"111 Gründe, seinen Chef zu hassen" Ex-Agenturmann Ralph Stieber: "Ich war irgendwann einfach durch"

Freitag, 15. April 2016
Ralph Stieber hat viel Erfahrung mit schlechten Chefs gemacht
Ralph Stieber hat viel Erfahrung mit schlechten Chefs gemacht
Foto: Stieber

Ob als Kellner, Pizza-Lieferant oder Promoter: Ralph Stieber hat bei seinen Jobs schon einige schlimme Chefs kennengelernt. Auch während seiner Zeit in der Agenturbranche, etwa bei Scholz & Friends, Heimat und BBDO. Irgendwann wurde es ihm zu viel - Burn-Out. Anfang April veröffentlichte der 37-Jährige sein Buch "111 Gründe, seinen Chef zu hassen", in dem viele seiner ehemaligen Agenturchefs ihr Fett wegbekommen. Im Interview mit HORIZONT Online spricht Stieber über wutentbrannte Machthaber und "Awards, die sich die Branche in den Arsch schiebt".

Herr Stieber, sind Agenturchefs wirklich so schlimm wie Sie in Ihrem Buch schildern? Jein. Ich habe natürlich auch viele coole Chefs kennengelernt. Mit den meisten habe ich aber tatsächlich schlechte Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel mit dem Choleriker, den ich im Buch beschreibe. Er hat alle Mitarbeiter immer angeschrien. Das sind noch Chefs, und ab und an auch Creative Directors, die noch gerne den alten Style ausleben, das sind Führungskräfte der alten Schule.

Aber es scheint sie ja noch häufig zu geben, diese Chefs alter Schule. Auf jeden Fall. Es gab aber eine Zeit, da war alles noch viel krasser. Heute gibt es viele junge Angestellte, die so etwas gar nicht mehr mitmachen würden. Und das wissen natürlich auch die Agenturchefs.

Was hat Sie eigentlich dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben? Ich habe am Anfang meiner Berufslaufbahn immer gern geschrieben, ob Shortstorys, Artikel oder sonstiges. Während meiner knapp sieben Jahre in der Werbebranche bin ich aber nie wirklich zum Schreiben gekommen. Jede Menge Pitches, Wochenendschichten, Überstunden – natürlich unbezahlt – man stopft sich ungesundes Essen rein und schläft schlecht. Ich hatte schließlich keine Energie mehr, keine Kraft, keine Lust. Irgendwann habe ich gekündigt, im Freundes- und Kollegenkreis Chef-Geschichten gesammelt und dann dieses Buch geschrieben.

Sie sind aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen? Genau. Ich war irgendwann einfach durch. Einmal saß ich in einem Pitch vor meinem Laptop, wusste genau was ich zu tun habe, konnte aber plötzlich keinen Finger mehr rühren. Ich hatte einen Total-Blackout. Ich saß vor dem Rechner und es ging nichts mehr.

Und dann kam der Burn-Out. Es war Sommer und ich war nur noch schlecht gelaunt. Irgendwann sieht man keinen Sinn mehr darin. Man fragt sich: "Was machst du hier? Das ist alles Schwachsinn eigentlich." So kommt letztlich die Sinnfrage auf.

Ralph Stieber

Er hatte schon einige Jobs in seinem Leben: Barkeeper, Kellner, Pizza-Lieferant. Videothekar, Promoter, Schauspieler und Werbetexter. Um nur einige zu nennen. Während seiner Zeit in der Agenturbranche machte der gebürtige Aschaffenburger unter anderem als Copywriter bei Razorfish, Scholz & Friends, Heimat oder BBDO Station. Heute ist der 37-Jährige sein eigener Chef und arbeitet freiberuflich als freier Autor, Drehbuchautor und Texter.
Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen? Es gibt da ein Erlebnis aus meiner Anfangszeit in der Agenturbranche. Ich war jung, motiviert, leidenschaftlich dabei. Ich hatte einfach Bock drauf, gute Werbung zu machen. Dann kam eine Wochenendschicht kurz vor einem großen Pitch. Ich hatte bis weit nach Mitternacht gearbeitet. Als wir am Montag das Konzept dem Chef präsentierten, hat er es nur überflogen, ist ausgerastet, hat alles umgetreten und vor Wut seinen Laptop zertrümmert. Er hat einen einstündigen Monolog gehalten – schreiend. Seine Forderung: Innerhalb der nächsten Stunde drei neue Konzepte erarbeiten. Ich dachte mir: Ohje, wenn das die Werbebranche ist, dann ist das ziemlich heftig.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch von "unzurechnungsfähiger Award-Action" und dass Sie einige Awards gewonnen haben, weil "man sich die in der Branche in den Arsch schiebt, für Arbeiten, die sowieso nur Werber sehen". Ich denke, dass sich die Branche zu wichtig nimmt. Werbung sollte immer so gut und außergewöhnlich wie möglich gemacht werden, es ist schließlich Werbung und die will erstmal niemand sehen. Das habe ich vor allem an den Reaktionen in meinem Freundeskreis bemerkt. Zu Beginn meiner Karriere hatte ich denen immer verkauft, dass man mit Werbung richtig tolle Sachen machen kann. Davon bin ich auch heute noch überzeugt. Meine Freunde entgegneten, dass es letztendlich nur Werbung ist, die niemand sehen will und niemanden interessiert.Wenn ich meine Freunde mit den Arbeiten überzeugen kann, dann weiß ich, ich bin auf dem richtigen Weg - alles andere ist Mist. Es wird immer von innovativen Ideen gesprochen, aber das Ergebnis ist dann meistens ein schlechter Witz - eine gute Idee, ein starkes Konzept, das auf dem Weg von der Geschäftsführung, vom Creative Director oder spätestens vom Kunden kastriert wurde.

