Ach Mensch Kerstin Geffert - Die lässige Strick-Königin

Mittwoch, 20. November 2013
Kerstin Geffert (Foto: Rosa Merk)
Kerstin Geffert (Foto: Rosa Merk)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Kerstin Geffert, geschäftsführende Gesellschafterin von Silk Relations in Berlin. Die Schreie von Zalando-Kundinnen sind vermutlich harmlos gegen die der Mode-Journalisten, die den Show-Room von Silk Relations zum ersten Mal betreten. Im angesagten Mitte-Kiez hat die Berliner PR-Agentur Silk Relations ihre Büros inklusive einem Wonderland voll angesagter Marken und Produkte. Als Mitinhaberin Kerstin Geffert einige Kunden-Labels präsentiert, kann man auch als Nicht-Fashionista verstehen, warum sie mit viel Herzblut dabei ist. Die delikate Kollektion von Augustin Teboul, die sich in Frankreich wie verrückt verkauft, hängt neben der vom hochgelobten Berliner Talent Kilian Kerner, der gerade in London auf der Fashionweek präsentierte und u.a. von der deutschen Schauspielerin Karoline Herfurth gerne auf dem roten Teppich getragen wird. Die lässigen Pullis von Markus Lupfer befinden sich in der guten Gesellschaft des In-Labels Tiger of Sweden und der ewigen Kult-Jeansmarke Levi s. Darüber hinaus arbeitet die Agentur, die zu den führenden PR-Mode- und Lifestyle-Agenturen in Deutschland gehört, auch noch für Beck s und Nike sowie eine Reihe junger Nachwuchs-Designer wie etwa dem Afrikaner Bobby Kolade.

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Geffert, 44, die Silk Relations mit ihrer Partnerin Silke Bolms 2005 gründete, ist für die oft hysterisch wirkende Modebranche bemerkenswert lässig und unaufgeregt. Sie mixt ihren Stil aus coolen Basics, meist flachen Schuhen, denn in hohen kann sie nicht wirklich gut laufen, und wenig Schmuck. "Ich habe zwar keine modischen Vorbilder, aber David Bowie finde ich inspirierend. Ich mag die Haltung, Dinge auszuprobieren", erzählt die Agenturchefin, die mit Mann, Sohn und Hund bald von Mitte an den Prenzlauer Berg zieht. Ein Kundenkleidungsstück ist in der Regel bei ihrem Look immer dabei. Modebegeisterte Frauen würden für ihren Kleiderschrank vermutlich morden. Das Charmante an der gebürtigen Mindenerin ist, sie bleibt trotz Modebegeisterung ganz sie selbst, ihr Stil wirkt nie bemüht. Im Gegensatz zu so manchen Redakteurinnen oder Mode-Bloggerinnen, die hoffen, wenigstens einmal von Scott Schumann für seine berühmte Mode-Site The Sartorialist abgebildet zu werden oder zumindest auf einer der Street-Style-Seiten deutscher Mode-Magazine zu landen.

Geffert selbst fungierte schon diverse Male als Stil-Ikone für Magazine. Vermutlich auch, weil sie mit ihren selbstgestrickten Pullis und Strickjacken voll im Trend liegt. Die Zeitung "Die Welt" berichtete vor kurzem vom Comeback der Spießigkeit, wozu neben Pilze sammeln auch das Stricken gehört. Und wer mit offenen Augen durch Deutschlands Großstädte läuft, wird bemerken, dass junge Hipster-Mamas zunehmend gerne in Strickläden rumhängen, die neuerdings durch angegliederte Coffeeshops noch mehr dazu einladen, den Nachmittag bei Latte Macchiato und Wollgarn zu verbringen. "Stricken ist mein Yoga", gibt Kerstin Geffert unumwunden zu. Nur, dass sie schon seit Kindesbeinen an strickt und nicht erst seit es fashionable ist. Gelernt hat sie es von ihrer Oma, die ein wahres "Handarbeitstalent" war. Am Tag unseres Treffens trägt die PR-Frau einen lindgrünen Superkidmohair-Pulli. In Halb-Patent wie sie betont. Oha!

