Umfrage zur Deichmann-Debatte: Pitchberater fordern Agenturen zu Einigkeit auf

Donnerstag, 19. April 2012
Deichmanns ungewöhnliche Ausschreibung bringt Ogilvy-CEO Thomas Strerath auf die Palme
Deichmanns ungewöhnliche Ausschreibung bringt Ogilvy-CEO Thomas Strerath auf die Palme


Mit seiner Deichmann-Schelte hat sich Ogilvy-CEO Thomas Strerath in der Agenturbranche sowohl Zustimmung als auch Widerspruch eingehandelt. Renommierte Pitchberater begrüßen die Debatte, fordern die Kreativen nun aber zu einem neuen Wir-Gefühl auf. Ende vergangener Woche fand sich auf der Facebook-Seite des Münchner Publicis-Kreativchefs Stephan Ganser folgender Beitrag: "Gerade passiert. In echt: - Ein Bordell. Zwei Dutzend Huren fläzen an der Bar, gelangweilt auf speckigen Chaiselongues, und trauern Prosecco schlürfend der romantischen Liebe nach. Kommt ein Mann im Anzug und glänzenden Schuhen herein, sieht sich um und verkündet in die Runde: "Na, Mädels, wollt ihr mir´s besorgen, für umsonst? Ihr könnt euch auch aussuchen, wie ihrs macht." Die Nutten schnattern aufgebracht durcheinander: "Unverschämtheit!", " Was denkt der sich? Wir sind Damen!"... :)"

Gansers Metapher erinnert sicherlich nicht zufällig an das berühmte Zitat des Euro RSCG-Mitbegründers Jaques Seguela aus dem Jahre 1968: "Sag meiner Mutter nicht, dass ich in der Werbung arbeite - sie glaubt, ich bin Pianist in einem Bordell." Offenbar hat sich seither in der Szene so wenig verändert, dass heutzutage immer noch Bordell-Metaphern für die Zustände in der Werbung herhalten müssen. Ist es Zeit für eine neue Kultur - insbesondere im Verhältnis zwischen Agenturen und Kunden, das Ganser in seiner Geschichte so bissig beschreibt?

Norbert Lindhof
Norbert Lindhof
Ja, meint Ex-Agenturchef Norbert Lindhof, seit vergangenem Jahr mit der Pitchberatung Aller Best am Start. "Thomas Strerath hat sich jetzt, in seiner bekannt provozierenden Art, einmal mehr getraut, nicht nur zu bellen, sondern auch einmal zu beißen. Zu Recht aus meiner Sicht, weil das Deichmann-Vorgehen wirklich nicht nachahmenswert ist. Um eine nette Formulierung zu finden."#/ZT# Nun gibt es die Diskussion über unangemessene Pitches nicht erst seit gestern. Lindhof hofft trotzdem, dass durch den Vorstoß des Ogilvy-Chefs nun endlich "aus dem seit Jahren andauernden Schwelbrand ein offenes Feuer" wird und die Agenturen sich zur Wehr gegen unverschämte Kundenanfragen setzen. Dem stimmt Oliver Klein, Inhaber der Pitchberatung Cherrypicker, grundsätzlich zu. Allerdings müssten sich die Kreativen bei der Suche nach den Ursachen für die aktuelle Debatte auch an die eigene Nase fassen: "Die Agenturen haben nun die Geister, die sie riefen. Wenn man jahrelang fremden Kunden Goldideen ungefragt und kostenlos anbietet, darf man sich nicht wundern, wenn mal ein Kunde dies von sich aus einfordert."

Oliver Klein
Oliver Klein
In dem neu aufgeflammten Streit, so Klein, liege allerdings jetzt die Chance für die Agenturbranche, "sich auf ihr eigenes Wertschöpfungsmodell und den Wert der Idee zu besinnen und gemeinsam öffentlich Haltung zu zeigen". Die Verbände GWA, DDV, ADC und Co., pflichtet Lindhof bei, könnten nun ein weiteres wichtiges Thema  besetzen und ihre Mitglieder zu seriösen Auftreten im Markt bewegen. ire

Einigkeit unter Agenturen? Hubertus von Lobenstein kann da nur abwinken.

