Ruzicka-Prozess: Wie tief verstrickt war David Linn?

Montag, 25. August 2008
David Linn (l.) mit Anwalt Harald Roos. Quelle: pdh-Foto (Wolfgang Hörnlein)
David Linn (l.) mit Anwalt Harald Roos. Quelle: pdh-Foto (Wolfgang Hörnlein)

Der heutige Verhandlungstag im Strafprozess gegen die beiden ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn stand ganz im Zeichen der Befragung des Angeklagten Linn. Der frühere Einkaufsgeschäftsführer schilderte relativ umständlich und zum Teil schwer verständlich sein Wissen über die Kommerzialisierung von Freispots, seine Rolle bei der mutmaßlichen Tarnfirma Camaco und sein Verhältnis zu seinem früheren Vorgesetzten Ruzicka. Den beiden wird von der Anklage vorgeworfen, zusammen mit weiteren Beschuldigten insgesamt 52 Millionen Euro bei ihrem Ex-Arbeitgeber Aegis Media veruntreut zu haben. Linn räumte wie schon bei seiner Einlassung in der vorigen Woche ein, dass er über die Firma Camaco, an der er über ein Treuhandkonstrukt beteiligt war, insgesamt Zahlungen in Höhe 1,98 Millionen Euro erhalten hat. Die Zahlungen erfolgten in den Jahren 2004 (473.000 Euro), 2005 (878.000 Euro) und 2006 (50.000 Euro plus 579.000 Euro). Zudem habe es eine Zahlung von weiteren 35.000 Euro in Form von Naturalien gegeben. So rechnete Linn unter anderem Flüge, Büromöbel und Computerkosten über Camaco ab.

Kommentar: Herr und Diener

 

Dass Unternehmen keine demokratischen Veranstaltungen sind, ist keine neue Erkenntnis. Wie sehr Aegis Media unter der
Führung von Aleksander Ruzicka aber ein autokratisches, teilweise sogar feudalistisches System war, haben die Aussagen von David Linn vor Gericht deutlich gemacht. Ein langjähriger und erfahrener Geschäftsführer traute sich nicht, seinen CEO nach Zahlungen an ihn in Millionenhöhe zu fragen - aus Sorge, seinen Job zu verlieren. Und glaubt man Stimmen aus dem Umfeld von Aegis Media, so war
Linn kein Einzelfall. Ruzicka soll keinen Widerspruch geduldet und ein Klima der Angst verbreitet haben. Gleichzeitig zeigte er sich langjährigen Mitarbeitern gegenüber sehr fürsorglich und großzügig. Vor Gericht war von „Zuckerbrot und Peitsche" die Rede. Welche Rolle Linn tatsächlich gespielt hat und wie tief er in die Untreue-Affäre verstrickt war, muss das Gericht entscheiden. Das Gleiche gilt für Ruzicka. Der Eindruck, den er als Manager hinterlässt, steht dagegen fest: Ein Herrscher, der seine Mitarbeiter offenbar wie Diener behandelte. Mehrdad Amirkhizi


Wofür genau er diese Gelder bekam, konnte Linn auch diesmal nicht klar beantworten. "Ich habe keine Leistungen für Camaco erbracht", antwortete Linn auf die entsprechende Frage des vorsitzenden Richters Jürgen Bonk. Bei seiner polizeilichen Vernehmung im November 2006 hatte Linn gesagt, dass er das Geld möglicherweise erhalten habe, weil Ruzicka die Aufgabenteilung zwischen Linn und der zweiten Einkaufsgeschäftsführerin Claudia Jackson nicht ganz klar war. Womöglich sollte er so dazu gebracht werden, von kritischen Fragen abzusehen.

