BDU-Präsident zur Übernahme von Sinner Schrader "Wir rechnen mit weiteren Deals dieser Art"

Mittwoch, 22. Februar 2017
BDU-Präsident Ralf Strehlau ist im Hauptberuf Chef von Anxo Management Consulting
BDU-Präsident Ralf Strehlau ist im Hauptberuf Chef von Anxo Management Consulting
Foto: BDU
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Sinner Schrader Digitalagentur Accenture Ralf Strehlau


Anfang der Woche sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass Accenture die Digitalagentur Sinner Schrader kauft. Damit schlüpft ein weiterer Player aus der Agenturbranche unter das Dach einer großen Beratungsfirma. Ralf Strehlau, Präsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU), rechnet damit, dass dies nicht der letzte Deal dieser Art bleiben wird. Warum, erklärt der BDU-Chef im Interview.
Beratungsfirmen erobern den digitalen Agenturmarkt. Was reizt die Consultants an diesem Geschäft? Wettbewerb zwischen Unternehmensberatungen und Agenturen gibt es in Teilbereichen des Marketings ja schon länger. Durch die digitale Transformation, die viele neue Möglichkeiten eröffnet, hat sich die Situation noch einmal verschärft. Jeder versucht, seine Claims abzustecken. Unternehmensberatungen sehen sich im Wettbewerb mit Agenturen? Das war mal anders, da blickte Ihre Zunft auf die Werbebranche herab. Das mag früher an der einen oder anderen Stelle so gewesen sein, hat mit der heutigen Realität aber nichts zu tun. Die Zusammenarbeit ist viel entspannter und selbstverständlicher geworden, auch wenn man hier und da konkurriert. Beide Seiten haben ihre tradierten Vorstellungen und Vorurteile über Bord geworfen.

Vor allem bei den IT-Beratungen geht die Zuneigung so weit, dass sie gar nicht schnell genug Digitalagenturen kaufen können. Wie erklären Sie sich das? Beratungsfirmen setzen sich intensiv mit digitalen Geschäftsprozessen auseinander. Und zwar mit der gesamten Prozesskette, nicht nur mit Marketing und Kommunikation. Dabei gehört es immer häufiger zu den Anforderungen, dass sie ihre strategischen Empfehlungen auch umsetzen. Heute verlangen Vorstände von Beratungen konkrete Vorschläge, wie sich ihre Konzepte realisieren lassen und in der Praxis aussehen. Deshalb sind Agenturen, die ihren Schwerpunkt in der Entwicklung und Gestaltung digitaler Produkte und Services haben, ein interessantes Übernahmeziel.

Umgekehrt versuchen einige Agenturen, ihre strategische Beratungskompetenz auszubauen und den etablierten Anbietern Konkurrenz zu machen. Fürchten Sie die Konkurrenz? Nein. Unternehmensberatungen haben in der Regel einen höheren Professionalisierungsgrad und höhere Qualitätsstandards als Agenturen. Hinzu kommt: Vorwärtsintegration, also die Verlängerung der Wertschöpfungskette, ist leichter als Rückwärtsintegration, also der nachträgliche Aufbau einer strategischen Beratungskompetenz, die vorgelagert ist. Außerdem haben die meisten Agenturen weniger gute Zugänge in die Vorstandsetagen. Ich glaube also, dass sie sich bei der Ausweitung ihres Geschäfts strukturell schwerer tun als Beratungsfirmen.

Interessieren sich Ihre Kollegen denn auch für den Einstieg in andere Kommunikationsfelder? Es gibt Beispiele für solche Engagements, beispielsweise im PR-Bereich. Aber generell glaube ich, dass die Investitionen der Beratungen vor allem in den Digitalsektor gehen werden. Das hat mehr mit unserem Kerngeschäft zu tun. Nicht zuletzt wegen der Nähe zum Thema Messbarkeit, das für unsere Arbeit sehr wichtig ist.

Die Übernahme einer Agentur wie Sinner Schrader dürfte also nicht die letzte bleiben? Definitiv. Wir rechnen mit weiteren Deals dieser Art. Die Aufgabenfelder wachsen immer enger zusammen. Dafür müssen sich die Beratungsfirmen aufstellen, auch durch Zukäufe.

Aber passen die Firmentypen und Mitarbeiter kulturell überhaupt zusammen? Zwischen Digitalspezialisten in Agenturen und Consultants liegen nicht nur im Kleidungsstil Welten. Die Zusammenführung unterschiedlicher Unternehmenskulturen ist bei jeder Übernahme ein wichtiges Thema – auch bei Beratungen und Agenturen, aber eben nicht nur dort. Es gilt, was überall sonst auch gilt: Man muss Freiräume lassen und gleichzeitig genau darauf achten, welche Werte zusammenpassen und welche nicht.

Dennoch wird nicht jeder Mitarbeiter einer Digitalagentur bei einer Unternehmensberatung arbeiten wollen. Sehen Sie ein Problem, die richtigen Leute zu finden beziehungsweise im Fall einer Übernahme zu halten? Nach meiner Erfahrung haben Beratungen in der Regel deutlich weniger Probleme, High Potentials zu finden und an sich zu binden als Agenturen. Neben der anderen Gehaltsstruktur hat das auch mit Fragen des Recruitments zu tun. Bei uns werden Praktikanten und Berufseinsteiger nicht eingestellt, um Geld mit ihnen zu verdienen, sondern wir versuchen, sie an unser Business heranzuführen und dafür zu begeistern.
Interview: mam
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