Ach Mensch Stephan Rebbe - Der Serien-Täter

Dienstag, 08. April 2014
Stephan Rebbe, Gründer und Mitinhaber der Agentur Kolle Rebbe ist großer "Tatort"-Fan
Stephan Rebbe, Gründer und Mitinhaber der Agentur Kolle Rebbe ist großer "Tatort"-Fan

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Stephan Rebbe, Mitinhaber der Kreativagentur Kolle Rebbe und glühender "Tatort"-Fan. Die Deutschen sind ein Volk der Rituale. Vor allem, was ihren Sonntagabend angeht. Wehe, es wagt jemand nach 20:15 Uhr irgendwo anzurufen. Unwirsche Antworten oder gar keine sind so gut wie sicher. Während Dieter Bohlen seine Gesangsstars auf RTL mit weniger Zuschauern denn je sucht, das ZDF Flaggschiff "Wetten, dass..?" am Ende ist, bleibt der "Tatort" im Ersten am Sonntag das letzte große Lagerfeuer der deutschen Fernsehzuschauer. Über 12 Millionen Zuschauer erreichen einzelne Folgen wie etwa das klamaukige Münsteraner Duo Kommissar Thiel und Rechtsmediziner Boerne alias Axel Prahl und Jan-Josef Liefers. Auf Twitter folgen 51.000 Fans der Mördersuche, bei Facebook hat das Format über 763.000 Fans. Von so viel Zuspruch können andere Sendungen nur träumen. Dabei ist der "Tatort" ein Oldie unter den deutschen Serien. Seit 1970 wird der Krimiabend zur prägnaten Melodie von Klaus Doldinger pünktlich nach der Tagesschau eingeläutet. Ein Ende der Serie ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: die ARD zeigt sich mehr denn je im Casting-Fieber und holte neue Kommissare wie Kino-Star Till Schweiger, Komödiant Christian Ulmen und die singende Actrice Meret Becker ins Team.

Auch Stephan Rebbe, Gründer und Mitinhaber der Hamburger Agentur Kolle Rebbe, gehört mit seiner Familie zu den Junkies der deutschen Krimiserie. Kaum eine Folge lässt sich Rebbe mit Ehefrau und den drei Kindern entgehen. Zusammen lungern sie auf dem Sofa, jeder mit iPad oder Handy bewaffnet, um unentwegt das Geschehen zu kommentieren und sich über den vermeintlichen Täter abzustimmen. Wenn Rebbe, 52, ein "Tatort" nicht gefällt, wissen das seine Freunde auf Facebook umgehend, denn dann steigt er auch mal mitten aus einer Sendung aus. Wie etwa bei einer Folge mit Ulrich Tukur als Wiesbadener Kommissar, der im Zirkus spielte und dem Werber so richtig auf den Sack ging. Rebbe ist wie so viele von uns mit der Sendung groß geworden: "'Tatort' hat man wie Nivea schon als Kind mitbekommen". Seine Sonntags-Vergangenheit mit dem Tatort geht somit über Dekaden. Und die Resonanz auf seine geposteten Kommentare ist teils enorm, "gerade auch von Leuten, die mich sonst eher selten kontaktieren", erzählt er.

Der "Tatort" ist eine Institution für deutsche Fernsehzuschauer
Der "Tatort" ist eine Institution für deutsche Fernsehzuschauer
Götz Georges Kommissar Schimanski ist und bleibt im Ranking der beliebtesten Ermittler seine persönliche Nummer 1. Darüber hinaus erinnert er sich gerne an die frühere Generation von Kommissaren wie Manfred Krug und Charles Brauer, die von 1984 bis 2001 in Hamburg den Tätern auf der Spur waren sowie an Gentleman-Ermittler Hansjörg Felmy. Für den Werbemanager ist der "Tatort" das, was für seine Eltern Tappert und "Der Kommissar" waren, aber noch einen draufsetzt. Der "Tatort" spiegelt die ganze Bandbreite Deutschlands wider, man merkt ihnen die Herkunft an, diese gewisse Form von deutschem Stallgeruch.

Tatort als sicherer Hafen zum Wochenausklang

Viele haben versucht, das Phänomen "Tatort" zu erklären. Es gibt unzählige Seminararbeiten zur Sendung. Und obwohl das Format in vielerlei Hinsicht anachronistisch und altmodisch ist, funktioniert es nach wie vor generationsübergreifend und ist wie ein sicherer Hafen zum Wochenausklang. Selbst angesehene Schauspieler empfinden es noch immer als Adelung, Kommissar der Reihe zu werden. Ein ungeheurer Popularitätsschub ist ihnen gewiss. Die Drehbücher werden teils von Grimme-Preisträgern oder bekannten Autoren wie Henning Mankell und Martin Walser geschrieben. Regie-Asse wie Margarethe von Trotta und Dominik Graf inszenieren, auch wenn Stephan Rebbe meint, dass man immer mehr Regie-Onanie erlebt. "Es zeigt sich schon teilweise an den Farben, dass jetzt der Mann von der Filmhochschule Osnabrück kommt", ätzt der Hamburger mit Genuss.

