Digitalagenturen Syzygy-Chef Marco Seiler: "Es fehlt der Hunger auf Neues"

Montag, 15. Februar 2016
Syzygy-Chef Marco Seiler will seine Branchenkollegen aufrütteln
Syzygy-Chef Marco Seiler will seine Branchenkollegen aufrütteln
Foto: Syzygy
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Vorige Woche ging es Schlag auf Schlag: Nach dem Deal mit Aperto am Dienstag gab IBM einen Tag später auch die Übernahme der Digitalagentur Ecx.io in Düsseldorf bekannt. Sind die großen IT-Beratungen dabei, den Digitalmarkt unter sich aufzuteilen? Im Interview mit HORIZONT fordert Syzygy-Chef Marco Seiler seine Kollegen auf, wieder mutiger zu werden und mehr zu investieren.

Herr Seiler, hätten Sie Ihre Agentur auch gern an IBM verkauft? Nein. Erstens stellt sich für uns diese Frage nicht, zweitens ist uns die Kultur der großen Networks und Werbeholdings sicher näher als die der IT-Berater.

Was glauben Sie hat Ihre Kollegen bei Aperto und Ecx.io dann dazu veranlasst? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Beratungsfirmen bereit sind, sehr ordentliche Preise zu bezahlen. Es gibt also handfeste wirtschaftliche Gründe, die für diesen Schritt sprechen.

Keine inhaltlichen? IBM macht seit Jahren einen tiefgreifenden Wandel durch: vom Hardwarehersteller zum Service- und Technologieanbieter – ein riesiger Tanker, der versucht, sich zu drehen. Ob das die richtige Umgebung für die Weiterentwicklung einer Agentur ist, muss jeder selbst wissen. Aber im Kern finde ich die Herangehensweise von IBM spannend. Sie haben erkannt, dass durch die Digitalisierung im Marketing neue Chancen entstehen und das Smartphone als Katalysator wirkt. Davon wollen die IT-Berater profitieren und investieren massiv in technologische Kapazitäten sowie in Produkt- und Servicedesign.
„Mir liegt es fern, Werbung totzureden. Aber im Netz werden einfach andere Formen von Kreativität und auch andere Typen zunehmend nachgefragt.“
Marco Seiler


Sie haben mal gesagt, die Digitalagenturen seien bequem geworden und liefen Gefahr, sich von den Beratern die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Ja, es scheint, viele Digitalagenturen schwimmen mittlerweile nur noch so mit im großen Strom – geht ja auch gut, angesichts von Wachstumsraten zwischen 15 und 20 Prozent. Das liegt aber vor allem daran, dass der Markt weiter wächst und nicht daran, dass sich die Agenturen aufgrund einer klaren Strategie neue Potenziale erschließen.

Wie erklären Sie sich diese Lethargie? Wir haben auf der einen Seite die Vertreter einer Gründergeneration, die seit 15 bis 20 Jahren im Geschäft sind und deren Agenturen sich alle mehr oder weniger gut entwickelt haben. Da besteht die Gefahr, dass man ein Stück weit träge wird. Es fehlt der Hunger auf Neues, der Mut, zu investieren und zu experimentieren. Dabei wurde der Bereich Interaktionsdesign, in dem sich die IT-Berater jetzt massiv verstärken, eigentlich den Digitalagenturen in die Wiege gelegt.

Aber es vergeht doch so gut wie keine Woche, in der nicht ein führender Agenturvertreter die Bedeutung von Technologie preist – fast so, dass man meinen könnte, mit Ideen und Kreation haben die nicht mehr viel am Hut. Trotzdem, und da sind wir bei dem anderen Teil des Agenturmarkts, verstehen die meisten Networks immer noch nicht richtig, was das heißt. Das Internet hat das Spiel grundlegend verändert. Informationssysteme, E-Commerce, CRM – all diese Bereiche haben massiv an Bedeutung gewonnen und erfordern den Aufbau großer Markenplattformen, die von Technologie angetrieben werden.

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Das vollständige Interview lesen Sie in HORIZONT-Ausgabe 6/2016 vom 11. Februar, die auch auf  Tablets oder - nach einmaliger Registrierung - als E-Paper gelesen werden kann. Nicht-Abonnenten können hier ein HORIZONT-Abo abschließen.

Ideen und kreative Kompetenzen spielen keine Rolle mehr? Doch, natürlich. Mir liegt es fern, Werbung totzureden. Aber im Netz werden einfach andere Formen von Kreativität und auch andere Typen zunehmend nachgefragt: Interaktions- und User-Experience-Designer, Konzepter. Diese Leute sorgen dafür, dass man nicht igittigitt sagt, wenn man Technologie hört und sieht, sondern nutzerorientierte Lösungen bekommt, die im Idealfall toll aussehen und auch noch Spaß machen.

Das sind doch genau die Leute, um die sich die Agenturen jetzt mit IBM und Co balgen, oder? Ja, klar. Das ist für die Agenturen durchaus eine Gefahr. Denn die IT-Berater sind meistens in der Lage, höhere Gehälter zu bezahlen und attraktive Pakete zu schnüren. Umso mehr stellt sich die Frage: Ist es dann richtig, sich bequem zurückzulehnen? Oder müsste man nicht versuchen, mutiger und schneller zu sein als die neue Konkurrenz, wenn man finanziell schon nicht mithalten kann? Wir Agenturen müssen immer agiler sein bei der Umsetzung von Lösungen und beim Aufgreifen neuer Themen.

Wer wird am Ende das Rennen machen: die IT-Beratungen oder die Digitalagenturen? Größe allein ist am Ende nicht alles. Aber klar, die Berater werden eine wichtigere Rolle spielen. Die meinen ihr Engagement ernst. Trotzdem dürfen wir nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren, sondern müssen uns positionieren und den Markt entwickeln. Wenn wir das tun, ist mir auch vor den Beratern nicht bange. mam

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