Ach Mensch Jakob Berndt - Der Sinn-Stifter

Dienstag, 06. Mai 2014
Jakob Berndt, einer von drei Geschäftsführen bei Lemonaid
Jakob Berndt, einer von drei Geschäftsführen bei Lemonaid

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Jakob Berndt, einst Planner bei Jung von Matt und heute Geschäftsführer bei dem Fairtrade-Limonaden-Hersteller Lemonaid.
Die Lemonaid-Geschäftsführung (v.l.): Felix Langguth, Jakob Berndt und Paul Bethke
Die Lemonaid-Geschäftsführung (v.l.): Felix Langguth, Jakob Berndt und Paul Bethke
In der Generation meines Vaters war das mit dem Geld verdienen eine ziemlich einfache Sache: Man hat einen Beruf erlernt, der nicht zwingendermaßen der Traumberuf war, sondern oft pragmatische Gründe hatte und zog dann ohne Murren den Job bis zur Rente durch. So wurde mein Vater Berufschullehrer statt Rechtsanwalt. Er kannte auch Stress und Frustration, aber er hat nie daran gedacht, etwas anderes zu machen. Jeden Morgen wieder zog er mit seiner schwarzen Ledertasche los, um Schüler zu unterrichten. Bis er 63 war. Die Sinnfrage wurde schlicht verdrängt.

Das funktioniert heute nicht mehr. Ob die eigene Arbeit wirklich sinnvoll ist, was sie mit einem selbst zu tun hat und ob es nicht relevantere Alternativen gibt, sind typische Fragen. Allerdings stellt sich die Sinnfrage schon längst nicht mehr nur Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die Y-Generation fängt ganz früh damit an, was so manchen Arbeitgeber in Deutschland hinter vorgehaltener Hand kräftig fluchen lässt. Denn die üblichen Köder wie Zimmerachsen, dickes Firmenauto und Operetten-Jobtitel laufen meist ins Leere.

Als Jakob Berndt sich die Sinnfrage stellte, war er Ende 20. Er arbeitete im Team von Karen Heumann bei Jung von Matt, also einer Agentur, die zu den besten des Landes zählt und langfristige Karrieren in der Werbung sichert. Doch Berndt, der als studentische Hilfskraft bei den Hamburgern angefangen hatte und nach seinem Kulturwissenschaftsstudium als Planner arbeitete, wusste schon früh, dass "Werbung nix von Dauer ist". Er sagt das ohne eine Spur von Arroganz. Er hatte einfach mehr Zweifel und kritische Distanz zur Branche als andere. Karen Heumann, heute Partnerin bei Thjnk, erinnert sich denn auch an Berndt als "einen tollen Typen, der sich schon immer für viele Dinge im Leben interessiert hat und ein freier Geist ist". Sein freier und kritischer Geist hat viel mit seiner Sozialisation zu tun. Seine Eltern sind Alt-68er, die ihn als Kind auf ihren Schultern durch Brokdorf getragen haben. Seit seinem 15. Lebensjahr arbeitet Berndt. Er hat Prospekte ausgetragen, im Callcenter gearbeitet und in einer Galerie in St. Pauli gejobbt. Dabei hat er vor allem viel vom Leben gesehen, so dass er eben mit Ende 20 schon wusste, dass es noch wichtigere Dinge im Leben gibt als Werbung.

Trinkend die Welt verändern

Lemonaid-Flaschen
Lemonaid-Flaschen
Als sein alter Schulfreund Paul Bethke ihn 2008 anrief und von der Idee erzählte, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, mit dem man gesellschaftlich Einfluss nehmen konnte, war Berndt sofort Feuer und Flamme. "Das Konzept von Lemonaid hatte alles, wonach ich gesucht habe. Ich kann selber gestalten, konkret den sozialen Wandel voranbringen und meine Zeit mit einem Projekt verbringen, das Sinn macht". Bald sechs Jahre ist es her, dass die beiden Freunde mit einer Limo und 3 Tees der Marke Charitea auf den Markt kamen. Trinkend die Welt verändern - so lautet das selbstverordnete Motto von Lemonaid. Dabei sind die inzwischen sieben Getränke nur "das Medium" (Berndt). Das Geschäftsziel ist es, entwicklungspolitische Projekte zu unterstützen. Die erste Limonade wurde in Berndts WG-Küche in vielen Stunden gemixt. Alle Zutaten sind frisch und aus zertifiziertem biologischen Anbau, auf Aromastoffe wird verzichtet und von jeder verkauften Mehrweg-Flasche Lemonaid oder Charietea gehen 5 Cent an einen gemeinnützigen Verein, der diverse Sozialprojekte in Anbauländern wie Indien, Paraguay und Südafrika unterstützt, damit etwa Kinder in die Schule gehen können. Mitarbeiter von Lemonaid besuchen die Projekte regelmäßig, um sich ein Bild vom Leben der Bauern vor Ort zu machen. Bislang sind 300.000 Euro an den Verein geflossen. Wie ernst es den Machern mit ihrer Idee vom sozialen Wandel ist, zeigt sich auch daran, dass das Geld auch abgeführt wird, wenn ein Geschäftsjahr mal rote Zahlen aufweisen sollte.

