Ach Mensch Nina Puri - Die Karriere-Mutter

Mittwoch, 14. Mai 2014
Nina Puri (Foto: Yannik Willing)
Nina Puri (Foto: Yannik Willing)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Nina Puri, freie Kreativ-Direktorin und Buchautorin. Zukunftsforscher haben vorausgesagt, dass beim derzeitigen Entwicklungstempo, im Jahre 2270 auch in Deutschland Job und Familie unter einen Hut zu kriegen sind. Rosige Aussichten also für Frauen, die arbeiten und auch noch Kinder kriegen wollen. In der Werbebranche freilich kann sich das Ganze noch länger hinziehen. Agenturen sind konservativ und werden in der Regel von Männern geleitet, die sich kaum ein Leben jenseits der schicken Konferenzräume, dauerpiependen iPhones und knackig formulierten Power-Point-Folien vorstellen können. "Von Männern wird noch immer erwartet, dass sie Karriere machen und das Geld verdienen - Familie läuft im Hintergrund. Von Frauen erwartet man das Gegenteil: Sie sollen in erster Linie Kind und Haushalt wuppen, alles andere kommt noch on top", stellt Nina Puri, freie Kreativ-Direktorin und Buchautorin dazu trocken fest.

Puri, die mit 48 noch so mädchenhaft aussieht, als hätte sie ihr Leben in Tiefentspannung verbracht, weiß, wovon sie spricht. Sie ist Mütter von zwei Söhnen und ist nicht wie so viele andere Frauen in die Eltern- beziehungsweise Teilzeit-Falle getappt. Sie hat - abzüglich einer kleinen Auszeit - einfach immer gearbeitet. Auch weil sie "noch nach wie vor von Werbung begeistert" ist. Aber sicher auch, weil sie weiß, dass fast jede zweite Ehe in Deutschland geschieden wird, 90% aller Alleinerziehenden in Deutschland Frauen sind und nicht mal jede 2. Frau vom eigenen Einkommen lebt. Zwei Drittel aller deutschen Frauen gehen beim ersten Kind in Elternzeit und nicht mal die Hälfte kehrt in den Beruf zurück. Nachzulesen ist dies alles in Puris gerade erschienenem Buch "Karriere im Eimerchen - Warum Mütter nicht zum Arbeiten kommen". Darin wirft sie einen überwiegend amüsanten, aber dennoch messerscharfen Blick auf das Reizthema Mütter. "Ich wollte einfach wissen, warum es in Deutschland so verkrampft wird, wenn Mütter arbeiten gehen und eine Karriere haben wollen. Deutsche Mütter entschuldigen sich die ganze Zeit, wenn sie arbeiten. Und wenn sie nicht arbeiten, jammern sie rum, ohne aber etwas zu ändern", fasst ADC-Mitglied Puri zusammen. Dass sie selbst einen anderen Weg gewählt hat, mag auch an ihrer Biografie liegen. Puris Vater ist Halb-Inder, sie wuchs zunächst im Ausland auf, ehe sie mit neun Jahren nach Deutschland verpflanzt wurde. Den ironisch-versierten Blickwinkel hat sie als Halb-Engländerin sozusagen im Blut und das in Deutschland "so starke Mutterideal, dem man nie Genüge tragen kann" ficht sie Gott sei Dank - nicht wirklich an.