Gleichzeitig wiederholte Linn, dass er schon nach Eingang der ersten Summe Bedenken hatte, was die Rechtmäßigkeit der Zahlungen anging. Auf seine diesbezügliche Nachfrage habe Ruzicka aber gesagt, dass "alles in Ordnung" sei. Zudem habe Ruzicka deutlich gemacht, dass weitere Fragen zu diesem Thema nicht erwünscht seien. "Ich hatte Angst, dass ich mit weiterem Nachbohren meinen Job riskieren würde", so Linn. Heute müsse er sich den Vorwurf machen, damals nicht die richtigen Fragen gestellt zu haben. Dabei habe "vielleicht auch das Machtgefälle zwischen uns" eine Rolle gespielt. Linn charakterisierte Ruzicka als "extrem zielgesteuerten Menschen" sowie als "geniale und ideenreiche Person, die aber auch viele Luftschlösser baute". Es sei allerdings gefährlich gewesen, ihm zu widersprechen.

Die Treuhandkonstruktion für Camaco erklärte Linn damit, dass nicht öffentlich bekannt werden sollte, wem die Firma tatsächlich gehört. Angeblicher Grund: Wettbewerber sollten nicht erfahren, dass die angestrebten Projekte im Bereich Sonderwerbeformen von Aegis-Führungskräften kamen. Ansprechpartner für die Treuhänderin und alleiniger Vertreter der Treugeber Ruzicka, Linn, Jackson und Heinrich Kernebeck sei Ruzicka gewesen. Die genaue Geschäftstätigkeit von Camaco sei Linn nicht bekannt gewesen. Erst später habe erfahren, dass die Firma Beratungsleistungen erbracht haben soll.

In diesem Zusammhang ging es auch um die Zusammenarbeit von Camaco mit Emerson FF und der Wiesbadener Agentur ZHP. Über Emerson FF sind laut Anklage mehr als 40 Millionen Euro in die Taschen der Angeklagten und weiterer Personen geflossen. Über ZHP wurden demnach 9 Millionen Euro umgeleitet. "Ich wusste, dass Teile der Erlöse von Camaco aus Geschäften mit Emerson FF stammten", sagte Linn. Die Bonner Firma sei für ihn eine Art Verrechnungsstelle zwischen Aegis und Camaco gewesen. Außerdem habe er sie als Finanzierungsstelle für diverse Projekte, wie zum Beispiel einen geplanten Filmfonds, verstanden.

Die Initiative, TV-Freespace aus dem agentureigenen Pool über Emerson FF Aegis Media beziehungsweise deren Töchtern Carat und HMS in Rechnung zu stellen, ist laut Linn von Ruzicka ausgegangen. "Das war der klare Wunsch unseres Vorgesetzten",, so Linn. Das Gleiche gelte für den verstärkten Einsatz von Freespace für die Agentur ZHP. Für die Abwicklung sei vor allem die frühere Geschäftsführerin Jackson verantwortlich gewesen. Mit ihr habe er sich auch einmal über die Bedenken ausgetauscht, als der Einsatz von agenturspezifischen Freizeiten immer weiter zunahm. Jackson habe diese Bedenken geteilt. Man sei übereingekommen, mit Ruzicka über diese Praxis zu sprechen und vorzuschlagen, den Umfang zu reduzieren.

In Bezug auf die Einbindung Ruzickas in die Geschäfte mit ZHP wiederholte Linn, dass es ungewöhnlich war, dass sich der CEO direkt in die Zusammenarbeit mit einem Kunden dieser geringen Größe involvierte. "Die mussten sich nur kurz melden und schon wurde daraus gleich ein Staatsakt", beschrieb Linn die Bedeutung der Agentur. Auf Nachfrage habe Ruzicka ihm gesagt, ZHP sei wegen deren Nähe zur Politik besonders wichtig für Aegis Media.

Geeinigt hat sich Linn unterdessen mit den Steuerbehörden. Für die über Camaco gewährten geldwerten Vorteile wie Flüge und Büromöbel zahlt er Steuern in Höhe von 8000 Euro nach. Gegen die Zahlung eine Geldbuße wird zudem das entsprechende Ermittlungsverfahren eingestellt. Auch mit Aegis Media strebt Linn eine Regelung über Schadenswiedergutmachung an. Eine entsprechende Vereinbarung wird derzeit von Aegis-Anwalt Johann-Christoph Gaedertz ausgearbeitet.
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