Lesen Sie auf den folgenden Seiten die Einschätzungen von Lobensteins und weiterer führender Kreativer zu der Debatte Strerath-Deichmann

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Hubertus von Lobenstein (rechts neben Agenturpartner Andre Aimaq) auf seinem Posterous-Blog

"Solidarität unter Agenturen? Ich war selbst an insgesamt 4 größeren Versuchen beteiligt, sie herzustellen. Ergebnis? Null. Ich bin an der Stelle seit Jahren deshalb nur noch mir selbst und den Marken verpflichtet, für die ich arbeite. Und ich finde das Reiten von toten Pferden (und das Organisieren von Tote-Pferde-Rennen!!) nun mal abstoßend. Aber das ist meine Meinung. Und andere von meiner Meinung zu überzeugen habe ich aufgegeben. Mir reicht es, selbst Dakota-indianer bleiben zu können. Und die sind von toten Pferden eben abgestiegen. Wer weiter auf ihnen herumreitet, ist selbst schuld."
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Stefan Oliver Schmidt, Gründer Dieckert Schmidt

"Der Fall "Deichmann" ist eigentlich der Fall "Werbeindustrie in Deutschland". Als ich 2002 aus London zurück kam hat mich schier der Schlag getroffen. Deutsche Arbeiten, die auf Festivals gewonnen haben, waren nur noch Initiativen. Alles, was in den 90ern aufgebaut wurde, war dahin. Auf echten briefs entstand praktisch nichts mehr.

Ein ganzes Jahrzehnt wurde Kunden in Deutschland beigebracht, dass das, was wirklich richtig gut ist, die Arbeiten sind, die wir am Ende des Jahres umsonst präsentieren, die wir auf unsere Kosten produzieren und die wir meist sogar (einmal nachts oder der Studentenzeitung) selbt einschalten. Was Deichmann hier versucht ist nur die Folge dieses fatalen Verhaltens.

Dieser Unsinn wird nur von Kunden gestoppt werden. Von Kunden, die verlangen, dass endlich wieder das brief exzellent beantwortet wird und nicht länger langweilig, mittelmäßig "richtig". Von Kunden, die wissen das wir im fame business sind, nicht im "stundenweise Texter-Verleih-"Geschäft. Von Kunden, die wissen, dass man gute Agenturen auch in 5 Jahren noch brauchen wird - man sollte sie also besser nicht killen!"

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Amir Kassaei, Kreativchef DDB Worldwide via HORIZONT-Facebook

"Ich weiss nicht ob das jemandem aufgefallen ist, aber der Grund warum Auftraggeber sich Agenturen gegenüber so verhalten hat auch damit zu tun, dass Agenturen durch ihr Handeln und durch ihren falschen Fokus jegliche Glaubwürdigkeit und Ansehen verspielt haben. Wenn man durch Zombie-Kreation den kreativen Status erschleicht, aber im wahren Leben durch sinn- und nutzlose Reklame auffällt, dann hat man es leider auch nicht anders verdient. Also bevor sich ein paar Wichtigtuer wieder aufspielen, sollten Sie mal ihre Hausaufgaben machen. Es gibt nämlich sehr sehr viel zu tun."

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Stefan Zschaler, Managing Partner Leagas Delaney

"Agenturen betreiben doch seit Jahren eine exzessive Goldideen-Produktions-Industrie für die eigene PR und Eitelkeit. Wir bearbeiten Kunden wie Nichtkunden, unsere Ideen zu schalten. Manchmal sogar kostenlos. Wenn sich nun der Chef einer der seit Jahren führenden Goldideen-Produktionsfirmen aufschwingt, um einen Kunden öffentlich wie namentlich an den Pranger zu stellen, dann ist das scheinheilig. Wir verdammen die Geister, die wir selbst gerufen haben. "

Benedikt Holtappels, Geschäftsführer Grimm Gallun Holtappels

"Eigentlich müssten wir Agenturen Deichmann für seine branchenverachtende Pitchaufforderung dankbar sein. Sie gibt uns nämlich die Chance zu lernen. Denn wer seine (Gold-)Ideen verschenkt, um Preise zu gewinnen, zahlt einen hohen Preis. Ich konnte selbst über Ostern nicht so viel Essen, wie ich kotzen möchte über den hier dokumentierten Zustand unserer Branche. Was mich aber am aller meisten umhaut ist, dass doch eigentlich auch dem ML von Deichmann klar sein müsste, dass eine Idee, die ausschließlich nach hoher Aufmerksamkeit schreit, keine Hilfe bei der Markenführung ist."
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