Ästhetik-Ko­ry­phäe Bazon Brock „ADC folgt modischem Gegacker“

Dienstag, 25. April 2017
Bazon Brock über Disruption, Design und Fakes.
Bazon Brock über Disruption, Design und Fakes.
Foto: Rui Camilo
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Bazon Brock Digitalisierung ADC


Großer Erfolg für die See Conference: Im ausverkauften Wiesbadener Schlachthof debattieren knapp 1000 Kreative, Forscher, Designer, Regisseure und Architekten über Kommunikationsdesign im Zeitalter der Digitalisierung. Zum Auftakt der Konferenz am vergangenen Samstag sorgt Bazon Brock, Ästhetikprofessor, Theoretiker, Performer und Enfant terrible der deutschen Kunstszene, mit seiner Keynote für Konzentration und Kurzweil.

Brock ist Generalist. Die Grenzen der Disziplinen gelten ihm nichts. Sich selbst bezeichnet er als „Denker im Dienst“. Von Darwin über Thomas Mann zu den Hackern der Gegenwart, vom Bilderverbot zur Apokalypse führt Brocks philosophische Tour. „Jeder Fälscher“, so der wortgewaltige Universalist, „ist ein Erkenntnistheoretiker, jeder Lügner rettet die Wahrheit.“ Für seinen Parforceritt durch Felder der Religion, der Literatur und Philosophie erntet der agile 80-jährige emeritierte Ästhetik-Professor lang anhaltende Ovationen.

Im Gespräch mit HORIZONT erläutert der Philosoph seine Thesen über Fakes, Disruption und die Selbsteinschätzung der Kreativen:

Bazon Brock über …

… digitale Kommunikation:

… Ich gehöre nicht zu jenen, die da naiv glauben, dass die zunehmende Digitalisierung Freiheit schafft und Frieden stiftet. Aber mittlerweile habe ich mich ja mit einigen Neuerungen der digitalen Welt durchaus arrangiert. Ich nutze beispielsweise Twitter. Aber je größer die Reichweite und das Potenzial der Vernetzung, desto dominanter wird das privatistische Geschwätz. Das ist fatal. Denn alle Kommunikation zielt auf den Genuss der Anwesenheit des anderen.

… Disruption:

Alles Neue ist stets barbarisch. Was einst Krupp war, ist nun Apple. Früher nannte man es Krieg, heute reden wir von Disruption.

… „Disrupting Deutschland“, das Motto des ADC:

Damit folgt der ADC dem modischen Gegacker von Leuten, die keine eigenen Gedanken haben und nichts von Geschichte wissen. Der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter erkannte, dass im Industrie-Zeitalter die permanente Zerschlagung des Alten Voraussetzung kapitalistischen Wirtschaftens ist. Mit anderen Worten: Das ist alles schon diskutiert worden.

… die Selbstüberschätzung der Kreativen:

Wer meint, man müsse sich nur kreativ und schöpferisch nennen und dann sei alles von göttlicher Qualität, der irrt gewaltig. Das ist ein gefährlicher Realitätsverlust. Eine Form von Selbstermächtigung, die wir derzeit auch bei diversen Politikern erleben. Wir sollten uns endlich zu dem bekennen, was wir sein sollten: Fachleute, die mit ihrer Arbeit die Orientierung der Menschen in ihrer Lebensumwelt ermöglichen. Das heißt Design.

… die Aufgaben der Designer im Zeitalter der Digitalisierung:

Sie haben die verantwortliche Aufgabe, technische Geräte wie Computer, aber auch Autos, so zu gestalten, dass wir sie intuitiv bedienen können. Das ist die Sache von Kommunikations- und Interfacedesignern, aber auch Produktgestaltern. Sie entwerfen anwenderorientierte Benutzeroberflächen, Leitsysteme, Displays. Sie müssen die Oberflächen von Geräten – die Interfaces – so gestalten, dass wirklich jeder sie bedienen kann. Designer lügen nicht. Das können sie sich gar nicht erlauben, denn sie müssen die Funktionstüchtigkeit garantieren, andernfalls sind sie Scharlatane.

… die Bedeutung des Designers:

Der Designer ist eine Schlüsselfigur der Moderne. Er wagt es, einen Kompass zu entwickeln. Ohne seine Arbeit befänden wir uns wie unsere Vorfahren orientierungslos im Urwald, dem Ozean Germaniens. Der Himmel ermöglicht ja nicht immer Orientierung. Also musste jemand Leitsysteme entwickeln und Geräte konstruieren, um die Längen- und Breitengrade präzise zu bestimmen.

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… die unterschiedlichen Rollen von Künstlern, Designern und Werbern:

Künstler beziehen ihre Autorität durch Autorschaft, sie fügen sich keinem Herrscher, weder einem Papst noch einem Bischof. Auch keinem Markt, keiner Nation und keiner Regierung. Ganz anders als jene, die Werbefeldzüge und Kampagnen planen: Sie dienen als eine waffentragende Truppe allen möglichen Herrschaften, Unternehmern, Kriegern und Politikern. Werbeleute sind Soldaten. Aber sie wollen es nicht sein, weil es verpönt ist.

... Fakes:

Der Lügner verweist auf die Wahrheit. Das ist doch klar. Ein aktuelles Beispiel: In den Vereinigten Staaten haben derzeit die traditionellen Medien, die „New York Times“ etwa, Rekordauflagen. Ich will nicht behaupten, dass sie ausschließlich der Wahrheit verpflichtet sind, aber in Zeiten von Fake News wächst das Bedürfnis, Informationen nicht mehr ausschließlich aus dem Internet zu beziehen. Das ist der erste Schritt zu kritischer Erkenntnis.

Interview: Fabian Wurm

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