Sie hat aber auch schon Kaschmirmützen zu Weihnachten gestrickt, Socken und Fingerhandschuhe. Ihr Sohn war, als er noch kleiner war, von Kopf bis Fuß in Strick gehüllt. "Ich fühle mich total erfüllt, wenn ich sehe, wie mein Wollknäuel kleiner wird und sich immer mehr zu dem verwandelt, was es werden soll." Wenn ein neues Garn-Paket kommt, kann sie es kaum abwarten, zu planen, was sie damit macht. Trotz Strickerfahrung braucht sie eine Anleitung, die sie dann aber frei Schnauze abwandelt, um daraus etwa Pullis oder Unikat-Cardigans zu kreieren. Stricken ist für die Co-Chefin von 26 Angestellten pure Entspannung. Daher trifft sie sich nur ab und zu mit einer Freundin, die dem Hobby auch frönt und ihr manchmal neue Welten - etwa in Form aktueller Strick-Apps - eröffnet. In der Regel ist Kerstin Geffert glücklich mit sich, einem Wollknäuel und einer guten TV-Serie wie "House of Cards" oder "Top of the Lake". Bei einem Betriebsausflug vor einem Jahr versuchte sie jedoch ihre zumeist weiblichen Angestellten für das Stricken zu begeistern. Zwar wollten es alle lernen, aber so manche gab den Kampf mit dem Knäuel dann doch schnell wieder auf, wie Geffert amüsiert erzählt.

Foto: Anne Bernecker
Foto: Anne Bernecker
So wie sie das Stricken mit großer Leichtigkeit praktiziert, geht sie auch mit dem Mode-Business um. Keine Verbissenheit auf der Suche nach dem einen angeblichen It-Piece, das man als Mode-PR-Frau haben sollte. Stil hat für sie damit gar nichts zu tun, auch nicht mit Geld. "Guter Stil entwickelt sich. Manchmal liegt man auch daneben, auch ich hatte viele Fehlkäufe. Wenn man nur das anzieht, was 'safe' ist, wird es schnell langweilig." Den Look der englischen Schauspielerin Tilda Swinton mag sie, weil "sie ihren Typ perfekt unterstreicht, aber nie verkleidet aussieht". Auch die US-Schauspieler Kate Bosworth und Ryan Gosling stehen mit ihrem Kleidungsstil bei Geffert hoch im Kurs.

Sie selbst war schon als Kind experimentierfreudig, machte aus Bettlaken Haremshosen oder ging im Schlafanzugoberteil in die Schule. "Gott sei Dank sind meine Faux-pas' aber alle passiert, als es noch keine Digitalfotografie gab", lacht sie. Heute ist eine PR-Frau ohne Instagram-Konto im Mode-Business undenkbar. Und natürlich sorgen viele junge Mitarbeiter für den direkten Draht zur immens wichtig gewordenen Bloggerszene. Sie selbst hält die Modebranche für recht alterslos. Das mag naiv klingen. Doch sie klingt aufrichtig. Auch wenn sie betont, dass sie es schlimm findet, wenn sich Frauen durch die Modebranche unter Druck gesetzt fühlen.

Ihr eigener zwangloser, fast spielerischer Umgang mit dem Business mag daran liegen, dass sie eher durch Zufall in der Modebranche gelandet ist. Jahrelang arbeitete sie als Werbe-Texterin mit ihrem Mann zusammen in einer eigenen Firma in Berlin. Dann bewarb sich ihre jetzige Partnerin Silke Bolms dort und wenig später beschlossen beide, sich neu zu orientieren. Nike war ihr Startkunde, dann kam schnell Beck's dazu. "Ich hatte gar keine Ahnung, wie man PR macht, aber schreiben und labern konnte ich", meint sie selbstironisch. Bis heute hat sich immer alles gut gefügt. Die meisten Kunden klopfen von sich aus an. Doch ein gewisser Druck sich zu überlegen, wie es die nächsten Jahre weitergehen soll, wächst. Ein Masterplan liegt schon in der Schublade. Einige Marken würden sich beispielsweise gerne international betreuen lassen. Denkbar wäre es auch, neue Geschäftsfelder im Sales-Bereich zu erschließen. Entschieden ist noch nichts, nur, dass Silk Relations sich weiter für junge Designer-Labels engagiert - ein besonderes Steckenpferd von Kerstin Geffert. Und so wird sie wohl noch einige neue Jacken und Pullis stricken, bis sie mit ihrer Partnerin entschieden hat, ob sie am Ende doch beim ganz großen, internationalen Mode-Zirkus mitmischen wollen.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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