Meine Utopie. Ideen für eine bessere Welt. Trailer. from Lemonaid on Vimeo.

Dass Lemonaid so erfolgreich ist und seit Bestehen ständig wächst, hat sicher auch damit zu tun, dass die Produkte eine hohe Qualität aufweisen. "Anspruchsvolle Kunden und die Gastronomie kaufen nicht, wenn das Produkt nicht schmeckt. Geld verdienen kann man nur, wenn man professionell ist", erläutert Jakob Berndt. Zwar hatte Bionade viel Pionierarbeit im Getränkesegment geleistet, "die Hacken ablaufen" mussten sich die Gründer dennoch. Das Ziel war es, der individuellen Gastronomie mit ihrem Premiumprodukt ein Angebot für die Nach-Bionade-Ära zu machen. TV-Koch und "Bullerei"-Chef Tim Mälzer war der erste, der Lemonaid auf die Karte setzte. Inzwischen gibt es kaum ein Szene-Viertel in Berlin, Hamburg oder München, das nicht die Produkte von Berndt und seinen beiden Compagnons Bethke und Felix Langguth führt. Selbst die Berlinale kooperiert mit den jungen Getränkeproduzenten. Auch einige Supermärkte haben die Marke im Regal. Ein Team aus 17 Mitarbeitern kümmert sich von Hamburg Altona aus darum, dass Lemonaid weiter wächst. Darunter sind Anwälte, Banker und Philosophen, die alle ihre gut dotierten Jobs an den Nagel hängten, um etwas Sinnvolleres mit ihrem Leben zu machen. Die Geschäfte laufen gut, auch wenn Berndt es vorsichtiger formuliert: "Es fühlt sich so an, als hätten wir einen ganz erfolgreichen Pfad betreten, aber nichts ist sicher". Auch deswegen wollen die Limonadenmacher weiter expandieren. Das bedeutet einerserseits, sich neue Zielgruppen - etwa Uni-Mensen, Agentur- und Verlags-Cafeterias - zu erschließen und andererseits auch ein Auge auf ausländische Märkte zu werfen, um organisch zu wachsen. Allerdings immer nur in einem Tempo und einer Größe, die es erlauben, "unsere Werte nicht über Bord zu werfen", macht der besonnene Jakob Berndt deutlich.

Aufmerksamkeit für soziale Themen schaffen

Gute Sache: Pfandkisten für Pfandsammler
Gute Sache: Pfandkisten für Pfandsammler
Zu diesen Werten gehört es, Themen wie Armut, soziale Benachteiligung und nachhaltigen Lebensstil offen anzusprechen und in die breite Bevölkerung zu tragen. Zwar ist Nachhaltigkeit ein Boom-Thema in den Medien, doch Berndt ist sich sicher, dass es im Mainstream noch längst nicht angekommen ist. Auch deshalb starten die Hamburger Limo-Hersteller immer wieder mit aufmerksamkeitsstarken Projekten. So erfanden sie etwa die Pfandkistenaktion, um Flaschensammlern das entwürdigende Herumsuchen im Müll zu ersparen. Die ersten 100 Kästen stellten die Lemonaid-Macher selbst in Ausgehvierteln auf, so dass Konsumenten ihre Pfandflaschen einfach in die Kiste stellen konnten. Inzwischen hat sich das Opensource-Projekt längst verselbstständigt und sogar städtische Behörden ordern die Kästen in Eigenregie. Darüber hinaus hat Lemonaid Beverages gerade das Filmprojekt "Meine Utopie" gestartet. In Zusammenarbeit mit Künstlern des Hamburger Gänge-Viertels werden spannende Menschen interviewt, die die Unternehmer während der letzten fünf Jahre kennengelernt haben. Darunter sind etwa Regie-Ass Dominik Graf, Trendforscher Peter Wippermann, Stephan Karrenbauer von "Hinz und Kunz" und der Musiker Fayzen. Jakob Berndt und das Lemonaid-Team wollen mit den Meinungs-Interviews bewusst eine gesellschaftliche Debatte anstoßen und vor allem junge Leute dazu kriegen, über wichtige Themen nachzudenken. Berndt selbst gibt zu, dass auch er noch nicht "Nachhaltigkeit mit aller Konsequenz" lebt. Aber er meidet bestimmte Marken wie H&M, Nestlé und Discounter, isst weniger Fleisch und schaut genau, wo es herkommt. Außerdem besitzt er kein Auto. Nicht nur für ihn persönlich gibt es also noch viel zu tun. Berndt: "Wir stehen sicher erst am Anfang, was Nachhaltigkeit angeht. Aber es ist wichtig, dass man mit etwas anfängt".

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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