Ach Mensch Ivo von Renner - der Paradiesvogel

Freitag, 21. Februar 2014
Fotos von Ivo von Renner waren schon in den 90ern Kult
Fotos von Ivo von Renner waren schon in den 90ern Kult

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Ivo von Renner, Werbefotograf, Ikone der 90er-Jahre-Werbe-Fotografie und jetzt wieder zurück mit der Kultkampagne für RugStar. Schon als Kind war Ivo von Renner ein Träumer und mit seinen Gedanken immer woanders. Auch heute treibt ihn die Suche nach guten Geschichten an, die er mit der Kamera erzählen kann. Selbst wenn er die letzten Jahre die Erfahrung machen musste, dass viel "in Schubladen gedacht wird. Und die Schubladen immer kleiner werden". Für jemand, der darauf bedacht ist, Dinge ständig aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu sehen, "nicht das zu fotografieren, was ich gestern gemacht habe", ist Einengung eine Qual. Die künstlerischen Abstriche im Business der letzten Jahre haben ihm nicht gefallen, doch von Renner ist kein Jammerer im Gegenteil. Der unterhaltsame und lebenskluge Fotograf zuckt die Schultern und knipst sein Lächeln an: "Ich bin gesund, ganz charmant, kann gut unterhalten und ganz ordentliche Bilder machen. Außerdem kommt jetzt eine Generation, die wieder an Bild-Ideen interessiert ist und auch an Fotografen mit Erfahrung." Hopp, hopp, Ivo ist schon beim nächsten Traum.

In den 90er Jahren bestimmte der Hamburger Fotokünstler mit der markanten weißen Brille und der Fähigkeit schneller zu reden, als es die Polizei erlaubt, mit seinen phantasievollen Bildern die Werbe-Fotografie. Dabei wollte er eigentlich Schauspieler werden. Weil seine Eltern wenig begeistert von diesem Beruf waren, studierte er schließlich Grafik-Design und begann während des Studiums zu fotografieren. Ein Job über ein Weingut brachte ihm während seines Studiums seinen ersten professionellen Fotoauftrag für das "Zeit-Magazin" ein.

Mit dem Pernod-Motiv gelang Ivo von Renner der Durchbruch (c) Ivo von Renner
Mit dem Pernod-Motiv gelang Ivo von Renner der Durchbruch (c) Ivo von Renner
Anschließend besuchte er mit einem Dia-Karussell bewaffnet in vier Wochen 64 Agenturen. Von Renner, der schon damals wegen seines extravaganten Kleidungsstils und seines unorthodoxen Charakters als Paradiesvogel unter den Fotografen galt, musste nicht lange auf Aufträge warten. Gleich eine seiner ersten Arbeiten schlug ein wie eine Bombe . Für den Getränkerhersteller Pernod inszenierte er ganz einem französischen Lebensgefühl folgend - einen Mann, der sich an einem Betttuch zum Balkon einer Frau schwang. Kaum vorzustellen, dass das Motiv damals für einen Aufschrei unter Feministinnen sorgte. Heute gilt es als Werbeklassiker. Um Aufträge musste sich der Vater von zwei Söhnen (einer davon übrigens Schauspieler, der andere Maler) danach keine Sorgen mehr machen. Viele davon realisierte er in Südfrankreich. Er verbrachte soviel Zeit an der Cote d Azur, dass er sich eigens einen Stempel machen ließ Ivo sur la Cote d Azur und Freunden über viele Jahre handgeschriebene Postkarten mit entsprechendem Stempel schickte. Dieser kuriose Einfall ist typisch für Ivo von Renner. Genauso wie seine Gruppenfotos, die er nach jedem Job macht und die mittlerweile Kultcharakter haben. So wie das Sujet einer Truppe in Mao-Anzügen mit Ivo von Renner mittendrin in selbstironischer Messiah-Pose.

