Andrew Robertson im Interview Deshalb gibt es bei BBDO so viele weibliche Führungskräfte

Sonntag, 19. März 2017
BBDO-Boss Andrew Robertson beim Omniwomen Summit in Berlin
BBDO-Boss Andrew Robertson beim Omniwomen Summit in Berlin
© BBDO / Tobias Kuberski

Deutschland-CFO Marianne Heiß sagt, sie sei so lange bei BBDO, weil Andrew Robertson an der Spitze der Agenturgruppe steht. Tatsächlich treiben wohl wenige das Thema Frauenförderung so konsequent voran wie der seit 2001 amtierende CEO und President und sein kreativer Gegenpart David Lubars. Wie sie das tun, erklärte Robertson HORIZONT beim Omniwomen Summit in Berlin.

Omnicom will in Deutschland den Anteil an Frauen als Führungskräfte bis 2020 von 13 auf 30 Prozent steigern. Gelten die Zahlen auch für BBDO? In den USA sind bei BBDO bereits 48 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt. Streicht man kreative Führungspositionen aus dieser Rechnung, sind es sogar 55 Prozent. Deshalb fokussieren wir uns darauf, den Frauenanteil in leitenden Kreativpositionen auszubauen.

Was ist anders in der Kreation? Ich konnte mir nicht erklären, weshalb sich das Profil von Führungskräften im Kreativbereich von dem anderer Manager in der Agentur unterscheiden sollte. Deshalb haben wir ein wenig Forschung betrieben. Wir haben Fokusgruppen aus Frauen und Männern gebildet, um etwas über ihre Perspektiven zu erfahren. Schnell bekamen wir erste Erklärungen: Wer in einer kreativen Führungsposition arbeitet, hat einen unglaublich langen Tag, reist viel zu Kunden- und Drehterminen und hat nur wenig Planungssicherheit im Privatleben. All das ist wahr, betrifft aber auch Führungskräfte in der Beratung oder der Strategie, und das dort eventuell sogar stärker. Das konnte also nicht der Grund sein. Unsere Schlussfolgerung bestand darin, dass kreative Positionen wohl die intuitivsten im Agenturgeschäft sind. Entscheidungen werden oft schnell und auf Grundlage der persönlichen Erfahrung sowie des „Bauchgefühls“ getroffen – in etwa so, wie ich es mir auch bei der redaktionellen Arbeit vorstelle. Das macht anfällig für unbewusste Vorurteile.

Andrew Robertson und Deutschland-CFO Marianne Heiß hören aufmerksam zu
Andrew Robertson und Deutschland-CFO Marianne Heiß hören aufmerksam zu (© BBDO / Tobias Kuberski)
... die Sie nun bekämpfen? Wir unterrichten mittlerweile jeden unserer Leute in Techniken, mit denen sich unbewusste Vorurteile abschalten lassen. Nicht nur in Bezug auf Rekrutierung und Beförderungen, sondern auf Hunderte Entscheidungen, die jeden Tag getroffen werden. Etwa bezogen auf die Arbeit selbst oder wer an welchem Meeting teilnimmt. Wir steuern dann gegen. So werden etwa Bewerbungsmappen und kreative Arbeiten anonymisiert von einer ausgewogenen Gruppe aus männlichen und weiblichen Kreativdirektoren begutachtet, nicht von Einzelpersonen.

Was tun Sie speziell im Kreativbereich? Als Erstes haben wir uns sehr ambitionierte Ziele gesetzt, um weibliche Führungskräfte im Kreativbereich zu fördern. In den USA hatten wir vergangenes Jahr das Ziel, den Anteil weiblicher Kreativdirektoren innerhalb von nur zwölf Monaten zu verdoppeln. Das war uns sehr wichtig, denn bei uns gilt: „If you can’t see it, you can’t be it.“ Darüber hinaus tun wir alles, was wir können, um ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem auch Frauen Führungspositionen nicht nur erreichen, sondern dann auch erfolgreich sind. Unsere gruppenweiten Trainings zur Bekämpfung unbewusster Vorurteile spielen dabei eine zentrale Rolle. Aber auch weitere Trainingspläne und Mentoring-Programme tragen zum Erfolg bei.

