Amir Kassaei "Awards sind zu weltfremden Prototypenshows verkommen"

Donnerstag, 16. Juni 2016
Fordert mehr Unterstützung für Frauen in der Kreativbranche: der weltweite DDB-Kreativchef Amir Kassaei
Fordert mehr Unterstützung für Frauen in der Kreativbranche: der weltweite DDB-Kreativchef Amir Kassaei
Foto: DDB
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Anfang des Jahres hat DDB-Kreativchef Amir Kassaei angekündigt, dass sein Network künftig deutlich weniger Arbeiten zu Awards einschickt. Diese seien mittlerweile zu Prototypenshows ohne Relevanz verkommen, so Kassaeis Begründung für diesen Schritt. Kurz vor Cannes erläutert er seine Sicht im Interview mit HORIZONT. Zudem spricht er über die Situation bei DDB Deutschland – und die Konkurrenz.

Amir Kassaei über ...

... die Bedeutung von Awards:

Awards sind mittlerweile zu weltfremden Prototypenshows verkommen, bei denen Kreativität ausgezeichnet wird, die entweder keine Relevanz hat oder Probleme löst, die es gar nicht gibt.

... das Verhältnis von relevanten Arbeiten und Goldideen:

Es geht mir am Ende des Tages nur darum, ob jede DDB-Agentur auf der Welt das richtige Verhältnis liefern kann zwischen einerseits großen Ideen für große Marken und andererseits Ideen, die experimentell sind und in der Nische funktionieren. Wenn dieses Verhältnis bei 70 zu 30 oder 80 zu 20 liegt, haben wir alles richtig gemacht. Bei vielen sogenannten Kreativagenturen sind es 20 zu 80 oder 5 zu 95.

... die Reaktionen der Veranstalter:

Viele waren nicht erfreut, aber die meisten haben verstanden, dass unsere Entscheidung nicht gegen sie geht, sondern gegen das, was sie auszeichnen. Man muss schleunigst etwas ändern, um die Glaubwürdigkeit und Bedeutung von Award Shows wieder herzustellen.

... die Reaktionen in seiner Holding:

CEO John Wren und Omnicom stehen hinter unserer Entscheidung. Genauso wie viele unserer Kunden, weil sie wissen, dass Kreativität nicht einem Selbstzweck dient, sondern dazu da ist, die Probleme der Auftraggeber zu lösen. Auch Schwester-Networks und sogar andere Agenturgruppen haben uns zu unserem Mut und unserer Konsequenz gratuliert.

... den eigenen Aufstieg durch Awards:

Awards waren immer da. Der Unterschied ist, dass sie in unserer Zeit nicht so inflationär vergeben wurden. Die Verhältnismäßigkeit zwischen zukunftsweisenden Prototypen und echten Arbeiten war gesund und nachvollziehbar. Das ist heute leider nicht mehr der Fall.

... die Situation bei DDB Deutschland:

Im Vergleich dazu, wie wir DDB Deutschland 2003 vorgefunden haben, steht die Agentur blendend da. Aber wir sind kritisch und ehrlich genug, um zu wissen, dass es noch sehr viel Verbesserungspotenzial gibt. Wir arbeiten eng mit den Kollegen vor Ort daran, dieses Potenzial zu heben.

... die neue Mercedes-Werbung:

Was ich bis jetzt gesehen habe, ist normale Hausmannskost. Es ist aber noch zu früh, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Dass da mehr und viel Besseres kommen muss, wissen die Beteiligten und Verantwortlichen selbst.

... die Agentursuche von Opel:

Opel hat kein Image-, sondern ein Vertrauensproblem. Deshalb war ich auch nie ein großer Fan der Kampagne "Umparken im Kopf". Sie ist meiner Meinung nach strategisch falsch. Einen nachhaltigen Erfolg hat Opel damit bislang auch nicht erzielt. Vielleicht denken sie ja deshalb über andere Agenturkonstellationen und Modelle nach. mam

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