Neuer Grünen-Auftritt im Expertencheck "Tiefgefrorener Einheits-Spinat mit biologischem Echtheitszertifikat"

Mittwoch, 13. Mai 2015
Das neue Logo der Grünen
Das neue Logo der Grünen
Foto: Bündnis 90/Die Grünen

Die Grünen haben ein neues Corporate Design - und kaum einer merkt es. Schließlich hat die Partei an ihrem Logo kaum etwas geändert. Die wesentlichen Änderungen gibt es in Sachen Farbgebung, Schriftart und Gestaltungskomponenten von Kampagneninhalten. HORIZONT Online hat Design-Experten zum neuen CD der Partei befragt. Die Kritik fällt eher negativ aus.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - so könnte das Fazit der Experten-Statements lauten, in denen das neue Corporate Design der Grünen vor allem als vertane Chance beurteilt wird. Die Partei versäume, "mutig voran zu gehen" und authentisch Persönlichkeit statt Banalisierung zu zeigen, sagt beispielsweise Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner. Sven Carsten Alt von Syndicate Design dagegen lobt eine "glaubwürdige Weiterentwicklung" und Verjüngung des gesamten Auftritts. Freilich vermisst auch er eine noch ikonischere Gestaltung und mehr Wagnis.
Design für ein Themenplakat
Design für ein Themenplakat (Bild: Bündnis 90/Die Grünen)
Unisono kritisieren die Design-Experten, dass sich die Partei nicht von dem Zusatz "Bündnis 90" trennt - schließlich habe diese Assoziation aus den 1990er Jahren heute keine Relevanz mehr in der Wahrnehmung der Grünen. Zudem bemängelt Peter Martin, Geschäftsführer von Martin et Karczinski, dass es den Grünen mit ihrem neuen Corporate Design nicht gelänge, die entscheidende "Frage nach dem Selbstverständnis, nach der eigenen Identität zu beantworten". Vielmehr sei das Designprogramm "sehr laut und einzig von der Anwendung her gedacht." tt Die vollständigen Statements lesen Sie im Folgenden:

Boris Kochan, CEO Kochan & Partner

Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner
Boris Kochan, CEO von Kochan & Partner (Bild: Kochan & Partner)
"Ich mag Spinat, wirklich. Nicht den aus der Tiefkühltruhe. Sondern den grünen, den mit den Stengeln und den Blättern, den wirklichen Spinat. So wie ihn schon die Gründermütter und -väter der Grünen proklamierten. Jedoch: jeden Tag Spinat? Nur Spinat? Morgens, mittags, abends? Und dann noch klein gehäckselt tiefgefroren ... muss das sein?

Selten war ich so satt nach wenigen Sekunden des Hinguckens. Beim so sehr und auch systematisch richtigen neuen Erscheinungsbild der Grünen wurde einfach alles richtig gemacht. Bodenlos richtig. Das Grün schön betont, ergänzt mit Gelb wie bisher. Flächen mit Strukturen aufgebrochen. Und sogar ganz modisch eine Slabserife eingesetzt, die Arvo.

Mir fehlt aber, nicht nur bei der verwendeten Schrift, das Persönliche, das Authentische. Etwas, was Parteien auszeichnen sollte: die Fähigkeit zum Dialog. Gibt es denn in dieser einstmals quergebürsteten Partei niemanden mehr, der nicht noch gleicher werden möchte, als die anderen eh schon sind?

Der einzig noch existierende Bruch ist die erhaltene, naive und irgendwie wertkonservative Sonnenblume im Logo. Und der für immer weniger Menschen nachvollziehbare Zusatz 'Bündnis 90'. Reicht das? 
„Mir fehlt aber, nicht nur bei der verwendeten Schrift, das Persönliche, das Authentische. Etwas, was Parteien auszeichnen sollte: die Fähigkeit zum Dialog. Gibt es denn in dieser einstmals quergebürsteten Partei niemanden mehr, der nicht noch gleicher werden möchte, als die anderen eh schon sind? “
Boris Kochan
Meines Erachtens nicht: Wissen wir nicht längst, wie sehr Marken vom Gebraucher mitgestaltet werden (ich meine nicht partizipative grafische Gestaltungsprozesse!)? Wäre es nicht gerade eine politische Partei wie die Grünen, die hier mutig voran gehen könnte, statt Banalisierung Persönlichkeit zeigen müsste? Wider den tiefgefrorenen Einheits-Spinat mit biologischem Echtheitszertifikat!"

