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Leah Blessin, Accenture
Accenture

99 Frauen "Frauen auf dem Karriereweg zu verlieren, kann sich kein Unternehmen leisten"

Leah Blessin, Accenture
von Eva-Maria Schmidt, Donnerstag, 14. Dezember 2017

Bei den GWA-Agenturen ist die Hälfte der Mitarbeiter weiblich – nur 2 Prozent schaffen es ins General Management – vor einigen Jahren waren es 5 Prozent. Ihr Kommentar?

Am Ende ist es eine Frage der gezielten und individuellen Förderung im Unternehmen. Bei Accenture arbeiten derzeit 150.000 Frauen, das sind knapp 40 Prozent der Belegschaft weltweit. Wir haben uns klare und messbare Ziele gesetzt, um die Frauenquote zu steigern. Das Ziel bis 2017 bei den Neueinstellungen einen Frauenanteil von 40 Prozent zu erreichen, haben wir bereits ein Jahr früher erfüllt. Durch gezielte Förderung liegt der Anteil von Frauen, die 2016 zum Managing Director befördert wurden, inzwischen bei 30 Prozent.

Ist Managern/Firmenchefs bewusst, dass es ein Problem mit dem Thema Gleichberechtigung/Gleichstellung in der Branche gibt?

Ich denke, in Anbetracht des vieldiskutierten Fachkräftemangels haben branchenübergreifend mittlerweile alle verstanden. Als Unternehmen kann man es sich schon aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten gar nicht leisten, Frauen auf deren Karriere- und Lebensweg als Mitarbeiterinnen zu verlieren. Es fehlt aber an vielen Stellen noch an Entschlossenheit und Konsequenz in der Umsetzung.

Wie haben sich die Chancen von Frauen, Karriere zu machen, in den vergangenen Jahren entwickelt?

Aus unserer Sicht kann die fortschreitende Digitalisierung ein Karriere-Boost sein und eine Chance für mehr Diversity – die Veränderung und Flexibilisierung der Arbeit ist besonders für Frauen attraktiv. Derzeit geht es für Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, vor allem darum, kreative Menschen für die neuen Aufgaben und Berufe zu finden und zu begeistern. Dabei richten sich die Blicke oft auf Frauen. Digitale Kompetenzen sowie neue berufliche Möglichkeiten, die durch die digitale Transformation entstehen, helfen besonders Frauen, ihre Karriereaussichten zu verbessern und die nötigen Voraussetzungen für den beruflichen Aufstieg zu schaffen. Wir beobachten, dass sich Frauen zunehmend für IT-Berufe interessieren, weil sie die neuen Qualifikationsfelder häufig als attraktiver empfinden. So wird beispielsweise das Berufsfeld des Digital Artist oft von Frauen gewählt. Zu ihren Aufgaben gehört es, Benutzeroberflächen und damit Mensch-Maschine-Schnittstellen zu gestalten.

Was tut Ihr Unternehmen, um Gleichstellung zu fördern?

Gender Diversity ist bei uns Teil der gelebten Unternehmenskultur und kein Buzzword. Diversität, so sind wir bei Accenture der festen Überzeugung, ist nicht nur gut für das Unternehmen, sondern ist auch der richtige Weg und Schlüssel zum Erfolg. Gleichstellung ist keine Frage, sondern die Antwort: Accenture hat sich verpflichtet, 2017 weltweit und in Deutschland den Frauenanteil bei den Neueinstellungen auf mindestens 40 Prozent zu erhöhen. Wir gehen als Unternehmen sogar noch weiter und haben das globale Ziel ausgegeben, bis 2025 eine ausgewogene Verteilung der Geschlechter von 50 zu 50 im Unternehmen erreichen zu wollen. Bei Accenture glaubt man fest daran, dass die Gleichstellung der Geschlechter entscheidend für ein leistungsstarkes Unternehmen ist. Deshalb begleitet Accenture Frauen und Männer gleichermaßen auf ihrem Karriereweg. Vom ersten Tag an werden u.a. über individuelle Trainingspläne und Förderung die Talente gestärkt.

Tatsächlich unternehmen wir viel, um Frauen für Accenture zu begeistern, dort auch lange zu halten und gezielt zu fördern. Dazu gehört u.a. ein globales Leadership-Programm zur Förderung der weiblichen Führungskräfte im Unternehmen. Seit dem Start des Programms vor sechs Jahren wurden rund 80 Prozent der Teilnehmerinnen befördert oder haben ihren Verantwortungsbereich signifikant erweitert. Unsere Employer Branding Kampagne „Be yourself. Make a difference.“ nimmt Frauen ganz besonders in den Fokus. Die Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt und erzählen von sich, ihrer Lebensplanung und ihrer Arbeit bei Accenture. Damit sind sie Rollenvorbilder und machen die „Blackbox IT-Beratung“ fassbar. Sie zeigen, wie vielfältig die Einsatzfelder in der IT-Beratung sind und welche Möglichkeiten sich bieten – auch mit einem Studium abseits der IT.

Welche Wirkung wird die aktuelle #MeToo-Diskussion haben?

Eine direkte Wirkung auf den Anteil von Frauen im Top-Management wird die aktuelle #MeToo-Diskussion wohl eher nicht haben. Allerdings wirft die Diskussion sehr prominent ein Schlaglicht auf ein wichtiges und offensichtlich allgegenwärtiges Thema in der Arbeitswelt. Es zeigt leider, dass weiterhin ein überkommenes Rollenbild vorherrschend ist und an vielen Stellen ein Machtmissbrauch nicht von der Hand zu weisen ist.

Braucht die Agenturbranche eine Quote?

Ob in der Agenturbranche oder in Unternehmen, ist es aus meiner Sicht weniger eine Quote, die hier helfen würde. Es braucht einen grundsätzlichen Kulturwandel, der über alle Hierarchien hinweg vorgelebt wird. Und es braucht eine Gleichstellung bei den Gehältern. Die Lohngleichheit ist ein wirtschaftliches und wettbewerbliches Muss und betrifft jeden. Wir müssen alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um die beruflichen Chancen für Frauen zu verbessern und die Lücke schnellstmöglich zu schließen. Mittlerweile werden die Stimmen von Unternehmen lauter, die Diversity leben und hier vorbildlich unterwegs sind. Man kann nur hoffen, dass sie den nötigen Druck auf die anderen Player im Markt erhöhen, etwas zu ändern. Vor allem brauchen wir Rollenvorbilder, die junge Frauen motivieren auch einen vermeintlich unüblichen Berufsweg einzuschlagen. Interview: ems

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