Cannes Tagebuch Zwei N00bs in Cannes – und warum keiner eine Badehose braucht

Mittwoch, 29. Juni 2016
Dominic Czaja (li.) und Toan Nguyen
Dominic Czaja (li.) und Toan Nguyen
Foto: dfv

Ja, es gibt sie tatsächlich - Werber, die noch nie bei den Cannes Lions waren. Toan Nguyen, Strategie-Direktor bei Jung von Matt/Sports, und DOJO-Gründer Dominic Czaja hatten in diesem Jahr ihre Premiere und haben ihre Eindrücke für HORIZONT Online aufgeschrieben und verraten, welche Anfängerfehler man unbedingt vermeiden sollte.

Toan Nguyen: "Ja, Everyone’s super busy!"

Als Stratege in Cannes fühlt man sich ein bisschen wie ein Plus One auf einer Hochzeit. Es wird von allen Menschen wohlwollend akzeptiert, dass man dabei ist, obwohl man mit der ganzen Sache gar nichts zu tun hat. Insofern verwundert es nicht, dass ich bei meiner ersten Cannes-Reise einen Anfängerfehler nach dem anderen gemacht habe. Meinen ersten Fauxpas habe ich begangen, indem ich mich nicht im Vorfeld auf einhundert-trillionen Gästelisten angemeldet habe. Echte Profis hatten schon an den ersten Tagen unzählige Bändchen am Arm und einen Tagesplan, der im 3-Stunden-Takt organisiert war. Pool-Party von 14:00 – 17:00 Uhr, dann Beachparty von 17:00 bis 20:00 Uhr, BBQ-Party von 20:00 bis 23:00 Uhr und dann wieder Beach-Pogo.
(Bild: Weischer.Solutions)
Menschen, die keine ausgereifte Festival-Bändchen Sammlung hatten, verbrachten die Zeit damit, sich über Whatsapp, Email und Telefonate Bändchen zu besorgen. Wenn man sich die ganzen Menschen am Handy anschaut, könnte man meinen, dass Cannes kein Kreativ-, sondern ein Projektmanagementfestival ist. Ja, Everyone’s super busy.

„Neben DOJO kommt man sich sogar als Jung von Matt’ler etwas spießig und tradiert vor.“
Toan Nguyen
Wer, wie ich jedoch, auf wenigen Gästelisten stand, musste seine Zeit zwangsweise anders verbringen. Und so kam mein zweiter, schwerwiegenden Anfängerfehler: Ich war nämlich tatsächlich mehrmals im Meer schwimmen. Sogar am ersten Tag schon. Kleine Bucht, Handtuch, Badehose und Kopf unter Wasser: eine kleine Revolte in Cannes! Menschen, denen ich das erzählt habe, entgegneten immer höflich, dass sie sich das auch vorgenommen hätten. "Jaja, voll gut. Auf jeden Fall. Vielleicht letzter Tag". Da steht man nun an einem Ort mit kleinen Buchten und niemand geht schwimmen. Enge Plastikliegen am abgeriegelten Facebook-Beach mit lauter Musik sind ja auch besser. Verstanden.

Abgerundet wurde alles damit, dass ich in erster Instanz nach Cannes gekommen bin, um bei einer Konferenz teilzunehmen. Also als Zuhörer. Ich war mit einer weiteren Person eingeladen, um mir das neuste Zwei-Tage-Format "Cannes Entertainment" anzugucken.
(Bild: Weischer.Solutions )
Und wie bei einer Hochzeit kann man sich nicht aussuchen, mit wem man am Tisch sitzt. So wurde ich mit Dominic gekoppelt, Gründer von DOJO, besser bekannt als DOJO Fucking Yeah (für mich Dojo Werbeagentur GmbH). DOJO kennt man nicht nur von Deezer und der Weihnachtssocke, sondern auch von Partys und Musikvideos. Eine gute Wahl des Veranstalters, eine beschissene Wahl für mich. Denn neben DOJO kommt man sich sogar als Jung von Mattler etwas spießig und tradiert vor.

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Aber gut: Wir waren nun die Kombo – jung, dynamisch, gutaussehend. Eben Adboy$4life! Dass wir ausgewählt wurden, lag aber mehr an unseren Interessen als an unserem Look. Im Zentrum der Cannes Entertainment Lions standen Themen rund um Influencer, Content- Formate und digitale Distributions- und Ökosysteme. Wie schafft man 7 Tage Content pro Woche? Was treibt Youtube-Stars an, welche Instagrammer sind hot und wie schafft man Markenbildung von Athleten und Musikern über soziale Netzwerke? Geil war vor allem die WWE und wie sie ihren Wrestling-Content über unterschiedliche Devices verknüpfen oder auch Coke, das ein 20 köpfiges Content-Team beschäftigt mit Redakteuren, Art-Direktoren, Community-Managern aber auch Rechtsanwälten. Ihr Credo im digitalen Zeitalter: Speed trumps perfection! Kurz: Es ging eigentlich um alles außer TVCs und Print und damit all das, was wir beide gut finden und worüber am German Beach zu wenig geredet wird.

