Beraterin Barbara Lutz über Frauen in Führungspositionen "Agenturen müssen sich ändern"

Montag, 10. August 2015
Barbara Lutz ist Gründerin und Inhaberin der Beratungsfirma Index Management in Kronberg
Barbara Lutz ist Gründerin und Inhaberin der Beratungsfirma Index Management in Kronberg
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Barbara Lutz Commerzbank McKinsey


Barbara Lutz hat Erfahrungen als Agenturmanagerin bei großen Netzwerkagenturen wie Ogilvy und Publicis sowie auf Kundenseite bei der Commerzbank gesammelt. Seit vier Jahren widmet sie sich dem Thema Frauen in Führungspositionen. Dabei hat sie festgestellt: In Deutschland haben Arbeitgeber beim Thema Frauenförderung noch einiges nachzuholen - besonders die Kommunikationsagenturen, wie sie im HORIZONT-Interview erklärt.
Frau Lutz, wir wollen über Frauen in Führungspositionen sprechen. Welche Frage wollen Sie nicht hören? Ich kann Ihnen sagen, welche Frage zu diesem Thema ausschließlich in Deutschland und ausschließlich Frauen gestellt wird. Die möchte ich nicht hören und nicht beantworten. Welche ist das? Die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die mir als Frau in Führungspositionen immer wieder und ausschließlich in Deutschland begegnet ist.

Wer stellt diese Frage? Ich sage Ihnen, wer sie nicht stellt: Journalisten, Führungskräfte und Mitarbeiter in den USA, Frankreich, Singapur und vielen anderen Ländern. In Deutschland ist das leider häufig noch anders.

Was stört Sie so sehr an dieser Frage? Vor allem, dass nur Frauen danach gefragt werden. Steht die Frage im Raum, geht es nicht mehr um das fachliche beziehungsweise geschäftliche Thema – die Frau ist nicht mehr Fachfrau und Führungskraft, sondern Mutter und in Deutschland Rabenmutter. Männer klopfen anderen Männern auf die Schulter, wenn sie zwei Vätermonate nehmen, dann ist wieder Big Business angesagt.
„International war die Unternehmenskultur in beiden Agenturen so, wie sie heute manche Firma gerne hätte: Frauen wurden gleichberechtigt gefordert und gefördert. Es gab eine andere Normalität als in der deutschen Arbeitswelt.“
Barbara Lutz
Sie haben als Managerin auf Agentur- wie auf Kundenseite gearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie als Führungsfrau gemacht? Ich hatte das Glück, zu Beginn meiner Karriere in internationalen Funktionen zunächst in einer amerikanischen und danach in einer französischen Agenturgruppe arbeiten zu können. International war die Unternehmenskultur in beiden Agenturen so, wie sie heute manche Firma gerne hätte: Frauen wurden gleichberechtigt gefordert und gefördert. Es gab eine andere Normalität als in der deutschen Arbeitswelt.

Was kam dann? Noch viele positive Erfahrungen. Aber leider eben auch negative, wie ich sie bereits beschrieben habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Initiativen wie "Chefsache", bei der elf große Organisationen wie Siemens, Bosch, McKinsey, IBM und die "Zeit" am Thema Frauenförderung zusammenarbeiten, und der Frauen-Karriere-Index (FKi), den Sie aufgebaut haben, sind doch ein Indiz, dass das Thema hierzulande in den obersten Hierarchieebenen angekommen ist. Oder ist diese Einschätzung zu optimistisch? Der Optimismus ist durchaus berechtigt. Immer mehr Unternehmen setzen das Thema ganz oben auf die Agenda – nicht nur wegen neuer gesetzlicher Anforderungen. Ein Beleg ist auch, dass viele namhafte Unternehmen am FKi teilgenommen haben. Dennoch gibt es in der Breite der Unternehmen und häufig leider auch in der Agenturwelt einen nicht zeitgemäßen Umgang mit der Frage nach der Karriereförderung von Frauen.

Wieso? In den Vorständen ist angekommen, dass das Thema relevant ist. Der demographische Wandel lässt künftig immer weniger Führungsnachwuchs erwarten. Zudem setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erbringen. Das führt zur Notwendigkeit, systematisch Programme zur Förderung von Frauen aufzusetzen und Transparenz bei dem Thema zu schaffen.
„Es gibt in der Breite der Unternehmen und häufig leider auch in der Agenturwelt einen nicht zeitgemäßen Umgang mit der Frage nach der Karriereförderung von Frauen.“
Barbara Lutz
So weit zu Großunternehmen und Konzernen. Für Agenturen gilt das nicht? Es gibt große Unterschiede: Die internationalen Agenturnetzwerke sind in der Regel börsennotierte Unternehmen. Sie werden professionell geführt und sind sich der Dringlichkeit, das Thema Frauenförderung anzugehen, sicher bewusst. Ansonsten beantwortet der Blick auf die Managementriegen die Frage: Frauen sind dort leider nur selten zu finden. Und das erscheint mir schon allein deswegen als kurzsichtig, da aufseiten der Kunden – neben HR – gerade im Marketing relevante Positionen zunehmend mit Frauen besetzt werden. Statistisch betrachtet gibt es die meisten Abgängerinnen in den Marketing- und BWL-Studiengängen und voilà, diese werden sich auch in den Marketing-Entscheiderpositionen durchsetzen.

Aber auch bei den Unternehmen, die Sie optimistischer beurteilen als die Agenturen, hat sich bislang nicht wirklich viel getan. Die Zahl der Frauen in Führungspositionen steigt nur punktuell und nicht nachhaltig. Das stimmt. Der Grund ist jedoch nicht immer, dass das Bewusstsein fehlt und nichts getan wird. Tatsächlich sind Unternehmen häufig selbst frustriert, dass viele Maßnahmen, die sie ergriffen haben, nicht fruchten.

Was läuft denn falsch? Bislang dominiert ein gewisser Aktionismus die Bemühungen: Die Unternehmen haben viel Geld investiert, einen bunten Strauß an Maßnahmen angeschoben, ohne systematisch zu erfassen, was nötig ist, um nachhaltig etwas zu ändern. An diesem Punkt setzen wir mit dem FKi an, der Unternehmen in den drei Kategorien Status/Dynamik, Commitment und Rahmenbedingungen misst. Mit dem FKi ermitteln wir Kennzahlen, die Unternehmen bei der Steuerung und Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung von Frauen helfen.

Warum sind Kennzahlen so wichtig, um nachhaltig etwas zu bewegen? Unternehmen sind zahlengetrieben. Manager und Vorstände gewohnt, auf Basis von KPIs zu steuern. Deshalb muss es auch für Personalmanagementthemen wie die Frauenförderung ein Steuerungstool geben, das eine gleiche Sprache spricht, die die Entscheider kennen. Als wir den FKi entwickelt haben, gab es noch kein Genderreporting, das haben wir mit dem FKi nachgeholt. So können die teilnehmenden Firmen genau messen, welchen Erfolg ihre Investitionen bringen.

Interview: Eva-Maria Schmidt

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