Warum Inhaberagenturen stärker wachsen: Das sagen die Chefs der Unabhängigen

Donnerstag, 22. März 2012
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"Inhabergeführte Agenturen sind und bleiben das Salz in der Suppe". Das sagt kein geringerer als GWA-Präsident Lothar Leonhard, auch wenn er vor einer Glorifizierung dieses Agenturtyps warnt. Nachzulesen ist das in seinem Beitrag für das Buch "Zu den Piraten statt zur Marine" von Werbe-Urgestein Georg Baums, in dem Werber erklären, warum sie sich selbstständig gemacht haben. Die wirtschaftliche Entwicklung inhabergeführter Werbeagenturen im Jahr 2011 scheint ihnen recht zu geben.
Die Top 50 haben im vergangenen Jahr einmal mehr kräftig zugelegt. Im Schnitt konnten sie den Honorarumsatz um 10,5 Prozent steigern. Ihr gutes Abschneiden dürfte die Diskussion weiter anfachen, welcher Agenturtyp besser für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist. Ein direkter Vergleich mit den Zahlen der Networks ist nicht möglich, da diese aufgrund der Vorgaben ihrer börsennotierten Muttergesellschaften keine Umsatzzahlen mehr nennen. mam

Lesen Sie im Folgenden, was die Chefs führender Inhaberagenturen zur Geschäftsentwicklung 2011 und zu den Perspektiven für 2012 sagen.

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Florian Haller, Hauptgeschäftsführer Serviceplan

Über die Entwicklung von Inhaber- und Networkagenturen:
"Inhaberagenturen wachsen deutlich dynamischer als die Networks in Deutschland. Ein Grund dafür sind Partnermodelle: Wer an einer Firma beteiligt ist, arbeitet anders als ein angestellter Manager mit 12- oder 24-Monatsvertrag. Außerdem haben die Networks lange Zeit vom Adaptionsgeschäft gelebt. Das funktioniert heute aber nicht mehr so gut, weil es inzwischen vielfach zentral gesteuert wird."

Über das Kunden-Agentur-Verhältnis:
"Der Einfluss des Einkaufs hat weiter zugenommen. Der immer stärkeren Professionalisierung auf dieser Seite müssen Agenturen mit der Professionalisierung ihres Vertragsmanagements begegnen. Agenturen müssen verdeutlichen, dass die zunehmende Komplexität der Aufgaben ihre Arbeit anspruchsvoller macht. Wir sollten also nicht jammern, sondern selbstbewusst den Wert unserer Leistungen in den Vordergrund stellen."

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Peter Figge, CEO Jung von Matt

Über die Trends im Geschäft:
"Technologie ist immer noch ein sehr großer Treiber in unserer Branche. Sie eröffnet uns immer wieder neue Möglichkeiten, mit Kommunikation für die Produkte und Dienstleistungen unserer Kunden zu begeistern. Und unsere Arbeiten werden immer häufiger international ausgerollt und sind damit weltweit sichtbar. Es war noch nie so spannend in unserer Branche."

Über die Entwicklung von Inhaberagenturen:
"Wir investieren konsequent in die Qualität unseres kreativen Produkts und unserer Kundenbeziehungen. Wir haben die Freiheit kreative Talente zu entwickeln und in ,Forschung und Entwicklung' zu investieren. Last but not least sprechen die Kunden in den inhabergeführten Agenturen noch mit dem Chef persönlich."

Über den Geschäftsverlauf in den ersten Monaten 2012:
"Wir erleben einen von großer Unsicherheit geprägten Jahresstart, der auf Kundenseite zwischen Euphorie über ein sehr gutes Geschäftsjahr 2011 und großer Sorge um die Entwicklung des Euro und daraus resultierender Folgen wechselt. Wir selbst haben aktuell einige sehr interessante Chancen, die uns mit realistischem Optimismus nach vorne blicken lassen."

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Martin Blach, CEO Hirschen Group

Über die Trends im Geschäft:
"Wir bemerken einen gegenläufigen Trend zu den letzten Jahren. Durch die Zunahme an Kommunikation rund um ein Unternehmen und mit ihm, steigt die Bedeutung von Kommunikation für das Unternehmen sowie für das unternehmerische Handeln. Zunehmend sind daher Top-Entscheider in die kommunikativen Prozesse eingebunden. Es geht im postdigitalen Zeitalter um mehr als eine Anzeige oder ein TV-Spot. Es geht um ganzheitliche Kommunikations- und Markenstrategien, die in der Regel nicht von einzelnen Fachabteilungen alleine entschieden werden."

Über die Entwicklung von Inhaberagenturen:
"Wir waren schon immer von den Vorteilen inhabergeführter Agenturen überzeugt und sind es noch. Unabhängigkeit, Schnelligkeit in Entscheidungsprozessen und unternehmerische Verantwortung sind nur einige der Stärken, die Kunden bei uns finden."