Und so tingelten wir im Duo zwei Tage lang über den Palais II, das in vier Teile untergliedert war. Die Hauptbühne („Inspiration Stage“), ein kleines Rondell („Live“), ein Key-Note Forum („In Focus“) und ein riesen Open-Air-Areal („Terrace“), wo man in Sitzkissen und mit Corona entspannt. Das Interessante war, dass all diese Orte geographisch nah beieinander lagen und durch unterschiedliche Akustik-Konzepte getrennt waren. Die Focus Stage war zum Beispiel eine Art Open Space Area, wo man den Referenten via Kopfhörern zuhört, was eine merkwürdige aber effektvolle Nähe zum Speaker ebnete. So konnte man alle Veranstaltungen innerhalb weniger Sekunden erreichen und hatte trotzdem die Möglichkeit sich voll und ganz auf ein Thema einzulassen. Wer mal beim overhypten WebSummit in Dublin gewesen ist, wird das zu schätzen wissen. Dort kann man locker 15 Minuten von Speech zu Speech laufen, nur um dann festzustellen, dass die Akustik unterirdisch ist. Inhaltlich gab es wie auf jeder Konferenz Höhen und Tiefen, aber insgesamt herrschte eine durchgehend entspannte Stimmung.

Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Foren ("Health" und "Innovation") war, aber bei Entertainment fand man immer einen guten Sitzplatz. Schön, weil mehr Raum zum Zuhören und weniger zum Senden. Keine Elevator Pitches, kein Geprahle und kein "Wir müssen mal wieder was machen". Dass es nicht überfüllt war, verwundert auch nicht: Die meisten Menschen waren ja meistens draußen und lagen entweder bis 13:00 verkatert im Hotel oder versuchten sich gerade wieder Bändchen zu organisieren. P.S: Ich wollte den Text rein mit Internet-Memes schreiben, aber GmbH-Dominic hat sich nicht getraut.

Dominic Czaja: "Es war voll und David Guetta hätte seinen Spaß gehabt"

Cannes kannte ich sonst nur privat, umso interessanter war es für mich, diesmal einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Als das Fax von Weischer mit der Einladung zu den Entertainment Lions kam, habe ich nicht lange gefackelt und zugesagt. Schon im Flugzeug nach Nizza war klar, dass es kein Urlaub werden würde: erste Reihe Filmproduktion, zweite Reihe Audioproduktion, dritte Reihe Agentur, deren Namen ich immer vergesse, letzte Reihe wir. Entweder kenne ich zu viele Menschen mit Kommunikationshintergrund oder die Branche ist sehr überschaubar.

 Dominic Czaja in Cannes
Dominic Czaja in Cannes (Bild: Weischer.Solutions )
In Nizza angekommen, witzelten alle, sie würden kurz mit dem Hubschrauber rüber nach Cannes jetten, nahmen dann aber doch das Taxi. Ich vermute, aus Rücksicht auf die Umwelt. Nur ein abgehobener Regisseur erfüllte die Erwartung und schickte anschließend Selfies aus dem Heli, die seitdem auf WhatsApp und Facebook rotieren. Ich habe es aus Neid nicht geliked. Am Abend nahmen die Dinge ihren Lauf: Französischer Rap und tiefgehende Gespräche – leider nur im Taxi auf dem Weg zu einer der vielzähligen Veranstaltungen. Auf welcher wir genau gelandet sind oder was die Veranstalter mit Werbung zu tun hatten, kann ich gar nicht mehr sagen, aber es war voll und David Guetta hätte seinen Spaß gehabt. Wir auch.

Am nächsten Tag traf ich meine Gastgeber und den ziemlich häufig badehosentragenden Strategie-Direx von JvM/sports zum Mittagessen. Fitter Typ. Ich glaube, er trainiert. Zusammen sind wir in den Entertainment-Teil der Lions-Ausstellung gegangen. Im Vorfeld hatte ich jemanden sich aufregen gehört, dass es diese zusätzliche Kategorie nur gäbe, weil die Festivalleitung noch mehr Geld an den Entries verdienen will. Aber er hat sich schnell wieder beruhigt und ist im Kopf durchgegangen, welche Arbeiten er nächstes Jahr  einreichen könnte. So richtig klar ist mir der Unterschied zwischen einem Film, der entertaint und Entertainment, das gefilmt wurde aber auch nicht geworden.

„Cannes ist vom Alltag einer typischen deutschen Marketingabteilung so weit weg wie ich davon, hier erholsamen Schlaf zu finden. “
Dominic Czaja
Inhaltlich gab es alles von Einsteiger („Das ist Youtube. Auf Youtube gibt es viele In-flu-encer“) bis hin zu wirklich inspirierendem Zeug von z.B. einem brasilianischen Kreativen, der mit Oscar-Preisträgern Content-Spots umgesetzt hat und den Wow-Effekt genutzt hat, um nebenbei auf sein neues Buch aufmerksam zu machen. Clever.

(Bild: Weischer.Solutions )
Spätestens aber nach der Award Show am Ende des zweiten Tages hatte ich genug gesehen: gute, kopföffnende und sehr undeutsche Arbeiten. Und sofort Reality-Check: Wieso sieht man sowas so selten in Deutschland, wieso denkt man immer noch an die USA, Brasilien oder Skandinavien, wenn man an unbeschwerte Kreation denkt, die einfach nur Spaß macht? Ich stürzte eine Flasche Rosé und fing an, pathetische Phrasen in mein Handy zu tippen: Cannes ist vom Alltag einer typischen deutschen Marketingabteilung so weit weg wie ich davon, hier erholsamen Schlaf zu finden. Es ist eine Traumfabrik. Und wenn wir nicht aufwachen und mutiger werden, wird Cannes immer ein bisschen Hollywood bleiben. PS: Das Wetter war okay.
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