Sascha Hankes seltsame Abrechnung mit der Werbung

Donnerstag, 13. September 2012
Sascha Hanke
Sascha Hanke

Eigentlich ist DDB-Kreativchef Amir Kassaei darauf abonniert, seine Kollegen zu provozieren. Jetzt versucht sich Sascha Hanke, Executive Creative Director bei Kolle Rebbe, in dieser Disziplin. In einem Beitrag für die Zeitschrift "Business Punk", die ihn auf Platz 15 ihrer Liste der Top-50-Kreativen gewählt hat, setzt er sich mit der Frage auseinander, ob Werber die Punks unter den Kreativen sind - und versucht dabei, seiner Branche kritisch den Spiegel vorzuhalten. Zwar mutet schon die Ausgangsfrage seltsam an. Sie stellt sich eigentlich nicht. Punk ist systemkritisch, Werbung affirmativ. Hanke beschäftigt sich dennoch ausführlich mit ihr. Dabei kommt er zu dem Ergebnis: Werbung ist nicht Punk, sondern Pop. Also nicht rebellisch und nonkonformistisch, sondern immer darauf aus, im Scheinwerferlicht zu stehen, etwas herzumachen, vor allem aber gefühlsorientiert, findet Hanke.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis greift der Autor zum beliebten Stilmittel der Nestbeschmutzung. Kostprobe: "In der Tat arbeiten hier (in der Werbung, die Redaktion) viele verhaltensauffällige Menschen. Die Agenturen sind voller Karrieristen, genialer Schaumschläger, monströser Luftpumpen und auch Leute, die nichts können, außer sich im Schein anderer zu sonnen und auf deren Kosten die Karriereleiter hochzustapfen. Der Asshole-Faktor ist relativ hoch." Oder: "(Pop) passt besser zu den Heerscharen von Claqueren, sozialen Krüppeln, armen Würstchen, verrückten Idealisten, Jubelpersern und windelweichen Konformisten, die ich in meinem Werberleben bislang kennenlernen durfte. Und die alle eins können: Posen! Scheinen! So tun, als ob!"

Natürlich darf auch bei Hanke der Hinweis auf den Irrsinn des Award-Geschäfts nicht fehlen. Obwohl er selbst nicht nur bei Kolle Rebbe, sondern auch früher bei Jung von Matt, gerne an Kreativwettbewerben teilnimmt. Übrigens eine weitere Parallele zu Kassaei, der einerseits die Auswüchse bei Awards geißelt, andererseits mit DDB fleißig mitmacht. Hanke, der dieses Jahr Juror in Cannes war, nennt diese Veranstaltungen "Mount Everest der Wichserei, K2 der Selbstbeweihräucherung und Brocken des gespreizten Eiteitei".

Aktuelle Ausgabe von Business Punk
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Ursache dafür, dass sich die Werber bei diesen "pompösen Festivals, die der Weltöffentlichkeit eher links und rechts vorbeigehen", gegenseitig auszeichnen, sei im Grunde nur fehlendes Selbstbewusstsein. Ein Vorwurf, den man Hanke selbst kaum machen kann. Auch die meisten seiner Branchenkollegen fallen in der Regel nicht durch Selbstzweifel und fehlendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten auf. Diese Haltung sei aber nur aufgesetzt, meint Hanke: "Wir Werber sind hinter der Fassade so unsichere Kantonisten, so labile Romantiker, dass wir uns in ebendiesen monströsen Veranstaltungen selbst feiern müssen."

Wer nun glaubt, das Ganze sei eine radikale Abrechnung mit der eigenen Zunft, der irrt. Denn am Ende kommt Hanke zu der Erkenntnis, dass Werbung eine faszinierende Branche ist, die nie langweilig wird - mit Agenturen für jeden Geschmack. Die besten gibt es ihm zufolge übrigens in Hamburg - und die allerbeste zufällig dort, wo er gerade arbeitet: in der Speicherstadt. mam
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