Über die Wachstumsperspektiven für Agenturen:
"Wenn sich das Kommunikationsvolumen jährlich verdoppelt, ist das eine riesige Chance für die Branche. Allerdings wird sich hier die Spreu vom Weizen trennen. Nur Agenturen, die für die Anforderungen des von uns sogenannten postdigitalen Zeitalters optimal aufgestellt sind, werden sich hier behaupten. Es geht künftig nicht  mehr darum, punktuelle kreative Höchstleistungen zu entwickeln, sondern vor allem um die interessante Aufbereitung vorhandener Inhalte wie auch um die Generierung immer wieder neuer spannender Themen und die optimale Verzahnung aller Kanäle."

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Stephan Rebbe, Co-Gründer Kolle Rebbe

Über die Trends im Geschäft:
"Auf Kundenseite steigt die digitale Kompetenz. Allerdings wird immer noch zu oft davon ausgegangen, dass dieser Bereich so mitläuft und nicht adäquat vergütet wird. Mit der digitalen Kompetenz steigt auch das Bewusstsein für die Messbarkeit von Kampagnen on- wie offline. Wir werden uns als Kommunikationsagenturen mehr messen lassen müssen. Allerdings fehlt immer noch die Bereitschaft, bei erfolgreichen Kampagnen auch entsprechend erfolgsabhängig zu vergüten."

Über die Honorierung von Agenturleistungen:
"Das Marketing hat kaum noch Hoheit über die eigenen Etats. Es wird höchste Qualität eingefordert. Bei der Bezahlung dieser Qualität wird dann der Einkauf ins Spiel gebracht und drückt die Agenturhonorare. Geld für Onlinemaßnahmen wird unreflektierter freigesetzt als für Agenturleistungen. Ich denke, das liegt an der immer noch existierenden Blackbox und dem schwer einzuschätzenden Wert von Online Werbeplätzen, Klickraten etc."

Über das Kunden-Agentur-Verhältnis:
"Wer eine gute Kinderstube genossen hat behandelt auch seinen Dienstleister respektvoll und auf Augenhöhe. Wir haben keine Probleme in den Beziehungen mit unseren Kunden. Und wenn es knirscht löst man das Problem oder man muss sich trennen."

Über die Entwicklung von Inhaber- und Networkagenturen:
"Die erfreulichste Entwicklung ist natürlich die Offenheit großer Kunden gegenüber dem Angebot netzwerkunabhängiger Agenturen. Inhaberagenturen haben mehr Freiheitsgrade bei Personaleinsatz, mittelfristigem Denken und haben weniger Profitdruck. Das wirkt sich positiv auf das Arbeitsergebnis aus und wird vom Markt offensichtlich goutiert. Man könnte auch eine Schwäche bei den Networkagenturen diagnostizieren."

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Michael Trautmann, Co-Gründer Kemper Trautmann

Über die Veränderungen für Agenturen:
"Das Geschäft wird immer komplexer und anspruchsvoller. Die Kunden verlangen immer mehr individuell auf sie zugeschnittene Agenturmodelle und Kompetenzen. Gleichzeitig nimmt die Planungssicherheit für Agenturen weiter ab."

Über das Kunden-Agentur-Verhältnis:
"Der Trend, dass Agenturen nur noch wie Commodity-Anbieter behandelt werden, hat sich zum Glück nicht verschärft. Das zeigt sich unter anderem an wieder professionellen und fairen Pitchprozessen."

Über die Entwicklung von Inhaber- und Networksagenturen:
"Das Pendel schlägt gerade in die eine Richtung, es wird ganz sicher irgendwann auch wieder in die andere Richtung gehen."

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Reinhard Patzschke, Co-Chef Grabarz & Partner

Über die Trends im Geschäft:
"Kunden wollen einen Ansprechpartner für alle Disziplinen/Kanäle und nicht für jede Disziplin einen andere Telefon-Nummer wählen. Wir beobachten, dass die starken Veränderungen und neuen Herausforderungen innerhalb der Marketing-Kommunikation dazu führen, dass wir oft noch enger mit dem Kunden zusammenarbeiten als bisher. Wir haben beschlossen, weniger E-Mails zu schreiben - das ist sehr gut, nun sehen wir uns wieder öfter."

Über die Entwicklung von Inhaber- und Networkagenturen:
"Die Digitalisierung und das erfolgreiche Bespielen der entsprechenden Kanäle finden oft mit einem Team unterschiedlichster Dienstleister statt. Wir können hier völlig frei wählen und selbständig agieren, disziplinen- und länderübergreifendes Networking betreiben und so unser eigenes „Network" aufbauen. Die zunehmende Zentralisierung der Markenführung verlangt auch bei internationalen Aufgaben nicht mehr zwangsläufig nach Büros, die den gleichen Namen unter die Klingel kleben. Dabei erfahren wir, dass wir mit Schnelligkeit, Verbindlichkeit und Direktheit punkten können - gegenüber unseren Kunden und unseren Partnern. Inhaberagenturen können sich nie auf Erfolgen ausruhen oder auf Hilfe von den Eltern hoffen - Inhaberagenturen greifen an." 
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