Wie schaffen Sie das nötige Bewusstsein? Das Bewusstsein ist nicht das Problem, jeder weiß um die Thematik. Es ist wichtig, die Menschen in der Praxis zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit externen Beratern wollen wir alle unsere Mitarbeiter in den USA binnen drei Monaten trainieren. Das ist ein starker Hebel. Im Rahmen des Programms bilden wir außerdem unsere internen Trainer weiter, die das Training anschließend im Netzwerk fortführen und neue Mitarbeiter schulen. So wollen wir sicherstellen, dass die richtigen Verhaltensweisen jeden Tag gelebt werden und diese sich festigen können. 

Katharina Höhne, Corporate Officer und SVP bei Shiseido, Marianne Heiß, CFO BBDO Group Germany, Victoria Wagner, CEO Ketchum Germany, Antje Neubauer, Marketingleiterin Deutsche Bahn, Andrew Robertson, CEO BBDO Worldwide, und Barri Rafferty, President Ketchum (v.l.n.r.)
Katharina Höhne, Corporate Officer und SVP bei Shiseido, Marianne Heiß, CFO BBDO Group Germany, Victoria Wagner, CEO Ketchum Germany, Antje Neubauer, Marketingleiterin Deutsche Bahn, Andrew Robertson, CEO BBDO Worldwide, und Barri Rafferty, President Ketchum (v.l.n.r.) (© BBDO / Tobias Kuberski)
Und das reicht aus? Das werden wir sehen. Jedenfalls bin ich fest überzeugt, dass wir wissen, worauf es ankommt und dass wir einen guten, wirkungsvollen Plan entwickelt haben.

Es sieht aus, als würden Sie sich wesentlich mehr Gedanken um das Thema Diversity machen als viele Ihrer Branchenkollegen, die teilweise erst sehr spät reagieren, wenn Missstände in diesem Bereich in ihren Agenturen öffentlich werden. Warum? Was andere Agenturen zum Thema Diversity tun oder nicht tun, möchte ich nicht kommentieren. Was ich aber sagen kann: Unsere weltweite BBDO-Gruppe und unsere Kunden sind Teil einer Welt, die vielfältig, bunt, unterschiedlich, eben divers ist. Und dass wir bei BBDO fest davon überzeugt sind, dass vielfältige Teams bessere Resultate erzielen. Deswegen legen wir einen so starken Fokus auf dieses Thema.

Mussten Sie Ihre Kollegen im Top-Management von BBDO von dieser Haltung überzeugen? Ganz und gar nicht. Die Leute wollen lediglich praktische Lösungen.

Was ist mit Managern anderer Agenturen? Streben Sie an, diese beispielsweise für eine Brancheninitiative zu gewinnen? Ich bin kein großer Freund von Brancheninitiativen. Man sitzt zusammen, diskutiert – und dann passiert zumeist nichts. Wir bei BBDO Worldwide fokussieren uns auf uns selbst und auf das, was wir ändern können. Wenn wir damit erfolgreich sind, hat das vielleicht auch einen positiven Effekt auf die Branche.

Was erwarten Sie dennoch von anderen Agenturmanagern? Nicht nur von Agenturmanagern erwarte ich, dass sie herausfinden, womit sie die größtmögliche Hebelwirkung erzielen können. Auf diese Suche kann sich jeder machen. Wer den Hebel richtig ansetzt, kann auch mit einer kleinen Sache eine große Wirkung erzielen. Nehmen Sie den Werbespot „A Man’s a Boss, a Woman’s Bossy“, den BBDO für Pantene gemacht hat. Der Film hinterfragt Geschlechterstereotypen und wurde mittlerweile 65 Millionen Mal aufgerufen. So entstand eine populäre Botschaft und der Kunde konnte sich zudem über einen wirtschaftlichen Erfolg freuen. Das Gleiche gilt für andere Arbeiten von uns, die wir etwa für unsere Kunden Ariel in Indien oder Barbie in den USA kreiert haben. Interview: ems

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