Werbemotiv für Toyota (c)  Ivo von Renner
Werbemotiv für Toyota (c) Ivo von Renner
Seinen internationalen Durchbruch verschaffte ihm ein Anruf eines Art Directors der Volkswagen-Agentur DDB. Der Auftrag lautetet: Fotografiere den VW Golf so wie du deine Frauen fotografierst. Gesagt, getan. Von Renner reiste um die Welt und schoss Motive in Italien, China, den USA und weiteren Märkten. Seine Kundenliste wurde wie seine Award-Liste immer länger. Vor allem im Autobereich arbeitete er für fast alle großen Marken wie Audi, Daimler, Volkswagen und Toyota. Sein Erfolg beruht dabei vor allem auf einem Prinzip: Marken eine Bühne zu geben. Anja Rosendahl, Inhaberin der Designagentur Rosendahl Berlin und früher lange Assistentin des Fotografen, fasst seine Stärken zusammen: "Ivo erzählt immer Geschichten mit seinen Bildern. Der Umgang mit besonderem Licht und Detailgenauigkeit machen seine Bildsprache aus." Seine teils komplexen Bildkompositionen fordern den Betrachter heraus. "Ich möchte jemanden unterhalten, ermahnen oder zum Lachen bringen", formuliert von Renner seinen eigenen Anspruch.

Anzeige für RugStar (c) Ivo von Renner
Anzeige für RugStar (c) Ivo von Renner
Nach dem Höhenflug von zwei Dekaden musste von Renner auch harte Zeiten durchmachen, wie er unumwunden zugibt. "Heute wird mehr Geld für Fotos ausgegeben, aber nicht für den Fotografen, sondern für Photoshop." Die Konkurrenz selbst unter guten Fotografen ist hart geworden. Und spielerische experimentelle Bildauffassungen, wie sie Ivo von Renner liegen, waren eher rar. Umso dankbarer ist er über die Begegnung mit dem Berliner Unternehmer Jürgen Dahlmanns, der handgeknüpfte tibetische Teppiche unter der Marke RugStar vertreibt. Ein gemeinsamer Freund, der Bildhauer Jo Speder, brachte ihn und von Renner zusammen, es war Liebe auf den ersten Blick (von Renner). Seit gut einem Jahr läuft die Kampagne für das Label ausschließlich im "Zeit-Magazin". In einem recht entfesselten Rahmen wie man den Motiven auch ansieht entstehen drei Anzeigen pro Tag. Jedes Detail wird sorgfältig ausgesucht und platziert, um für Kopfkino im Auge des Betrachters zu sorgen. Dabei ist der Unternehmer immer selbst im Bild, manchmal auch von Renner. Sogar Berlins Strick-Queen Claudia Skoda war schon Teil der Inszenierung und andere Freunde des Hauses. Die Kampagne stößt auf viel Resonanz, Leserbriefe werden geschrieben und Nachrichten an Dahlmanns mit Interpretationsversuchen, was wohl wirklich auf den Bildern abgeht. Von Renner hat wieder seine Bühne gefunden und die Bühne ihn. "Wenn Leute auf mich hören, kommt meist was Gutes dabei heraus. Dann schaffe ich es, Menschen zu berühren", so seine Quintessenz.

Die Anfragen für den Fotografen nehmen in letzter Zeit wieder deutlich zu, seit kurzem vertritt ihn die Agentin Eva Petschull. So kann sich Ivo von Renner ganz auf seine Fotografie konzentrieren. Manchmal beschleicht ihn das Gefühl, die Zeit laufe ihm davon. "Ich hätte gerne, dass Dinge schneller passieren, zum Beispiel mit meinen Filmplänen. Aber ich habe gelernt, dass es kommt, wie es kommt." Das Wichtigste ist für ihn, sich in seinem Werk nicht zu wiederholen. Und Auftraggeber, die ihm eine große Freiheit geben. So dass Ivo von Renner weiter Geschichten erzählen kann, die Kunden zum Träumen bringen.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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