nerv getroffen: Wie auch der Edeka-Spot behandelt "Dear Brother" zwei emotionale bzw. sensible Themen: Tod und Familie. Zu Letzterem sagt Lebherz: "Familie ist wichtig. Umso schlimmer ist es, wenn sie eines Tages nicht mehr da ist. Dieses Thema bewegt offensichtlich viele Menschen. Das sieht man ja auch am Erfolg des Edeka-Spots."

Vergleichen könne man beide Spots jedoch nicht, dazu sei der erzählerische Ansatz zu unterschiedlich. "'Heimkommen' ist auf positive Weise mutig", lobt der Student die Arbeit von Jung von Matt. "Der Spot erzählt eine gute Geschichte ohne darauf zu achten, ob jeder diese Geschichte auch gut findet. Das polarisiert natürlich. Und was polarisiert, darüber unterhalten sich die Leute." Was der Spec-Spot für Johnnie Walker Edeka nichtsdestotrotz voraushaben dürfte: Er passt perfekt zur Marke, deren Claim 13 Jahre lang "Keep walking" lautete. Als Lebherz und Titz drehten, wussten sie nicht nicht, dass Johnnie Walker bereits einen Nachfolger für die Kampagne im Kasten hatte.

Doch nicht nur thematisch haut "Dear Brother" in die richtige Kerbe. Der Film ist einfach hervorragend umgesetzt, das gesamte Bild ist in sich stimmig. Nicht nur, dass die Geschichte in der passenden Umgebung spielt: Schottische Highlands mit dem typisch unberechenbaren Wetter, eine pittoreske und gleichsam wunderschöne Landschaft, die Einsamkeit und Idylle gleichermaßen widerspiegelt. Lebherz und Titz haben es darüber hinaus geschafft, kleine Andeutungen in ihrem Film zu verstecken, die auf das Ende hindeuten sollen: Der abgeschnittene Kopf eines der Protagonisten in der Brückenszene, sein plötzliches Verschwinden im Wald oder sein zersprungenes Whisky-Glas. Storytelling vom Feinsten.
Dorian Lebherz und Daniel Titz treten gerne inkognito an die Öffentlichkeit
Dorian Lebherz und Daniel Titz treten gerne inkognito an die Öffentlichkeit (Bild: Lebherz/Titz)
"Wichtig ist, dass der Zuschauer sich ernst genommen fühlt. Deswegen muss die Geschichte ehrlich sein. Sie darf dem Zuschauer nicht etwas vorspielen, was sie nicht sein kann. Nur dann fühlt er sich auch ernst genommen", sagt Lebherz über den kreativen Anspruch des Regieduos, das in der medialen Berichterstattung gerne inkognito auftritt - nämlich als Waschbär bzw. Lama.

Möglicherweise zeigen die beiden bald aber auch ihre echten Gesichter. Nämlich dann, wenn ohnehin ganz Werbedeutschland sie kennt. Auf dem besten Weg dorthin dürften sie sein. Zunächst wollen Lebherz und Titz aber beweisen, dass sie das Niveau aus "Dear Brother" halten können. Das nächste Projekt ist bereits in der Mache. Um was es sich dabei handelt, wird noch nicht verraten. Nur so viel: Es wird eine andere emotionale Tonalität haben als der Spot, der seit zwei Wochen die Massen begeistert. ire
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