Warum der offene Brief von Jean-Remy von Matt ein Fehler war

Dienstag, 20. Dezember 2011
Jean-Remy von Matt rechnet ab
Jean-Remy von Matt rechnet ab


Jean-Remy von Matt ist ein begnadeter Texter und gilt zu Recht nach wie vor als einer der besten – wenn nicht als der beste – Werbekreativen in Deutschland. Ein großer Diplomat war er dagegen nie. Dennoch hatte er bislang eine gute Ader dafür, was er öffentlich oder auch nur halböffentlich sagen kann und was nicht. Vor allem aber hatte er immer ein untrügliches Gespür dafür, was gut für seine Firma ist.
Dieses Gespür hat ihn in der Auseinandersetzung um den Ausstieg von Strategievorstand Karen Heumann offenbar verlassen. Denn mit seinem "offenen Brief", der an alle Mitarbeiter der Agentur ging und inzwischen auch bei anderen Werbern und bei einigen Kunden kursiert, hat von Matt einen Fehler gemacht. Nicht nur, dass er eine langjährige Führungskraft sagen wir mal nicht gerade höflich verabschiedet. Nein, mit seinem Brief schadet er Jung von Matt. Und das in mehrfacher Hinsicht.

Erstens: Der Brief bringt ein Thema zurück auf die Tagesordnung, das eigentlich beendet war. Der Wechsel von Karen Heumann und Armin Jochum zu Kemper Trautmann war medial erledigt. Zwar hat Jung von Matt dabei nicht gerade positive Schlagzeilen bekommen, aber die Lage hatte sich wieder beruhigt. Nun gießt von Matt Öl ins Feuer und facht die Debatte über den Ausstieg der beiden und die möglichen Ursachen ohne große Not wieder an. Der Diskussion, was sich bei Jung von Matt angeblich oder tatsächlich alles zum Negativen verändert hat, ist wieder Tür und Tor geöffnet. PR-technisch nicht gerade ein geschicktes Vorgehen.

Zweitens: Mit dem Brief desavouiert von Matt Vorstandschef Peter Figge, aber auch den Aufsichtsrat. Figge, weil es der Co-Gründer offenbar nicht für nötig gehalten hat, seinen "neuen" Partner über ein solch brisantes Schreiben zu informieren. Und eine Formulierung wie "Nach Eurer Kündigung habe ich ein klares Angebot gemacht, wie wir einvernehmlich auseinander gehen können", wirft erneut – ebenfalls ohne Not –die Frage auf, wen von Matt als eigentlichen Chef der Agentur sieht. Nicht der Vorstand hat ein Angebot gemacht, nicht der Aufsichtsrat, sondern er. Nicht gerade eine Rückenstärkung für Figge. Auch der Aufsichtsrat, dem Holger Jung angehört, steht dumm da. Von Matt stellt eine von diesem Gremium verhandelte und unterschriebene einvernehmliche Trennungsvereinbarung quasi als blanken Unsinn dar. Ebenfalls nicht gerade ein Kompliment.

Last but not least hat der Brief zu einem erheblichen Kollateralschaden geführt: Wolf Heumann, Kreativchef des Ablegers JvM/365 und Ehemann von Ex-Strategievorstand Karen Heumann, hat wegen des Schreibens seine Kündigung eingereicht. Damit verliert die Agentur nicht nur einen profilierten Kreativen, sondern einen sehr erfahrenen Werber, der sich mehr aufs Arbeiten als aufs Reden konzentriert – eine Eigenschaft, die von Matt eigentlich sehr schätzt. Wolf Heumann zu ersetzen, dürfte nicht ganz leicht sein, zumal der von ihm kreativ geführte Ableger derzeit ohnehin in einer Umbruchphase steckt.

Nun könnte man den Ausbruch als Affekthandlung eines genialen Kreativen und Firmeninhabers erklären, der sich über eine langjährige Führungskraft ärgert. Und darüber, dass er Geld bezahlen muss, ohne dass es dafür eine Gegenleistung gibt. Das mag sein. Die plötzliche Eruption überrascht aber vor allem deshalb, weil sie von einem Menschen kommt, der nicht gerade zu Spontanausbrüchen neigt. Aus dem Umfeld der Agentur ist zu hören, dass von Matt inzwischen einsieht, dass er einen Fehler gemacht hat. Für einen Perfektionisten wie ihn, sicher das Schlimmste, was passieren kann: selbst einen Fehler zu machen. Bleibt abzuwarten, ob und wie er ihn korrigieren kann – oder ob sein Fehlverhalten weitere Auswirkungen hat. mam 
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