Award Shows Veranstalter bringen sich gegen Cannes Lions in Stellung

Montag, 24. Juli 2017
Die Award-Shows bringen sich in Stellung
Die Award-Shows bringen sich in Stellung
© dfv

Auch vier Wochen nach den Cannes Lions sind der Publicis-Boykott und seine Folgen noch ein großes Thema für Award-Veranstalter.  D&AD, London International Awards und One Show bringen sich jetzt mit eigenen Statements zu Publicis und gegen Cannes in Stellung. Kurz nach der Sommerpause veranstalten alle drei eigene Events, um zu zeigen, dass sie inhaltlich und qualitativ eine echte Alternative zu dem Mega-Event an der Côte d’Azur sein könnten.

Los geht es im September mit den D&AD Impact Awards, bei denen Kampagnen für eine bessere Gesellschaft im Fokus stehen. Sie finden zum zweiten Mal im Rahmen der New Yorker Advertising Week statt. Parallel dazu beginnt in Las Vegas die Jurierung der London International Awards. Diese werden erneut von dem Nachwuchsprogramm „Creative LIAisons“ begleitet. Der One Club for Creativity (TOCC), unter dessen Dach One Show und ADC Global angesiedelt sind, veranstaltet im September und Oktober diverse Events in den USA und plant darüber hinaus ein Business-Event in Berlin. Tim Lindsay, CEO des DA&D, Barbara Levy, Präsidentin der London International Awards, und Kevin Swanepoel, CEO des TOCC, sind alle auch regelmäßige Cannes-Besucher. Sie bekamen mit, dass sich viele Kreative über die Entwicklung der Lions beschweren und die Publicis-Gruppe ein Jahr lang nicht an Branchenveranstaltungen teilnehmen will. Beides betrifft auch sie, weshalb sie sich nun dazu äußern.

Tim Lindsay, D&AD: "Wir kämpfen an der Seite der Kreativen"

Der Publicis-Boykott wirft generell Fragen über Kreativwettbewerbe auf, denen auch wir uns stellen müssen: Sind wir zu groß? Zu gierig? Reflektieren wir die Branche nicht gut genug? Kämpfen wir für die richtigen Ziele? Stehen wir stellvertretend für die Art von Kreativität, die unseren Job wertvoll und magisch macht? Wir glauben, dass es wichtig ist zu unterscheiden: zwischen Non-Profit-Organisationen wie D&AD, ADC und One Show, die ihren Überschuss an die Branche zurückgeben, und den Cannes Lions, die zu einem börsennotierten Unternehmen gehören, bei dem es nur um Gewinnmaximierung geht. Die Entscheidung der Publicis-Gruppe betrifft auch uns. Wir halten sie für falsch, aber sie hat auch ihr Gutes, weil sie uns zwingt, über unsere Daseinsberechtigung nachzudenken. Award Shows sind richtig und wichtig, weil sie die Kreativen herausfordern und stimulieren. Sie fördern Innovation, Experimentierfreude und Risiko. Kreative kämpfen täglich gegen die Mittelmäßigkeit und wir als Award-Shows-Veranstalter wollen ihnen dabei helfen, diesen Kampf zu gewinnen.

Barbara Levy, LIA: "Die Entscheidung von Publicis ist verständlich"

Wir waren überrascht, aber wir verstehen und respektieren die Entscheidung von Publicis. Wir sehen das auch weniger als Boykott, sondern eher als schwierige, komplexe Entscheidung in einem sich wandelnden Geschäftsumfeld. Solche Entscheidungen müssen auch wir als Unternehmen Jahr für Jahr treffen. Glücklicherweise sind wir davon nicht so sehr betroffen wie andere Shows, weil wir schon einige Einsendungen von Agenturen der Gruppe erhalten haben und 2018 zu den ersten Shows gehören werden, bei denen sie wieder einsenden, denn unser Einsendeschluss ist erst im August. Darüber hinaus haben wir dieses Jahr in Cannes viele Kreative erlebt, die sich über die Entwicklung der Cannes Lions beschweren. Umso wichtiger ist es für uns klarzustellen, dass es nicht bei allen Shows nur um Profit geht. Wir veranstalten jetzt bereits seit mehreren Jahren das Nachwuchsprogramm Creative LIAisons, bei dem wir Nachwuchskreativen zwischen 21 und 30 die Chance geben, beim Networking mit unseren Jurymitgliedern zu diskutieren und bei einem Kongress von Top-Referenten zu lernen.

Kevin Swanepoel, TOCC: "In Cannes ist vieles aus dem Ruder gelaufen"

Die exzessive Kommerzialisierung der Cannes Lions ist sicherlich nicht ganz unschuldig daran, dass Publicis ihre Investitionen in Branchenveranstaltungen ein Jahr lang stoppen will. In Cannes ist zuletzt vieles aus dem Ruder gelaufen und es scheint, als ginge es gar nicht mehr darum, Kreativität zu feiern. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung von Publicis nachvollziehbar. Sie wirft aber zugleich ein schlechtes Licht auf alle Kreativwettbewerbe. Dazu möchte ich klarstellen: Nicht alle sind wie die Cannes Lions. Es gibt eine ganze Reihe Non-Profit-Organisationen, deren primäres Ziel es ist, die Branche zu unterstützen und nach vorne zu bringen. Deren Wettbewerbe sind vor allem dazu da, um aus den daraus resultierenden Einnahmen inhaltliche Programme zu investieren, in denen es um Nachwuchsförderung, Aus- und Weiterbildung und Gleichstellung geht. Agenturen sollen nicht wahllos überall mitmachen. Aber sie sollten eben auch nicht alle Shows über einen Kamm scheren, denn Kreativwettbewerbe sind wichtig für die Branche, wenn es um die richtige Sache geht: die beste Kreation zu feiern.

Meist gelesen
stats