Wunschkind ist zahlungsunfähig - Carat lässt Klage ruhen

Freitag, 29. Januar 2010
Geschäftsführer Ralf Tippelt hat Wunschkind insolvent gemeldet
Geschäftsführer Ralf Tippelt hat Wunschkind insolvent gemeldet

Nach knapp anderthalb Stunden war alles vorbei: Das Zivilverfahren, über das die Aegis-Tochter Carat 7,5 Millionen Euro von Wunschkind, Rechtsnachfolger der Agentur Zoffel Hoff Partner (ZHP) einfordert, ruht bis auf Weiteres. Hintergrund ist, dass die beklagte Firma einen Insolvenzantrag gestellt hat. Wie erst jetzt bekannt wurde, ging dieser Ende Dezember 2009 beim Amtsgericht Wiesbaden ein. Bereits im November hatte Wunschkind-Chef Ralf Tippelt eine andere Firma der Gruppe insolvent gemeldet. Angesichts dieser Entwicklung ist nicht davon auszugehen, dass das Verfahren noch einmal aufgenommen wird. Für Carat ist schlicht nichts mehr zu holen bei Wunschkind. Rechtsanwalt Johann-Christoph Gaedertz, der Carat in dem Verfahren vertritt, sprach während der Verhandlung davon, dass die Beklagte zuletzt einen Umsatz von 2 Millionen Euro und einen Gewinn von 50.000 Euro erzielte - zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nichts vom Insolventantrag Wunschkinds. Darüber hat ihn Wunschkind-Anwalt Günter Glock (Bruder von Ex-P&G-Mediachef Bernhard Glock) erst während einer Verhandlungspause informiert. Daraufhin stellte Carat den Antrag, das Verfahren ruhen zu lassen.

Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Bernd Dethloff keinen Erfolg mit seinem Versuch, einen Vergleich herbeizuführen. In seinen Ausführungen hatte der Richter zuvor noch einmal den Sachverhalt geschildert. Dabei machte er mehrfach darauf aufmerksam, dass er die zwischen Carat und dem Wunschkind-Vorläufer ZHP abgewickelten Geschäfte für ungewöhnlich hält. Unter anderem erwähnte er die Rückvergütungen für ZHP und deren Form der Erstattung über Barschecks. Diese waren vom früheren Aegis-Chef Aleksander Ruzicka persönlich an ZHP-Geschäftsführer Reinhard Zoffel übergeben worden - angeblich weil beim Einkauf von Werbezeiten nachträglich bessere Konditionen erzielt werden konnten.

Die so zu ZHP gewanderten Gelder - insgesamt mehr als 9 Millionen Euro - wurden zum wesentlichen Teil später an Drittfirmen von Ruzicka wie Camaco weitergeleitet. Ein Teil der Summe verblieb als Beratungshonorar bei ZHP. Ruzicka wurde inzwischen wegen schwerer Untreue zu einer Haftstrafe von mehr als elf Jahren verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Behauptung von Wunschkind-Anwalt Glock, es sei gar nicht klar, welcher Schaden bei Carat eigentlich entstanden sei, entgegnete Richter Dethloff: "Der Schaden besteht darin, dass sich die Bargeldkasse bei Carat verringert hat."

Bemerkenswert ist, wie Wunschkind-Anwalt Glock die Zahlungen an ZHP begründet. Für Ruzicka sei es interessant gewesen, sich über ZHP Geschäftsfelder zu erschließen, in denen Aegis selbst nicht aktiv war. Dabei habe er vor allem auf Multiplikatoreneffekte durch die engen Kontakte von ZHP zu politischen Kreisen gehofft. Der damalige Co-Geschäftsführer von ZHP Volker Hoff war seinerzeit bereits CDU-Landtagsabgeordneter in Hessen. Später wurde er als Europaminister Mitglied der hessischen Landesregierung. Dafür gab er seine Tätigkeit als Geschäftsführender Gesellschafter bei ZHP auf. Der amtierenden Landesregierung gehört Hoff nicht mehr an.

Anfang dieser Woche wurde bekannt, dass Hoff Cheflobbyist von Opel wird. Sein Landtagsmandat will er dennoch behalten. Interessanter Nebenaspekt: Der Rüsselsheimer Autokonzern wird in Sachen Media von der Aegis-Tochter ACT Europe betreut. mam        
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