Ruzicka-Verteidigung fordert Freispruch

Montag, 27. April 2009
Verteidiger Marcus Traut (l.) mit seinem Mandanten Aleksander Ruzicka
Verteidiger Marcus Traut (l.) mit seinem Mandanten Aleksander Ruzicka

Erwartungsgemäß hat die Verteidigung von Ex-Aegis-Chef Aleksander Ruzicka in ihrem Schlussvortrag beantragt, ihren Mandanten freizusprechen und den Haftbefehl gegen ihn aufzuheben. In ihrem rund 90-minütigen Plädoyer wiesen die Rechtsanwälte Marcus Traut und Eva Schrödel die von der Staatsanwalt erhobenen Vorwürfe und das von der Anklage geforderte Strafmaß von 13,5 Jahren zurück. Ruzicka wird beschuldigt, zusammen mit anderen Personen insgesamt 49 Millionen Euro aus dem Vermögen seines früheren Arbeitgebers Aegis Media veruntreut zu haben. Aus Sicht der Verteidigung kann davon aber keine Rede sein. Zwar seien die Geschäftspraktiken von Ruzicka durchaus "originell und kreativ, sie erfüllen aber nicht den Straftatbestand der Untreue", sagte Traut. Aegis Media sei durch die Aktivitäten des früheren CEO kein Vermögensnachteil entstanden - im Gegenteil. Zudem sei ihm - anders als anderen Beschuldigten - kein einziger Euro privat zugeflossen.

Seinen Vortrag begann Traut mit einem Appell an die 6. Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Wiesbaden. Sie solle sich nicht von der hohen Strafforderung der Staatsanwaltschaft beeinflussen lassen. Eine Studie der Universität Würzburg habe ergeben, dass auch bei erfahrenen Richtern das Urteil von dem zuerst geforderten Strafmaß abhängig ist - auch wenn dies unrealistisch oder abwegig sei - "wie im vorliegenden Fall", so Traut.

Bevor sich die Verteidigung genauer mit den Vorwürfen gegen Ruzicka auseinandersetzte, griff sie noch einmal die Anklagevertreter an. Die Staatsanwaltschaft habe es versäumt, auch Entlastendes gegen Ruzicka zutage zu fördern. Insofern könne auch nicht die Rede davon sei, dass die Verteidigung das Verfahren in die Länge gezogen habe. "Wir haben lediglich den Versuch unternommen, Versäumnisse der Staatsanwaltschaft aufzuheben", sagte Traut.

In diesem Zusammenhang griff er erneut die Verfasser der im Juli 2005 zunächst anonym eingereichten Strafanzeige an. Die Anzeige kam, wie später bekannt wurde, von Aegis Media selbst. "Verfasst hat die Anzeige derjenige, der heute auf dem Stuhl von Aleksander Ruzicka sitzt", sagte Traut und spielte damit auf den heutigen Aegis-CEO Andreas Bölte an. Es sei bis heute nicht nachvollziehbar, wieso von der Anzeigeerstattung bis zu den Durchsuchungen im September 2006 über ein Jahr vergangen sei und die angeblich illigalen Geldabflüsse nicht gestoppt wurden. Allein für diesen Zeitraum gehe es um eine Summe von 20 Millionen Euro.

Ebenfalls scharf attackiert wurde die Kronzeugin der Anklage Manuela R. Sie habe in vielen Punkten die Unwahrheit gesagt. Zudem habe sie erst ausgesagt, nachdem ein "ihr genehmer" Strafbefehl vorgelegt wurde. "Das ist ein in Deutschland einmaliger Vorgang", empörte sich Traut. Manuela R. hatte seinerzeit ein "Schweigegeld" von 427.000 Euro bekommen, nachdem sie die Praktiken von Ruzicka und Co bemerkt hatte. Gegen sie ist ein Strafbefehl wegen "Beihilfe zu schwerer Untreue" rechtskräftig.

Nicht nachvollziehbar sei auch das Argument, Ruzicka habe sich seinen Lebensstil von seinem normalen Gehalt nicht leisten können. Inklusive Aktienoptionen habe der Aegis-CEO ein Jahreseinkommen von 1,5 Millionen Euro gehabt. Bislang war immer die Rede davon, das Einkommen von Ruzicka habe sei 600.000 Euro gelegen.

Bei der inhaltlichen Würdigung der Vorwürfe kam die Verteidigung ebenfalls zu einem eindeutigen Ergebnis. Es könne keine Untreue vorliegen, da zu keinem Zeitpunkt ein Vermögensnachteil für Aegis Media entstanden sei. Vielmehr sei es durch die Aktivitäten von Ruzicka gelungen, die von den Medien gewährten Vorteile für die Mediaagenturgruppe um 35 Prozent zu steigern - bei einem Umsatzrückgang von 7 Prozent.

Ausführlich ging Traut auf das Teilurteil des Landgerichts München im Rechtsstreit zwischen der Aegis-Tochter Carat und dem Ex-Kunden Danone ein. Daraus gehe eindeutig hervor, dass eine Trennung zwischen agentur- und kundenspezifischen Rabatten nicht zulässig sei. Alle Vorteile kämen den Kunden zu, Aegis beziehungswiese Carat habe diesbezüglich keinerlei Ansprüche. Die Annahme eines Schadens bei Aegis Media aus dem Umgang mit diesen Vorteilen sei deshalb nicht aufrechtzuerhalten.

Um diese Argumentation zu untermauern, stellte Traut in seinem Plädoyer den Beweisantrag, das Urteil des Landgerichts München in die Hauptverhandlung einzuführen. Die Staatsanwaltschaft wies darauf hin, dass der Richterspruch noch nicht rechtskräftig sei und es sich für sie damit um die "Einzelmeinung eines Richters in München" handele.

Ebenfalls beantragt wurde von der Verteidigung Ruzickas, die Bilanzen von Carat Wiesbaden und Aegis Media für die Jahre 1998 bis 2003 einzuführen. Sie will beweisen, dass sich darin keine Angaben zu PLV finden. Diese von Agenturgründer Kai Hiemstra etablierte Firma gilt nach fester Überzeugung von Traut als Vorbild für das von Ruzicka ausgearbeitete Modell mit den Firmen Camaco, Watson und Co.

Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann will die Kammer über die heute gestellten Beweisanträge befinden. Das Urteil ist nach wie vor für den 7. Mai vorgesehen. mam       
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