Ach Mensch Gabi Junklewitz - Die Seelen-Trösterin

Mittwoch, 16. April 2014
Gabi Junklewitz (Foto: privat)
Gabi Junklewitz (Foto: privat)

"Ach Mensch" heißt die Kolumne von HORIZONT.NET, in der die ehemalige HORIZONT-Kollegin Ingeborg Trampe bekannte und unbekannte Persönlichkeiten der Werbeszene jenseits von aktuellen Etat- und Personalmeldungen porträtiert. Diesmal: Gabi Junklewitz, ehemalige Unitleiterin bei Springer & Jacoby und heutiger "Achtsamkeits-Coach". Der Tag beginnt mit einem Bild wie auf einer kitschigen Postkarte. Knallblauer Himmel über dem Starnberger See, gemütliche Bayern in bester Laune im urigen Gasthof "Die Post" in Berg und mittendrin eine Frau, die so aus dem Inneren strahlt, als wäre ihr gerade das Glück leibhaftig begegnet. Gabi Junklewitz ist das beste Beispiel dafür, was einem das Leben schenkt, wenn man bereit ist, bekannte Pfade zu verlassen. Das Resultat sind Gelassenheit, innere Ruhe und eine Wow-Aura. Ein Burn-Out vor 13 Jahren führte dazu, dass sich die ehemalige Unitleiterin von Springer & Jacoby eine neue innere Bestimmung erarbeiten musste. Heute ist die drahtige 53-Jährige mit sich im Reinen und hat es sich als Achtsamkeits-Coach zur Aufgabe gemacht, anderen Menschen dabei zu helfen, schädliche Muster zu durchbrechen und einen neuen Zugang zu sich selbst zu finden. Inneres Strahlen inklusive.

Ihr langer Marsch zu sich selbst begann an ihrem 40zigsten Geburtstag. "Da habe ich mir selbst ein neues Leben geschenkt", sagt Junklewitz ohne Pathos. Das versprach sie sich selbst in einem Brief, ohne eine Ahnung zu haben, wie dieses neue Leben aussehen könnte. Ihr Hang zum gnadenlosen Perfektionismus hatte die ausgebildete Kommunikationsdesignerin an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Vorangegangen waren viele erfolgreiche Jahre als Werberin. Bei Hamburgs Vorzeigeagentur der 90er-Jahre Springer & Jacoby hatte sie es bis zur Unitleiterin und Mitglied der Geschäftsführung geschafft. Jean-Remy von Matt lockte sie 1985 aus Bayern nach Hamburg. In ihm fand sie ihren genialen Mentor und Seelenverwandten. "Ich verdanke ihm alles, was ich in der Werbung erreicht habe. Jean-Remy konnte mich auch um Mitternacht anrufen und Headlines diskutieren", erinnert sich die Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern. Sie liebte ihren Job leidenschaftlich, auch wenn sie viele Jahre später die "Schattenseiten" spürte. Bis 1995 betreute sie bei S&J Kunden wie Sixt, Tui, Mercedes-Benz, Telekom und Quelle und erarbeitete sich einen Ruf als Spitzen-Kreative mit vielen Awards. "Mich hat sehr beeindruckt, dass sie Kanutin war und an Wettkämpfen teilnahm. Kreative, die sich in einer kompetitiven Sportart durchsetzen können, schätze ich besonders, weil unser Berufsalltag voller sportlicher Herausforderungen ist", erzählt Jean-Remy von Matt, Mitgründer von Jung von Matt, Deutschlands derzeitiger Taktgeber-Agentur.

Nebel vor der Roseninsel im Starnberger See (Foto: privat)
Nebel vor der Roseninsel im Starnberger See (Foto: privat)
Als das erste Kind kam, arbeitete Gabi Junklewitz als freie Kreativ-Direktorin weiter, auch als sie mit ihrem Mann - einem gebürtigen Bayern - an den Starnberger See zog. Doch ihr strammes Programm aus Freelancer-Dasein, Kindererziehung und viel Sport zehrte an ihr. Irgendwann fehlte ihr die Kraft und Freude. "Ich hatte mich in eine Erschöpfung reinmanovriert", gibt sie offen zu. Also entschloss sie sich mit 40 zur Zäsur. Wenige Monate nach ihrem runden Geburtstag begegnete sie "durch eine glückliche Fügung" ihrem Yoga- und Meditationslehrer. Sie hatte ihr Ding gefunden und begann mit ihm eine langjährige Ausbildung in Yoga und Meditation, die zugleich eine Art Therapie für sie wurde. Die folgenden Jahre kamen Fortbildungen in Energiearbeit, Mental- und Entspannungstraining und vielen weiteren körpertherapeutischen Methoden hinzu. Dreh- und Angelpunkt wurde jedoch ihre Ausbildung und Arbeit als Achtsamkeits-Coach. Als sie damit anfing, hatten achtsamkeitsbasierte Methoden noch den Ruch von Esoterik und Hausfrauen-Entspannung. Das hat sich gründlich geändert. Gerade MBSR (Mindfulness-based Stress-Reduction) erlebt in den letzten Monaten eine enorme Aufmerksamkeit in den Medien.

