Ach Mensch Mirko Kaminski - Der Meeresflüsterer

Freitag, 15. November 2013
Achtung-Geschäftsführer Mirko Kaminski
Achtung-Geschäftsführer Mirko Kaminski

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Mirko Kaminski, geschäftsführender Gesellschafter der PR-Agentur Achtung.
Ansicht auf das Meer und den Steg, von dem die Familie ins Wasser springt
Ansicht auf das Meer und den Steg, von dem die Familie ins Wasser springt
Rituale gehören zu den wichtigsten Dingen im Leben eines Menschen. Sie geben uns Halt und Struktur - nicht nur in Krisen. Liebgewonnene Gewohnheiten können uns sofort in eine andere Stimmungslage versetzen und von den Nervereien des Alltags befreien. Mirko Kaminskis Ritual beginnt regelmäßig mit einem lauten Platsch. Fast jedes Wochenende fährt der geschäftsführende Gesellschafter der PR-Agentur Achtung mit seiner Familie von Hamburg aus auf die Ostseeinsel Fehmarn. Dort rennt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern zum Steg und springt - zumindest solange das Wetter mitspielt - himmelhochjauchzend in die Ostsee. Spätestens in diesem Moment ist alles von ihm abgefallen und kleine Schaumkronen driften mit den Anstrengungen der Woche davon. In der Agenturbranche kennt man Kaminski als hochgewachsenen Mann in gut sitzendem Anzug und weißem Hemd, der gerne auch mal mit seinen Videos "Auf ein Wort vorm Regal" der Branche die Leviten liest. Auf Fehmarn, der zweitgrößten Insel in Schleswig-Holstein, ist er für alle einfach Mirko in Shorts und Flip-Flops. Die Inselbewohner kennen ihn von Kindes Beinen an, als er durch die Felder der Insel gestromert ist. Einen Promi-Bonus gibt es auf der Insel nicht. Es sei denn, man hat einen richtig dicken Fisch geangelt.

Weitere Ansicht von Fehmarn
Weitere Ansicht von Fehmarn
"Küste, Wind, Sonne" - diese drei Worte fallen dem 42-Jährigen ein, wenn er an seine Heimat denkt. Das Aufwachsen auf der Familien-Ferieninsel hat ihn für alle Zeiten "erfrischend geerdet", wie er erzählt. Er kennt jeden, der hinter dem Tresen steht. Auf der Insel redet man über alles, nur nicht über Kommunikation. Die Sommer seiner Kindheit bestanden darin, die Natur, die Insel und sich selbst zu entdecken. Nebenbei hat er Frösche gefangen, später Fische. Diese Freiheit, einfach aus dem Haus loszurennen und die Welt für sich zu entdecken, hält er für die wichtigste Erfahrung seiner Kindheit und genau das möchte er jetzt an seinen Nachwuchs weitergeben. Denn auf diese Art, da ist er sich sicher, werden Kinder zur Eigenständigkeit erzogen. Und auch zum Träumen. In den langen kalten Winternächten dachte sich der kleine Mirko selbst jede Menge Geschichten aus, später organisierte er als Vorsitzender der Landjugend Veranstaltungen und lud Referenten ein. Ansonsten gab es die Wintermonate über wenig zu tun. Man war mit sich beschäftigt. Hohe Schneewehen zwingen noch heute die Bewohner von Fehmarn dazu, in den Wintermonaten manchmal tagelang zu Hause zu bleiben.

Lebenslange Sehnsucht nach der Ostsee

Angeln gehört zu den festen Ritualen an den Sommer-Wochenenden
Angeln gehört zu den festen Ritualen an den Sommer-Wochenenden
Mirko Kaminski kommt aus einer Arbeiter- und Beamtenfamilie. Schon früh hat er gelernt, Geld zu verdienen. Zuerst durch Eisverkauf, dann während seines Studiums der Politik, Sozialpsychologie und des Öffentliches Rechts in Kiel als Journalist und Reporter. Er schrieb für das Bauernblatt Schleswig-Holstein und das Fehmarnsche Tageblatt, später wurde er als Allround-Talent beim Rundfunk eingesetzt. Seine Gabe, aus dem Stand stegreif zu reden, kommt also nicht von ungefähr. Ein Leben als Rundfunkmoderator konnte er sich dennoch nicht vorstellen. "Ich habe viele Leute gesehen, die alles auf eine Karte gesetzt haben und das Funkhaus für den Nabel der Welt halten. So war ich nie. Mich hat die Verbindung von Journalismus und Kommunikation interessiert", erzählt er ohne Bedauern. Nach seinem Magister-Abschluss bekam er seinen ersten Job bei Burson-Marsteller. Sein Kunde Citibank holte ihn später in die Kommunikationsabteilung nach Düsseldorf.