Peter Martin, Geschäftsführer Martin et Karczinski

Peter Martin, Geschäftsführer Martin et Karczinski
Peter Martin, Geschäftsführer Martin et Karczinski (Bild: Agentur)
"Ein Corporate Design sollte die Frage nach dem Selbstverständnis, nach der eigenen Identität beantworten. Stattdessen präsentiert sich mit dem neuen CD der Grünen ein sehr lautes, einzig von der Anwendung her gedachtes Designprogramm – mit dem Ziel, näher und verständlicher zu sein. Das Stilmittel der Nähe ist die simulierte 'Grüne Struktur': eine Haptik, die es nicht gibt; die man aber durch Verwendung von nachhaltigem Papier stimmig hätte herstellen können. Handwerklich ist das gut gemacht – wenn man für Obi oder Hornbach werben will. Lässt man das Logo weg, entsteht der Eindruck einer Verkaufskampagne nach dem Leitspruch 'Stumpf ist Trumpf'. Im Ergebnis vermittelt das Corporate Design der Grünen demnach nicht mehr ihre Haltung, sondern deren Gegenteil. Das ist absolut verrückt."

Sven Carsten Alt, Vorstand Syndicate Design

Sven Carsten Alt, Vorstand Syndicate Design
Sven Carsten Alt, Vorstand Syndicate Design (Bild: Agentur)
"Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren kontinuierlich. Bei den Bürgerschaftswahlen in Bremen lag sie zuletzt bei circa 50 Prozent. Die 'Partei der Nichtwähler' dagegen wächst dagegen kontinuierlich. Erstwähler und junge Leute wenden sich von der Politik ab. Die Unterschiede zwischen den Parteien sind immer schwerer erkennbar.

Insofern sind die Grünen mit dem neuen Erscheinungsbild einen Schritt weiter gekommen. Es schärft das Profil der Partei und macht es unverwechselbarer und etwas jünger. Es ist eine glaubwürdige Weiterentwicklung und passt zu den Schwerpunkten ihrer politischen Ausrichtung. Also, eigentlich alles richtig gemacht.
„Es schärft das Profil der Partei und macht es unverwechselbarer und etwas jünger. Es ist eine glaubwürdige Weiterentwicklung und passt zu den Schwerpunkten ihrer politischen Ausrichtung. Also, eigentlich alles richtig gemacht.“
Sven Carsten Alt
Aber, wäre es nicht auf dem Weg in eine digitale und offene Gesellschaft Zeit, den Auftritt der Partei noch ikonischer zu gestalten? Wäre es nicht auch an der Zeit auf 'Bündnis 90' zu verzichten? Wer kann sich an die Assoziierung aus den frühen 90er-Jahren überhaupt noch erinnern und welche Relevanz hat es überhaupt noch? Wir dürfen gespannt sein auf den nächsten Schritt."

Norbert Gabrysch, Vorstandsvorsitzender Wir Design

Norbert Gabrysch, Vorstandsvorsitzender von Wir Design
Norbert Gabrysch, Vorstandsvorsitzender von Wir Design (Bild: Agentur)
"Wo ist der Spirit, der Drive, die Energie einer Partei, die die Welt retten will? Ein neuer blauer Balken unter dem alten Logo mit dem Bandwurmnamen Bündnis 90/Die Grünen reicht nicht - siehe FDP. Ein stabiler, handwerklich gut gemachter Auftritt, aber eher 80er. 'Grün zu sein' hatte schon mal mehr Dynamik und Progressivität."
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