Weidemann über den Fall Kassaei: "Der Knüppeltanz der Gremien"

Montag, 17. August 2009
Will Diskussion anregen: Kurt Weidemann
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Kurt Weidemann ADC Knüppeltanz Lübeck Foris Pax


Er ist ADC-Ehrenmitglied, der Grafik-Guru Deutschlands und mit seinen 86 Jahren kein bisschen leise. In HORIZONT.NET schreibt Designer-Legende Kurt Weidemann dem vergangene Woche mit Ach und Krach zurückgetretenen  Vorstandssprecher des ADC: „Amir, bleib, was Du schon vorher warst, eine gehörte Stimme". HORIZONT.NET druckt den Brief in voller Länge.  Lieber Amir, vor einem Jahr hast Du gesagt: „Isch kandidiere" und bist zum Sprecher des ADC gewählt worden. Mit einem Ergebnis, von dem man in unserer Parteiendemokratie noch nicht einmal träumen  kann. Du warst ja schon jemand. Und bist auch noch wer.

In unserem Club musst Du den Spezialisten für Küchengeräte, den Alleswisser über Wellness-Bäder, und den Kenner der Ost-Mentalität vertreten. Gegenüber der Gesellschaft, den Medien, den Kunden unserer Art von Direktoren. Auch die Spediteure und Stukateure sind organisiert, haben demokratische Gremien, Satzungen und zeitbefristete Wahl- und Abwahlmöglichkeiten. In der Regel sind sie dankbar denjenigen, die den Führungsjob machen.

Scheitern mit Ach und krach

Ist er ein Egomane? Oder waren das seine Vorstandskollegen im ADC? HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz kommentiert die gescheiterte Mission des DDB-Kreativchef beim Art Directors Club für Deutschland. Sein Befund: Kassei, Berufsrevolutionär in Sachen Werbung, scheiterte vor allen Dingen an sich selbst. Zum Kommentar



Die „Kreativbranche" scheint da zickiger zu sein. Dort beginnt nach der Wahl, was ich den „Knüppeltanz der Gremien" nenne. Der Führungsbeauftragte per Wahl sollte führen. Selbst Machtansprüche und Selbstbestätigungsallüren lassen sich eine Wahlperiode lang ertragen. Die Satzungen schließen blanke Willkür aus. Bloße Faulheit ist harmlos und ablösbar. Wie jemand sein Frühstücksei köpft oder sein Haar trägt, ist nur ein kleines Aha-Erlebnis. Selbst Bäcker und Friseure sind kreativ. Und organisiert und lassen sich führen. Die Fotodesigner - ein Nachbarclub - haben je einen hochprofessionellen Geschäftsführer und Justiziar schon seit Jahrzehnten. Wechselnden Vorständen gegenüber ist man dankbar, dass sie diesen Job machen. Konflikte zwischen demokratischen Gremien und einem Führungskonzept reiben sich zwischen Zerreden und Machen bis zum Stillstand. Dafür gibt keiner seine Zeit her.

Am Holstentor zu Lübeck steht - stadtwärts - seit über einem halben Jahrtausend: „concordia domi, foris pax", „Eintracht drinnen, Frieden draußen". Wir Deutschen haben Demokratie schon ganz gut geübt, uns fehlt aber die Gelassenheit, mit der die Engländer schon seit Jahrhunderten Demokratie praktizieren. Es gibt für mich keinen Grund, undankbar zu sein. Trotzdem frage ich mich manchmal: In welchem Scheißverein bist du eigentlich? Und trotzdem bitte ich Dich: Bleib, was Du schon vorher warst, eine gehörte Stimme. Kurt Weidemann
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