Anwesenheitskultur bringt Frauen unter Druck

Ihr Berufsweg führte sie 1991 nach einem Grafik-Design-Studium an der FH Düsseldorf schnurstracks nach Hamburg. Dort arbeitete sie unter Olaf Oldigs und ging mit ihm anschließend zur damaligen Top-Werbeagentur Springer & Jacoby, "einer guten Denkschule", wie die Kreative auch heute noch findet. Als das erste Kind kam, begann sie frei zu arbeiten. Viele namhafte Kunden betreut sie noch heute als Konzeptionerin und Texterin, etwa aus der Autobranche. Gerade kommt sie von einem großen Auto-Dreh in Los Angeles. Sie strahlt über diesen Job, den sie im positiven Sinne als "kollektiven Wahnsinn" bezeichnet. Zu ihrer Berufslaufbahn als arbeitende Mutter gehört es, "top-organisiert zu sein", auch wenn sie am Ende doch häufig alles über den Haufen werfen muss. In einer straffen Agenturhierarchie hätte sie beides wohl nicht gut vereinbaren können. "Diese Anwesenheitskultur ist bescheuert. Warum kann sich ein Chef nicht vorstellen, dass man zu Hause noch arbeitet"? Auch sie hat es erlebt, aus Meetings rausschleichen zu müssen, weil ihre Kinder aufs Abendessen warteten. Vor allem hat sie gesehen, wie viele Frauen in der Agenturbranche einfach verschwanden, als sie Kinder bekamen. Vielleicht ist Puri ein Stück furchtloser und härter im Nehmen als Branchenkolleginnen. Dörte Spengler-Ahrens, Geschäftsführerin bei Jung von Matt und eine der wenigen Frauen mit Kind in einer Top-Branchenposition, bezeichnet Nina Puri jedenfalls "im besten Sinne des Wortes als kreative Amazone. Kühn, mutig, kämpferisch für gute Ideen".

Bucherfolge mit selbstironischen Ratgebern

Kühn war es auf jeden Fall neben Familie und den anspruchsvollen Werbejobs auch noch anzufangen, Bücher zu schreiben. Ihre Spezialität sind dabei nicht ganz ernstgemeinte Ratgeber so wie der Bestseller "Elternkrankheiten", den sie zusammen mit Susanne Kaloff verfasste und der 80.000 mal über die Buchladentheke ging. Ihr absoluter Topseller mit einer Auflage von 100.000 ist allerdings ein Tierbuch: "Langenscheidt Katze Deutsch/Deutsch - Katze". Sie muss selbst darüber schmunzeln, freut sich aber über die "vielen süßen Mails von Katzenbesitzern", die sie deswegen bekommt. Der Verlag war auf sie zugekommen, weil man ihre Schreibe mochte und so investierte Puri drei Monate in das Manuskript. "Ein Buch zu schreiben ist eine total schöne Konzentration, auch wenn es eine sehr einsame Tätigkeit ist", erzählt sie. Da sie Longcopy mag und davon ausgeht, als Texterin eigentlich alles schreiben zu können, ergeben sich so Jahr für Jahr neue Buchaufträge. Dabei arbeitet sie häufig abends wie so viele andere berufstätige Frauen auch.

Ihr letztes Buch hatte sie jedoch von sich aus initiiert. Das Mutter-Thema liegt ihr einfach am Herzen. Und wenn man sieht, wie wenige Frauen in Agenturen in Führungspositionen sind, obwohl sie die Mehrheit der Mitarbeiter stellen, kann man das nur allzu gut verstehen. Dabei argumentiert die Kreative, die beim diesjährigen ADC-Festival "allein unter Männern" in der Jury "Ganzheitliche Kommunikation" sitzt, nie eindimensional. Für sie spielen viele Faktoren dabei eine Rolle, dass es arbeitende Mütter so schwer haben. Sie sieht strukturelle Probleme wie die ungenügende Betreuungssituation in Deutschland, die berühmte gläserne Decke, aber eben auch die eigenen Fehler der Frauen, zu schnell aufzugeben, zu wenig zu netzwerken, sich bienenfleißig mit mittleren Aufgaben zufrieden zu geben oder anderen gerne zu erzählen, sie hätten bei einer hart erarbeiteten Karriere "einfach Glück" gehabt. Als eine der wenigen in der Agenturbranche befürwortet Nina Puri die Frauenquote. "Klar kommen dann auch Frauen ans Ruder, die nicht so geeignet sind, aber viele Männer sind ja auch nicht geeignet. Es wird dann eben ganz normal, dass es in den oberen Etagen genauso viele weibliche wie männliche Flachzangen gibt", fügt sie lächelnd hinzu. Verteidigungsminister Ursula von der Leyen hält sie im Übrigen für ein positives Beispiel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, auch wenn sie schon die Stimmen von Frauen im Ohr hat, die bei diesem Satz vermutlich zischen: "Wenn ich fünf Nannies hätte, könnte ich das auch." Beruhigend, dass Nina Puri über keine fünf Nannies verfügte und dennoch ihren Weg gegangen ist. Als Kreative, Buchautorin und Mutter. Mit Disziplin, Mut zum Chaos und einer Portion Selbstironie geht eben fast alles.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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