Ach Mensch Henrik Stefani - Der frankophile Schlagerkönig

Donnerstag, 28. November 2013
Henrik Stefani alias Pierre Ferdinand (Foto: Det Kempke)
Henrik Stefani alias Pierre Ferdinand (Foto: Det Kempke)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Henrik Stefani, Creative Director bei Zum Goldenen Hirschen in Hamburg und nebenbei Musiker in einer etwas anderen Band. Als Frau kann man nichts dagegen tun. Ein Mann mit einem französischen Akzent macht uns einfach wuschig. Und wenn er dann noch mit so einer sonoren Stimme wie Pierre Ferdinand französisch angehauchte Schlager singt, ist man oh la la. Dass der Mann in Wirklichkeit in Wellingsbüttel groß geworden ist und auf den schönen Namen Henrik hört, wird angesichts der gut gelaunten Pop-Perlen wie "Ich habe Alain Delon gesehen" und "Ganz Paris ist eine Disco" zur Nebensache. Denn sobald nur ein Mikro in seine Nähe kommt, mutiert Henrik Stefani, der im normalen Leben als CD Text bei der Hamburger Agentur Zum Goldenen Hirschen Kunden wie Ferrero, Bank of Scotland und Neugeschäft betreut, zum Frauenverführer. Dabei entstammte die Idee, französische Schlagermusik zu spielen, einem weinseligen Abend unter Freunden vor fast 14 Jahren. "Wir hatten damals mit unterschiedlichen Stilen experimentiert, haben dann überlegt, was wir so richtig Scheiße finden und sind auf französische Musik gekommen", erzählt der 40-jährige Kreative lachend. Stefani setzte sich hin, schrieb über Nacht ein paar Songs und am nächsten Tag hatte die Band bereits den Namen im Kopf. Et voilà: Pierre Ferdinand et les Charmeurs waren geboren.

Der Durchbruch kam 2010, als sie einen Plattenvertrag von Warner Brothers bekamen und in Folge dessen beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab teilnahmen. Mit gefakter französischer Identität traten sie 2011 für das Saarland an, was dazu führte, dass die Bild-Zeitung einen mittelschweren Skandal witterte. Die Saarländer sind eben nicht die größten Fans ihrer Nachbarn und die Band tat nichts, um die wahre Identität preiszugeben. Im Gegenteil: Mit dem markigen Spruch "Wohnhaft in Deutschland, Saarländer im Herzen und Franzosen in der Hose" spielten sie gekonnt ironisch mit ihren erfundenen Biographien. Bis heute glauben noch viele Fans, echte Frenchies vor sich zu haben, wenn sie auftreten. Bei 18 Teilnehmern, darunter solche Pop-Größen wie Frida Gold, Juli und Tim Bendzko, landeten die Charmeure schließlich auf dem respektablen 11. Platz. Auftritte bei Stefan Raab und Florian Silbereisen und begeisterte Fans vor allem in Hamburg und Düsseldorf vermittelten Stefani und seinen Copains einen kleinen Geschmack von der großen, weiten Musik-Welt. Auch wenn Henrik Stefani als Kind in sein Poesie-Album schrieb, dass er später Rockmusiker werden wollte, von der Musik leben, möchte er nicht: "Wenn man hauptberuflich Musik macht, muss man Kompromisse machen. So kann ich tun und lassen, was ich will. Mal abgesehen davon, verdient man auch nicht genug Geld, wenn man nicht unter den Top-10 in den Charts landet." Immerhin wurde aber schon ein Song der Gruppe vom belgischen Schlagersänger Christoff gecovert und Stefani schrieb bereits einen Song für den populären Hamburger Sänger Roger Cicero.

Werbung geht nicht ohne Musik und umgekehrt

Die Band von Henrik Stefani (Foto: Det Kempke)
Die Band von Henrik Stefani (Foto: Det Kempke)
Bereits seit den Neunzigern macht der charmant-aufgeräumte Kreative Musik, er kann gut Klavier und Gitarre spielen und brachte 1996 seine erste Single heraus. Dennoch spielt die Werbebranche, in die er 1997 eher per Zufall geriet, für ihn keineswegs die zweite Geige. Er empfindet für seinen Job glaubhaft Begeisterung, "sonst könnte ich das gar nicht so lange machen. Außerdem wäre es ohne Werbung undenkbar, dass ich so Musik mache, wie ich es tue." Henrik Stefani entwirft nämlich nicht nur Kampagnen, sondern schreibt auch Jingles und produziert mit einer eigenen Firma Werbemusik. Dass er dieses Spielfeld so entfesselt bedienen kann, liegt auch an der Großzügigkeit seines Arbeitgebers. Andere Agenturchefs würden möglicherweise maulen, wenn Stefani Dienstag abends seine Sachen packt und Richtung Billstedt fährt, um mit der Band zu proben. Oder am Wochenende eben für Commercials komponiert, auch wenn diese teilweise für die Kunden der Hirschen-Gruppe sind. Doch Marcel Loko, der den Texter 2007 einstellte, formuliert es so: "Henrik ist - um mit Pierre Ferdinand zu sprechen - ein Hirsch par excellence. Auf der einen Seite hochkreativ, dabei hochprofessionell z.B. immer pünktlich. Dazu freundlich, eloquent, witzig, ein Typ, mit dem man ohne Zögern eine Woche auf dem Segelboot verbringen würde. Auf der anderen Seite hat er durch seine Parallelkarriere auch die notwendige Distanz zur Werbe- und Werberwelt. Sie bringt nicht nur Inspiration, sondern erlaubt auch nachhaltigere, authentischere, konsumentennähere Kommunikation. Kurz: Henrik ist, wie man in Frankreich sagt: un mec super!" Das empfinden auch viele Kunden so, wenn ein Mann am Tisch sitzt, der mit Worten auch auf musikalischer Ebene virtuos umgehen kann. Nur seine Frau, die er in der Agentur kennenlernte, leidet ab und zu unter der Abwesenheit ihres musikbesessenen Ehemann.

Die Musik und die Auftritte in den glamourösen Anzügen des Hamburger Mode-Labels Herr von Eden haben noch einen weiteren Effekt. War Henrik Stefani früher schüchtern und wurde schnell rot, haben ihm die Auftritte hinter der Maske von Pierre Ferdinand viel Selbstsicherheit gegeben. Und er hat sich darüber hinaus ein ganzes Stück Savoir-vivre von den Franzosen abgeschaut. Gute Weine und tolles Essen sind ihm mittlerweile wichtig und er kann inzwischen richtig genießen. Paris kennt er mittlerweile fast besser als Hamburg, wenn auch überwiegend durch Reiseführer, die er zu Rate zog, um seinen Texten authentische Färbungen aus der Stadt der Liebe zu verleihen. Zwar ist er nach wie vor nicht der größte Fan von echten französischen Chansons, aber immerhin lässt er sich dazu hinreißen zuzugeben, dass er Charles Aznavour mag und bei Charles Trenets Lied "La Mer" so emotional wird, dass er weinen könnte. Im nächsten Jahr gibt es endlich wieder eine neue Platte, die "Trip de France" heißen und deutlich rockiger werden soll als der Vorgänger "Moulin Groove". Die Themen Reisen, Dekadenz und Rausch werden dabei im Mittelpunkt stehen, aber "ein paar Kitsch-Kroketten sind auch dabei" zwinkert Henrik, pardon, Pierre. Diese Versicherung dürfte vor allem die weiblichen Groupies ungeheuer beruhigen. So können sie bis zum Erscheinungstag noch ein bisschen von "Französisch küssen" träumen. Magnifique!



Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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