Mit Achtsamkeitstraining zur inneren Gelassenheit

MBSR wurde in den 70er-Jahren von einem Biologen entwickelt und ist wissenschaftlich umfassend erforscht. Die Methode gilt als anerkannte Form moderner Stressreduktion, ist weltanschaulich neutral und spricht auch Menschen an, die sonst keinen Zugang zu östlichen Weisheitslehren wie Yoga und Meditation haben. Kein Wunder, dass diese Form des Achtsamkeitstrainings gerade einen "Aufbruch erlebt" (Junklewitz). In nur acht Wochen bekommt jeder Teilnehmer ein Rüstzeug mit auf den Weg, um Achtsamkeit und Bewusstheit im täglichen Leben systematisch zu trainieren und mit "größerer Klarheit und Gelassenheit auf die eigene Situation zu schauen", wie Gabi Junklewitz erklärt. Dabei geht es nicht darum, "Stress wegzukriegen, sondern genauer hinzuschauen, was der eigene Anteil daran ist, so dass sich Ursachen lösen können". Dass dabei soviel Wert auf Körperwahrnehmung gelegt wird, hat einen guten Grund: "Jeder stressvolle Gedanke hat eine unmittelbare Wirkung auf den Körper. Umgekehrt kann sich in einem chronisch angespannten Körper der Geist nicht wirklich entspannen. Der Körper ist ein 1:1 Spiegel der Seele.".

Achtsamkeit zu lernen, ist echte Arbeit in Geduld. Beim Übungsabend lerne ich etwa, den Körper durch blindes Rückwärtsgehen neu zu erfahren und Konsistenz und Geschmack einer Rosine über 20 Minuten zu erforschen. Aha-Erlebnisse und eine schon lange nicht mehr gespürte innere Ruhe kommen dabei ganz von alleine, schon weil man sich mal ausschließlich auf eine Sache konzentriert. Auch lernt man Auswege aus eigenen üblichen Reaktionsmustern zu entwickeln und einfach mal loslassen zu dürfen. "Menschen zum Innehalten zu inspirieren und dass sie einfach mal so sein dürfen, wie sie sind", definiert Gabi Junklewitz als Hauptanliegen bei ihrer Arbeit. Und welche Branche käme dafür besser in Frage als ihre alte. Eine Branche also, in der besonders viele Menschen mit hohem Tempo und Druck durchs Leben gehen. Für Werber und andere Menschen mit wenig Zeit hat Gabi Junklewitz ganz pragmatisch Übungen entwickelt, die man in auch fünf Minuten machen kann und unterwegs per Handy abzurufen sind.

Achtsamkeit ist auf dem Vormarsch. In diesen Tagen klopfen mehr und mehr Unternehmen und sogar Behörden bei Gabi Junklewitz an, die auch als Dozentin für angehende MBSR-Trainer arbeitet. "Unternehmen merken langsam, wie wichtig es ist, dass Angestellte motiviert und in der Kraft bleiben." Bei Privatleuten sind oft Burn-out und Stresssituationen im Job oder in der Beziehung Auslöser, sich mit Achtsamkeitstraining zu beschäftigen. Obwohl Junklewitz seit 2003 Yoga und Achtsamkeit unterrichtet seit einigen Jahren auch in eigenen Praxisräumen am Starnberger See lernt sie bei jedem Kurs und mit jedem Klienten etwas dazu. Darüber hinaus freut sie sich, wenn sich in der gemeinsamen Arbeit "bei jemanden etwas entfaltet. Ich gräme mich aber auch nicht, wenn das Training nicht jeden ansteckt", konstatiert sie ruhig und freundlich. Sich unabhängig von äußeren Reaktionen zu machen, ist auch ein Learning aus Achtsamkeitstraining.

Für ihr neues Berufsfeld sieht sie noch viele Einsatzmöglichkeiten, etwa bei Themen, die in der zweiten Lebenshälfte auftauchen sowie bei der Auseinandersetzung um würdevolles Altern und den Tod. So begleitet sie auch Angehörige und Sterbende in einem Hospiz am Starnberger See. Kraft tankt sie in der Natur am See. Außerdem fährt sie immer noch gerne Kanu. Ihre eigenen Lebenskrisen bereut sie nicht im Gegenteil: "Ich bin für alle dankbar und frage mich immer: Wohin will mich die Krise führen?" Inneres Wachstum, so ihre Erfahrung, könne oft erst beginnen, wenn man bestimmte Dinge im Leben erreicht hat und dann "plötzlich andere Werte in den Fokus treten". Gabi Junklewitz hat sich und ihre Werte ohne Zweifel gefunden. Auch wenn dafür schmerzliche Erfahrungen nötig waren. Ihre Erfahrungen zu teilen und in positiv aufgeladene Antistress-Übungen umzumünzen, ist heute ihre große Gabe. Dafür gibt es kein Patentrezept und auch nicht den einen richtigen Weg. Doch das Achtsamkeitstraining hilft dabei, den ganz eigenen Weg zu finden, um zur inneren Balance zu gelangen. Wem das gelingt, ist das innere Strahlen gewiss. Und ein fast immer knallblauer Himmel am Horizont.

Die Autorin

Ingeborg Trampe ist noch immer Journalistin im Herzen, auch wenn sie nach Stationen bei HORIZONT, Y&R, Neue Sentimental Film und BBDO heute überwiegend als PR-Beraterin für mittelständische Unternehmen in Hamburg arbeitet. Zum Leidwesen mancher Mitmenschen mag sie französische Dialogfilme, singt Jazz und Chansons und schwimmt viel und intensiv, um den Kopf freizukriegen. Ihr Lieblingslogo ist das vom Kaffee Wacker in Frankfurt, wo es den besten Espresso in Deutschland gibt.
www.trampe-communication.de

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