BVDW-Vize Marco Zingler antwortet BDU-Chef "Wo sind denn die ganzen Berater geblieben?"

Montag, 27. Februar 2017
Denkwerk-Chef Marco Zingler freut sich über einen neuen Kunden
Denkwerk-Chef Marco Zingler freut sich über einen neuen Kunden
© Denkwerk

Die Übernahme der Digitalagentur Sinner Schrader durch die Beratungsfirma Accenture bringt den alten Konflikt zwischen Unternehmensberatungen und Agenturen zurück auf die Tagesordnung. In einem Interview mit HORIZONT Online hatte Ralf Strehlau, Präsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU), zwar erklärt, dass beide Seiten ihre "tradierten Vorstellungen und Vorurteile über Bord geworfen haben", gleichzeitig den Agenturen aber geringere Professionalität, niedrigere Qualitätsstandards und eine falsche Einstellung zum Recruiting vorgeworfen. Das will Marco Zingler, Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) und dort zuständig für das Ressort Agenturen, nicht auf seiner Zunft sitzen lassen. Im Interview antwortet der Denkwerk-Chef auf die Aussagen Strehlaus.
BDU-Präsident Ralf Strehlau rechnet mit weiteren Übernahmen von Digitalagenturen durch (IT-)Beratungsfirmen. Sie auch? Es gibt eine große und ungebrochene Nachfrage von Werbeagenturnetzwerken, Systemhäusern und Unternehmungsberatungen, die Kernkompetenzen einzukaufen, die es braucht, um digitale Transformation in Deutschland weiter voranzutreiben. Je länger Anbieter das Thema verschlafen und eben keine eigenen Kompetenzen im Bereich Design, UX und Webentwicklung aufgebaut haben, umso größer ist der Druck und umso höher sind die Bewertungen, die gezahlt werden.
Was macht Digitalagenturen für die Beratungsfirmen derzeit eigentlich so interessant? Wenn ich mich an die Zeiten der New Economy erinnere, da waren die Beratungen auch schon mal ganz interessiert am Markt der Digitalagenturen. Nach dem Platzen der ersten Internet-Blase zur Jahrtausendwende ging unter den Kollegen ein Witz um: "Wo sind denn die ganzen Berater und Investmentbanker geblieben? B2B und B2C. Back to banking und back to consulting." Die folgenden zehn bis fünfzehn Jahre Digital- und Internetindustrie wurden überwiegend von den Digitalagenturen vorangetrieben und geprägt. Mit der recht verspäteten Aufholjagd der deutschen Industrie in der digitalen Transformation sind sehr große Budgets auf den Markt gekommen und die ziehen die Werbenetzwerke und Beratungen magisch an. Diese Budgets kann man aber weder mit Management- noch mit IT-Consultants alleine knacken, sondern in Kooperation mit den Kompetenzen der Digitalagenturen.

Was heißt es für den Markt der Digitalagenturen, wenn immer mehr unter das Dach von Beratungsfirmen schlüpfen? Solche Digitalagenturen, die von ihrer Marktbedeutung groß genug sind, dass sie ein interessantes Übernahmeobjekt darstellen, sind entweder schon verkauft oder sie wollen ihre Unabhängigkeit behalten. Von daher sind nur noch wenige große Übernahmen in Deutschland wahrscheinlich. Dann flacht sich diese Welle mangels Angebot ab. Accenture kann man in diesem Sinne nur gratulieren. Sinner Schrader ist sicher eines der interessantesten Übernahmeobjekte im deutschen Agentur-Markt gewesen. Die Investition wird sich lohnen.

Für Ihre eigene Agentur Denkwerk kommt ein Verkauf aber nicht infrage, hatten Sie zumindest bislang immer gesagt. Gilt das noch oder können Sie sich auch einen Deal mit einer Beratungsfirma vorstellen? Dieses Statement von meinem Partner Jochen Schleier und mir ist ja erst wenige Monate alt. Natürlich hat sich seither nichts verändert. Wir sind leidenschaftliche Unternehmer und lieben unsere unternehmerische Freiheit. Der Grund für unsere Unabhängigkeit liegt in der Frage, was die Mission von Denkwerk ist. Wir gestalten die digitale Revolution seit fast zwanzig Jahren aktiv mit. Wir können kurzfristig in neue Trends und Innovationen investieren, selbst wenn in Einzelfällen der ROI nicht im selben Geschäftsjahr zu erwarten ist. Wir brauchen unsere Personalpolitik eben nicht von Quartalsberichten abhängig machen. Dadurch schaffen wir Werte für unsere Kunden und unsere Kollegen, die mit uns an der gemeinsamen Vision arbeiten.

BDU-Präsident Strehlau attestiert den Beratungen höhere Qualitätsstandards und Professionalisierung. Das dürften Sie anders sehen, oder? Insgesamt klingt das nicht schlüssig: Erst attestiert er, dass es eine große Nachfrage nach Digitalagenturen gibt. Dabei liegt der Wert von Agenturen und Beratungen ganz überwiegend in den Kundenbeziehungen und den Menschen, die dort arbeiten. Beides hat er mit seiner Aussage negiert und daher müsste man sich doch fragen, warum bei mangelnder Qualität und Professionalisierung jede durchschnittliche Digitalagentur von Kaufinteressenten belagert werden. Nachdem Herr Strehlau im Interview zunächst auf die Notwendigkeit zur Kooperation hingewiesen hat sind ihm da wohl die "Berater-Gäule" durchgegangen.

Halten Sie die Kritik am Recruiting von Agenturen, vor allem am Umgang mit Praktikanten und Berufseinsteigern, für berechtigt? Manchmal ist es gut, wenn man die Dinge über die man spricht nicht nur vom Hörensagen kennt. Digitalagenturen haben in den vergangenen zwanzig Jahren die meisten Digitalmarketing-Experten ausgebildet. Das ist natürlich ein Grund, warum Industrie und Berater hier am ehesten nach Kompetenzen suchen. In der Welt von Herrn Strehlau werden in Beratungen Berufseinsteiger nicht eingestellt, um mit ihnen Geld zu verdienen. Interessant. Das konfligiert ein bisschen mit den Berufseinsteiger-Präsentationen, die ich insbesondere von Beratungen in meiner Karriere gesehen habe. Berufseinsteiger schätzen in Agenturen vor allem die Möglichkeit, aktiv mitzuarbeiten und Verantwortung zu tragen. Erst gestern habe ich ein Vorstellungsgespräch geführt mit einer Bewerberin aus einer Strategieberatung. Sie wollte endlich einmal daran mitwirken, Strategien auch zu realisieren. Man muss hier wohl mehrere Perspektiven akzeptieren.
Interview: mam
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