Rebbe hat nicht wirklich ein Lieblings-Team beim "Tatort", bevorzugt aber Charaktertypen wie Axel Milberg als Kieler Kommissar Borowski und Richy Müller, den er von früher aus Berlin kennt und der den schnörkellosen Stuttgarter Fahnder Lannert verkörpert. Das erfolgreiche Duo aus Münster ist ihm eher ein Gräuel, zu maniriert, zu sehr mit der Keule auf den Kopf . Deren Erfolg kann er dennoch knackig erklären: "Sie sind mainstreamig und bedienen die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen optimal. Auch für Simone Thomalla, eh bald Vergangenheit beim Leipziger Tatort, Kino-Star Till Schweiger und die Münchner Kommissare hat er so gar nichts übrig. Nur ein müdes Lächeln entlockt Rebbe die Tatsache, dass laut einer Umfrage der Bild am Sonntag der Kölner Ermittler Freddy Schenk, dargestellt von Dietmar Bär, der beliebteste TV-Kommissar Deutschlands ist. "Bär ist ein guter Typ, aber die Jungs aus Köln sind in die Jahre gekommen, die hat man schon zu oft gesehen", lautet sein gnadenloses Urteil. Ungewöhnliche Duos wie die österreichische Kombi Harald Krassnitzer als Moritz Eisner und seine alkoholabhängige Kollegin Bibi Fellner oder Ulrike Folkerts Lena Odenthal mit ihrem Oldtimer fahrenden WG-Mitbewohner Mario Hopper finden schon eher seine Anerkennung. Der Reiz liegt dabei für ihn in der Ambivalenz zwischen den unterschiedlichen Typen. Außerdem kommen Folgen dann gut bei ihm an, wenn das Regionale gut herausgearbeitet wird. "Milberg zum Beispiel bildet das Norddeutsche gut ab so wie Joachim Krol einfach nach Frankfurt passte, auch wenn er natürlich ein Ruhri ist", analysiert Rebbe. Während andere sich vom Tatort eher berieseln lassen, hat er nicht nur ein Auge für Details, sondern sucht quasi als männliche Miss Marple den Täter gedanklich mit. "Allerdings darf die Story nicht zu vorhersehbar sein, sonst finde ich es blöd".

Neben dem Tatort begeistert sich der Werber für Serienformate wie "House of Cards", "Breaking Bad" und "Homeland" aus den USA, die auch in Deutschland oft und gerne an den Firmen-Kaffeeautomaten diskutiert werden. "Seit den US-Erfolgen ist es sozial akzeptiert, Serien zu gucken. Auch weil soviel Kreativität und Beobachtungskunst in den Drehbüchern steckt. US-Serien sind wie ein Feinschmecker-Menue, während Tatort eben Hausmannskost ist", urteilt der Agenturmanager. Auf seinen "Tatort" würde er dennoch nie verzichten: "Ich bin eben ein Spießer", meint Rebbe sympathisch selbstironisch. Zum sonntäglichen Ritual gehört es für ihn, den jeweiligen Tatort live auf der Mattscheibe zu verfolgen. In die "Tatort"-Mediathek hat er sich noch nie verirrt. Ebenso wenig wie zum verwandten Format "Polizeiruf 110" trotz hochgelobter und prämierter Fälle wie die mit Matthias Brandt als Hanns von Meuffels. Der Tatort ist eben ein Unikat und unverwechselbar. Damit die Krimi-Serie das auch bleibt, hat der Kommunikationsexperte und Serien-Kenner einen klaren Ratschlag: "Man muss aufpassen, den Tatort nicht zu inflationieren. Nicht noch eine Stadt und noch mehr Kommissare. Sonst verwässert man die Marke. Die kommenden zwei Sonntage hat Stephan Rebbe übrigens frei, denn da wird zunächst Polizeiruf 110 und dann ein neuer Krimi aus Münster ausgestrahlt. Langweilen dürfte er sich dennoch nicht, gerade sind die neuen Folgen von "House of Cards" angelaufen. Eine Serie, die er auch deswegen schätzt, "weil sie mich davon entlastet zu glauben, schlecht zu sein. Kevin Spacey zeigt einfach, dass es noch viel schlimmere Menschen gibt. Schlimmere übrigens auch als so mancher Schurke im 'Tatort'".

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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