Analyse Die unterkühlte Trennung von Thjnk und André Kemper

Donnerstag, 06. März 2014
André Kemper steigt bei Thjnk aus (Bild: Holde Schneider)
André Kemper steigt bei Thjnk aus (Bild: Holde Schneider)


Auf einmal ging alles ganz schnell. Sah es vor kurzem noch so aus, als könnte sich die Trennung der Agentur Thjnk und ihres Co-Gründers und Aufsichtsrats André Kemper weiter hinziehen - zumindest bis zum Ende der Hamburger Skiferien am 14. März - wurde der Schlussstrich nun doch schon diese Woche gezogen. Wie man hört, wollte Kemper eigentlich erst nach der Rückkehr aus dem Urlaub seine Unterschrift unter das Trennungsdokument setzen. Durch seinen verunglückten Auftritt beim Wiener Opernball - der Kreative verpasste einem angetrunkenen Besucher vor laufenden Kameras einen Faustschlag ins Gesicht - und dem anschließenden bundesweiten Medienecho ("Bild" berichtete auf Seite 1, RTL zeigte einen längeren Beitrag) hat sich der Druck, zügig zu einer Einigung zu kommen, aber offenbar erhöht.

Womöglich hat die Agentur ihrem Aufsichtsrat, der Kemper zum Zeitpunkt des Geschehens ja offiziell noch war, geschäftsschädigendes‎ Verhalten vorgeworfen und darauf gedrängt, schnell die Reißleine zu ziehen. Durch seinen Auftritt in Wien ist Kemper zweifelsohne in die Defensive geraten. Für diese Interpretation spricht, dass wohl gar nicht Kemper selbst, sondern ein Bevollmächtigter die Vereinbarung mit Thjnk unterschrieben hat. Dass die Trennung unmittelbar danach öffentlich gemacht wurde, hat den Kreativen dem Vernehmen nach kalt erwischt.

Von großer gegenseitiger Zuneigung oder Rücksichtnahme war schon länger nichts mehr zu spüren. Beide Parteien machen seit Monaten keinen Hehl daraus, dass sie nicht mehr viel miteinander anfangen können. Ohnehin hatte die Verpflichtung der neuen Gesellschafter und Vorstände Karen Heumann und Armin Jochum in Bezug auf Kemper von Anfang an etwas von einer "türkischen Hochzeit". Die Idee für den Schritt hatte sein Partner Michael Trautmann, dessen Zusammenarbeit mit Kemper, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehr reibungslos verlief.

Von einem Scheidungsdrama, von dem zuletzt in der Presse die Rede war, wollen die Beteiligten allerdings nichts wissen. Und ein klassischer Rosenkrieg, bei dem die Fetzen fliegen, war es wohl tatsächlich nicht. Man hat schlicht nicht mehr miteinander geredet, sondern nur noch via Vermittler beziehungsweise Anwälte kommuniziert. Betont sachlich und kühl fällt auch die offizielle Mitteilung zur Trennung aus: Kein Wort des Dankes oder gar gegenseitiger Anerkennung, keine Würdigung der Leistung von Kemper, der die Vorgängerfirma zusammen mit Trautmann aus dem Nichts aufgebaut und zu einer der bekanntesten Marken im deutschen Agenturmarkt gemacht hat. Kein Wort von Kemper, dass er den Ex-Kollegen alles Gute wünscht.

Aber angesichts der gegenseitigen Entfremdung wären wahrscheinlich ohnehin nur Floskeln herausgekommen. ‎Insofern ist es sogar ehrlicher, dass man auf die entsprechenden Formulierungen verzichtet hat. Tief blicken lässt das Ganze trotzdem. Unterkühlter kann eine Trennung zwischen einem Gründer, Gesellschafter und Aufsichtsrat und einer Firma kaum ausfallen. Jetzt wollen die Akteure den Blick nach vorn richten: Thjnk auf die Zeit ohne Kemper und dieser auf sein mutmaßlich neues Projekt bei Commarco für Opel. mam
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