"Unverschämt": Ogilvy-CEO Thomas Strerath greift Deichmann scharf an

Donnerstag, 12. April 2012
Thomas Strerath platzt der Kragen - und Deichmann ist schuld
Thomas Strerath platzt der Kragen - und Deichmann ist schuld
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"Es heißt ja gerne 'dreist kommt weiter', aber das ist so unverschämt, dass ich meine Agentur-Kollegen aufrufe, diese Anfrage zu boykottieren." So klingt es, wenn einem Agenturchef der Kragen platzt. Was ist passiert? Auf dem Schreibtisch von Ogilvy-CEO Thomas Strerath lag heute morgen eine Anfrage des Schuhhändlers Deichmann, in der dieser von mehreren Agenturen eine "Goldidee" zu seinem 100. Jubiläum im kommenden Jahr wünscht - zu hanebüchenen Konditionen.
Strerath sah sich gezwungen, den Vorgang auf der Facebook-Pinnwand von HORIZONT sowie mehrerer namhafter Agenturen zu posten. Den Agenturen sei völlig freie Hand gegeben worden – "so nennt man heute die Abwesenheit von Briefing und Zielsetzung", schreibt Strerath spöttisch. Auch die mediale Umsetzung und das Budget seien egal. Genauso wenig fordere der Auftraggeber ein persönliches Gespräch, Briefing oder Schulterblick. Eine Teamvorstellung sei zwar gewünscht, aber eigentlich überflüssig, denn: "Deichmann möchte die Idee intern umsetzen", so Strerath.

Was den Agenturboss jedoch richtig auf die Palme bringt, sind die rechtlichen und finanziellen Konditionen des vorgeschlagenen Deals: "Wie rund 20 weitere Agenturen bekämen wir 2.000 Euro für die Idee. Genauer gesagt für die Abtretung aller Rechte, räumlich und zeitlich unbegrenzt. Falls wir gewännen, weitere 10.000 Euro. Es sind also 12.000 Euro an Honorar zu erwirtschaften: für eine Agentur, während 19 andere mit 2.000 Euro zufrieden sein müssten." Und weiter: "Die durchschnittliche Honorarleistung pro Kopf bspw. aus dem letzten Inhaberagentur-Ranking lässt über alle Mitarbeiter einen Wert von 500 Euro/Kopf/Tag als realistisch erscheinen, wobei da sogar die administrativen Köpfe eingerechnet sind. Es könnte also eine Person 4 Tage etwas entwickeln oder ein 4-köpfiges Team an einem Tag die Idee, die Aufbereitung & Präsentation, die Medienwahl und die Kalkulation." Der Schuhhändler wisse, was er da treibe, sonst würde er den Agenturen keine sechs Wochen Zeit einräumen, ist Strerath sicher.

Doch damit nicht genug: Wahrscheinlich gerade weil Deichmann um sein unangemessenes  Vorgehen weiß, will sich das Unternehmen vor allzugroßer Öffentlichkeit schützen. Aber da spielt Strerath nicht mit: "Da das auch Deichmann sehr heikel erscheint, hat man mich noch einseitig zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es heisst ja gerne 'dreist kommt weiter', aber das ist so unverschämt, dass ich meine Agentur-Kollegen aufrufe, diese Anfrage zu boykottieren."

Gegenüber HORIZONT.NET betont Strerath, dass er mit seinem Posting bewusst die Öffentlichkeit gesucht habe: "Es geht nicht darum Deichmann als schwarzes Schaf hinzustellen, sondern darum, eine Diskussion zu eröffnen. Wir sind zwar in einem harten Wettbewerb, aber man muss sich nicht alles bieten lassen." Doch der Ogilvy-CEO spielt den Ball auch an seine Agenturkollegen zurück: "Es gibt Agenturen, die unbedingt einen Fuß in die Tür bekommen wollen und deswegen da mitmachen. Daher brauchen wir bei dem Thema eine öffentliche Diskussion."

Mittlerweile hat Deichmann gegenüber HORIZONT.NET zu den Vorwürfen Stellung bezogen. ire
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