Er schmunzelt heute über eine gewisse Naivität seiner Anfangszeit, darüber dass er vieles erstmal lernen musste. "Ich konnte aber immer viel arbeiten." Doch trotz beruflicher Erfolge packte ihn die Sehnsucht nach der Ostsee. Hinzu kam, dass seine damalige Freundin und heutige Frau in Hamburg lebte. Mit zwei Kunden im Gepäck gründete Mirko Kaminski 2001 in Hamburg seine PR-Agentur. Inzwischen gehört Achtung mit 110 Mitarbeitern an den Standorten Hamburg und München und Kunden wie Ebay, Vapiano und Barclay Card zu den wichtigsten Branchen-Playern. Den Erfolg der Agentur sieht der Norddeutsche dabei durchaus zwiespältig. "Ich sehne mich zu der Größe zurück, wo ich noch alle persönlich kannte. Aber wir wollen und müssen wachsen. Denn mittelgroße Agenturen haben möglicherweise keine große Zukunft mehr und können auf Dauer nicht das bedienen, was Kunden von ihnen erwarten." Bei Achtung konzentriert er sich darauf, Konzepte und Ideen zu entwickeln, denn das Managen, so gibt er unumwunden zu, gehöre nicht zu seinen Stärken. Sein Partner Thorsten Beckmann ist somit eine wichtige Stütze bei der Agenturführung. Vor allem ermöglicht ihm der Standort Hamburg und das Teilen der Aufgaben, seinem geliebten Ritual zu folgen und am Wochenende und in den Ferien nach Fehmarn zu fahren. Denn die "Aggressivität, Menschendichte und der Lärm" der Großstadt würde ihm sonst zuviel werden.

Ein typischer Fang auf Fehrmarn, wenn Kaminski mit seinem Sohn angelt
Ein typischer Fang auf Fehrmarn, wenn Kaminski mit seinem Sohn angelt
So wichtig ihm der Rückzug in die Heimat und Natur ist, so extrovertiert kennt man ihn in der Agenturbranche. Dass er sich selbst eher als schüchtern bezeichnet, klingt schon kokett, hat er sich doch mit seinem Videoformat "Auf ein Wort vorm Regal" in kürzester Zeit ein Maximum an Aufmerksamkeit in der Branche und den Medien gesichert. Darin legt der Agenturboss gerne mal die Finger in die Wunden. So prangert er miese Bedingungen bei Pitches an, aber auch die schlechter werdenden Arbeitsbedingungen in den Agenturen. "Wir haben immer größere Probleme, High Potentials zu gewinnen. Die Agenturen müssen sich daher verändern", sagt er klipp und klar. Die hohe Visibilität der Agentur führt auch dazu, dass Achtung viele Anfragen erhält. Seine selbstbewusste Präsenz plus der Erfolg der Agentur rufen natürlich auch Neider auf den Plan. Denn Kaminski polarisiert. "Mirko ist einer der wenigen Kommunikationsexperten, der nicht nur professionell, sondern mit einer selten gewordenen persönlichen Verve und Leidenschaft die Themen Kommunikation und Kreativität verkörpert. Er ist ein sehr breit denkender Querdenker und streitbarer Kopf", beschreibt ihn etwa Ex-Trendbüro-Geschäftsführer und Innovationsberater Marc Schüling. Man hört aber auch schon mal hinter vorgehaltener Hand, dass ihn Kollegen für einen Wichtigtuer halten. Kaminski kann sich sogar selbst vorstellen, dass er einige Leute "nervt". Er zuckt die Achseln. Am Ende der Woche verhallen die spitzen Bemerkungen wie Theaterdonner und werden von der Meeresbrandung auf Fehmarn einfach verschluckt. Die Insel hat ihm nicht nur feste Wurzeln gegeben, sondern auch Selbstvertrauen. "Fehmarn hat mir immer geholfen, der zu sein, der ich wirklich bin, auch wenn ich nicht auf Fehmarn bin. Diese innere Haltung lässt ihn eine gewisse Distanz zur Branche halten, nicht alles so wichtig zu nehmen, worüber sich andere echauffieren. Er tauscht sich im Zweifelsfall lieber mit einem Mediziner oder Pastor aus als mit Kollegen. "Die Branche verliert oft die Normalität aus den Augen", konstatiert er nüchtern. Seine Portion Normalität wird er sich auch künftig an den Wochenenden von Fehmarn holen. Er kann sich sogar vorstellen, später, in 15 Jahren, als Bürgermeister oder Tourismus-Direktor wieder ganz auf Fehmarn zu leben. "Dort könnte man noch viel machen", denkt er laut vor sich hin. Und während er das sagt, wandern seine Augen in die Ferne. Die Heimatküste und das ferne Meeresrauschen haben ihn schon wieder fest im Griff.

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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