ZAW-Stellenstatistik: Agenturen atmen durch

Donnerstag, 03. Februar 2011
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In Agenturen wurde nur noch geächzt und gestöhnt: Die letzte Krise und der mit ihr verbundene personelle Aderlass waren noch nicht verdaut, als die nächste Einstellungen verhinderte. Wer einen Job hatte, musste die Arbeit von mehreren erledigen. Belohnt wurden die Kreativen dafür allenfalls mit warmen Worten – von Gehaltserhöhungen und Prämien konnten sie nur träumen. Das Szenario anno 2009 scheint Geschichte zu sein: Im vergangenen Jahr hat die deutsche Kommunikationsbranche, allen voran die Agenturen, ihr Personal massiv ausgebaut. Insgesamt zählt der Berliner Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) ein Plus von 40 Prozent bei den Stellenangeboten für Werbeexperten. 2009 war die Zahl der Offerten um 37 Prozent zurückgegangen – nach vier Jahren mit ordentlichen Zuwachsraten.

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Von den 4670 vom ZAW untersuchten Jobangeboten für Werbefachkräfte in ausgewählten Zeitungen, Fachzeitschriften und Online-Börsen kamen 2010 drei Viertel von Werbeagenturen. Sie haben 47 Prozent mehr Stellen offeriert als 2009. Besonders stark wurden neben klassischen Werbeberufen wie Art-Direktoren, Textern und Grafikern auch Account-Manager nachgefragt. Für ZAW-Sprecher Volker Nickel ein Indiz für die steigende Komplexität des Werbegeschäfts: Die Account-Manager müssten für die effiziente Zusammenarbeit aller projektbezogenen Prozessstellen sorgen, um die Nahtstelle zwischen Auftraggeber und Agentur möglichst reibungslos zu gestalten.

Nicht ersichtlich ist in der Statistik allerdings, wie viele der Stellenangebote sich an Online-Experten richten. Dabei wird gerade in diesem Arbeitsgebiet auf allen Hierarchiestufen verzweifelt gesucht. „Im digitalen Bereich steigt die Nachfrage kontinuierlich. Es gibt aber noch zu wenig Nachwuchs“, beobachtet Ralf Nöcker, Geschäftsführer des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen (GWA). Wer online etwas drauf hat, ist entweder als Freelancer ausgebucht oder festangestellt. „Der Personalmarkt ist leergefegt, vor allem im Bereich Online. Wie in der Boomphase 2000“, berichtet Alexander Dewhirst, Gründer und CEO von Designerdock-Headquarters in Berlin. Fachkräfte für Internet und Social Media zu finden sei nahezu unmöglich. Besetzungen gebe es fast nur über Verschiebungen, indem ein Arbeitgeber Spezialisten bei einem anderen abwirbt.

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Chancen, doch eine gute Fachkraft zu verpflichten, hat, wer ordentlich zahlt. Dabei sind die Gehälter in Agenturen 2010 keineswegs analog zur wirtschaftlichen Entwicklung gestiegen. Das liegt unter anderem am stetigen Kostendruck, der trotz steigendem Umsatz an den Dienstleistern nagt. Die Auftragsbücher vieler Agenturen sind zwar voll – ihre Auftraggeber jedoch wegen der vergangenen Krise noch vorsichtig und sehr kostenbewusst. Hinzu kommt der finanzielle Aufwand für die zahlreichen Neueinstellungen. Mit ihm sind die Personalkosten vieler Agenturen stark gestiegen. Denn offenbar haben die Dienstleister doch aus früheren Krisen gelernt: So wurden 2009 zwar viele Abgänge nicht ersetzt, aber dennoch relativ wenig Mitarbeiter entlassen.

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Das dürfte die Arbeitnehmer in den Agenturen allerdings wenig interessieren, denn viele haben mehrere Nullrunden hinter sich. Ein Grund, warum viele Kreative freiberuflich arbeiten. „Als Freelancer verdienen sie einfach deutlich besser“, sagt Dewhirst. Und auch bei den Einstiegsgehältern müssen die Dienstleister nachbessern, sie liegen noch immer deutlich unter denen, die Werbungtreibende zahlen. Die Nachfrage nach Werbeexperten ist bei den Unternehmen zwar nur um 7 Prozent gegenüber 2009 gestiegen. Aber unter anderem dank besserer Bezahlung haben sie gute Chancen, für ihre Stellen die Besten zu gewinnen.

Kontakt zum Nachwuchs haben Agenturen dennoch ausreichend: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Praktikantenstellen zwar um 12 Prozent gegenüber 2009 zurückgegangen. Mit 1354 Offerten liegt sie aber dennoch deutlich über den Zahlen früherer Jahre: So suchten Werbeagenturen 2007 nur 737 Praktikanten. 2008 waren es 1135 und 2009 mehr als 1400. Nickel ist davon überzeugt, dass dies nichts mit dem Stopfen von Fachkräfte-Lücken zu tun hat: „Ich habe mich immer kaputtgelacht über die Vorstellung, die Praktikanten sollten die Profis ersetzen“, weist er die Kritik unter anderem von Gewerkschaften zurück. Die Zahl der Praktikantenstellen zeige vielmehr das Bemühen der Agenturen, potenzielle Mitarbeiter an sich zu binden. Wenn das stimmt, sind die Dienstleister schlauer als gedacht: „Die demographische Entwicklung kann auch bei Agenturen einen Fachkräftemangel verursachen“, glaubt GWA-Geschäftsführer Nöcker. ems
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