ADC-Präsident platzt der Kragen Warum hat Deutschland ins Olympiastadion gekotzt?

Montag, 10. Februar 2014
So präsentierte sich das deutsche Olympia-Team in Sotschi (c) ZDF
So präsentierte sich das deutsche Olympia-Team in Sotschi (c) ZDF

Bei der feierlichen Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi schaute am Freitag die ganze Welt zu. Als das deutsche Team, angeführt von Maria Höfl-Riesch, in das Stadion einlief, dürften sich viele Zuschauer verwundert die Augen gerieben haben. Dazu gehörte auch Stephan Vogel, Kreativchef von Ogilvy & Mather Germany und Präsidiumssprecher des ADC. An dem von Willy Bogner designten Dress der Olympioniken lässt er in seinem Gastbeitrag für HORIZONT.NET kein gutes Haar. Der Einlauf der deutschen Athleten in Sotschi: "Es sieht aus, als hätte jemand einen Wodka-Mix getrunken und ins Stadion gekotzt. Dafür gibt es keine Entschuldigung", schreibt der seriöse britische Guardian. Und er hat Recht, dafür gibt es keine Entschuldigung.

Stephan Vogel (c) Ogilvy
Stephan Vogel (c) Ogilvy
Unser Land ist eine ästhetische Katastrophe. An vielen Orten. Und in vieler Hinsicht. Es fehlt an Stilsicherheit in wichtigen Gremien. Schon bei der WM 2006 hat sich gezeigt, dass Deutschland nicht dazu in der Lage ist, ein vernünftiges Logo zu verabschieden. Die Smileys sahen aus, als hätte eine Grafikbude, die sonst Promopackungen für Kinder-Cerealien gestaltet, den Zuschlag bekommen.

Und jetzt Sotschi: Der DOSB lässt unsere Olympiamannschaft in einem Dress einlaufen, für den es nur eine adäquadte Vokabel gibt: Provinz-Chic. In jeder deutschen Kleinstadt gibt es eine teure Boutique, die La Moda oder bescheiden Veras Lädchen heißt. Dort kaufen Zahnarzt-, Fabrikanten-, und Fuhrunternehmer-Gattinen dann die peppigen Sachen, mit denen sie die nächste Grillparty optisch dominieren. Und an diesem Publikum orientieren sich offensichtlich auch einstige Edelmarken wie Bogner, der für unseren Sotschi Auftritt verantwortlich ist.

Vielleicht hat ein über 70jähriger wie Willy Bogner nicht mehr die Stilsicherheit in der Gestaltung. Aber dann muss es wenigstens in einem Gremium wie dem DOSB einen geben, der aufsteht und sagt: so nicht!

Die Piktogramme von Otl Aicher
Die Piktogramme von Otl Aicher
Willy Bogner versteht seinen Entwurf ausgerechnet als eine Hommage an die olympischen Sommerspiele 1972 in München. Und genau das bringt mich als ADC-Präsidenten in Rage. Die großartige Gestaltung der Münchener Spiele kam von einem der großartigsten Gestalter, den Deutschland je hatte: Otl Aicher. Er hat aus einem schnöden Leitsystem ein Piktogramm-Vokabular gemacht, das zur Design-Ikone wurde. Aber wo sich seine Größe noch mehr zeigt: er hat die Schnapsidee des damaligen NOC Präsidenten und Dackelbesitzers Willi Daume, einen Dackel zum Maskottchen zu machen, in etwas verwandelt, das sich sehen lassen konnte. Denn selbst dieser kunterbunte Dackel hat eine Klarheit und eine zwingende ästhetische Form, von dem wir in Sotschi meilenweit entfernt sind.

Das Dackel-Maskottchen von Otl Aicher
Das Dackel-Maskottchen von Otl Aicher
Otl Aicher war also dazu in der Lage, selbst den Impuls des Kleingeistigen und Provinziellen in ein akzeptables ästhetisches Format zu bringen. So etwas können nur richtig gute Gestalter. Zum Glück haben wir einige gute Gestalter in Deutschland. Sie finden sie schwer in den gelben Seiten. Aber ganz leicht im Mitgliederverzeichnis des Art Directors Club Deutschland. Denn in den kommt man nur, wenn man über viele Jahre höchste Design-Qualität abgeliefert hat. Der ADC steht bereit, wenn es darum geht, Deutschland wieder auf internationales Niveau zu bringen. Nutzen Sie die Chance..

Der Autor Stephan Vogel ist Chief Creative Officer von Ogilvy & Mather Germany und Präsidiumssprecher des ADC.

-
-
Meist gelesen
stats