Welcher der „111 Gründe, seinen Chef zu hassen“ ist für Sie der wichtigste? Ich glaube nicht, dass es DEN einen Grund gibt. Es gibt eher ein Grundproblem, das hinter vielen meiner aufgelisteten Gründe steckt: Viele Chefs, egal in welcher Branche, sind sich meistens nicht bewusst, dass sie auf ihre Angestellten angewiesen sind. Leider sind die Angestellten in der Regel aber extrem zurückhaltend. Das ist auf der einen Seite verständlich, weil sie den Job nicht verlieren wollen, weil sie ein Lob vom Chef haben wollen, weil sie den Urlaub genehmigt bekommen wollen, den sie beantragt haben. Auf der anderen Seite verkaufen sich Angestellte mit dieser Zurückhaltung gegenüber dem Chef unter Wert.

Welchen Ausweg gibt es, wenn man seinen Chef hasst? Es kommt natürlich auf die Situation an. Aber es bringt nichts, wenn man jahrelang einen Scheißjob ausübt. Lieber einen Scheissjob und todunglücklich damit sein, als gar keinen Job zu haben. Deshalb ist es meistens besser, alles auf eine Karte zu setzen und zu kündigen. Und dann ist man eben mal arbeitslos. Es dreht sich nun mal nicht alles um Arbeit, was zählt ist das Leben und das man Spaß dabei hat.

Stichwort Work-Life-Balance. Genau. Mit diesem Wort haben viele Agenturchefs übrigens ein Problem. Sie erzählen euch Journalisten im Interview, wie wichtig das Thema für sie und ihre Agentur sei, doch wenn der Angestellte in der Realität dann tatsächlich vom Home-Office aus arbeiten möchte, wird er blöd angeguckt. So ist mir das passiert.
Das Buch von Ralph Stieber
Das Buch von Ralph Stieber (Bild: Schwarzkopf & Schwarzkopf)
Würden Sie denn gern mal Chef sein? Eher nicht. Ich denke, dass wir in einigen Jahren ohnehin nicht mehr von einem Chef sprechen, wie wir ihn heute kennen. Das klassische Agenturmodell ist irgendwann auch durch. Ich könnte mir vorstellen, dass zukünftig eine Gruppe von Leuten zusammenarbeitet, ohne Hierarchie. Es gibt ja bereits kleine Agenturen, wo es den klassischen Chef nicht mehr gibt, sondern alle dasselbe Mitspracherecht haben. Wenn man auf diese Art und Weise im Team arbeitet, bekommt man ständig neue Impulse und Motivation, eine Idee wird ständig weitergetrieben, bis sie perfekt ist. Ein Chef, der sich profilieren will, stört dabei nur.

Aber es braucht doch jemanden, der eine Gruppe anführt. Klar, es wird auch in Zukunft einen Leader geben, der das Team anführt. Dieser muss aber verkraften können, dass die anderen Teammitglieder "Nein" sagen, wenn sie anderer Meinung sind. Den autoritären Chef, der sehr viel mehr verdient als der Rest und von den anderen nur zugearbeitet bekommt, wird es bald nicht mehr geben.

Welche Reaktionen auf Ihr Buch haben Sie von ehemaligen Arbeitskollegen und Chefs bekommen? Sie waren überraschenderweise überwiegend positiv. Viele mussten lachen. Von einem ehemaligen Chef habe ich eine böse E-Mail bekommen. Die habe ich erwartet, weil er sich in meinem Buch wiedererkannt hat. Aber das war ja durchaus so gedacht. Vielleicht überdenken sie dann ihr Handeln.

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