Ruzicka-Prozess: Weihnachtsausflug nach London?

Mittwoch, 26. November 2008
Reise nach London? David Linn (l.) und Aleksander Ruzicka
Reise nach London? David Linn (l.) und Aleksander Ruzicka

Der 6. Strafkammer des Landgerichts Wiesbaden, die den Untreue-Prozess gegen die beiden ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn verhandelt, könnte ein Ausflug nach London bevorstehen. Dies gilt für den Fall, dass es nicht anders möglich sein sollte, den heutigen Chef von Aegis Media Jerry Buhlmann und weitere Mitglieder der Aegis-Führung in Wiesbaden oder im Wege der Video-Vernehmung zu befragen. Dem Vernehmen nach könnte die Reise noch vor Weihnachten anstehen, sollte bis dahin keine Alternative gefunden sein. Der Schritt gilt als Ultima ratio und dürfte nur für den Fall aktuell werden, dass tatsächlich keine andere Möglichkeit realisierbar ist.

Beim heutigen Verhandlungstag wurde ein verantwortlicher Controller von Aegis Media befragt. Seine Erklärungen förderten bisher nichts Entlastendes für den Hauptangeklagten Ruzicka zutage - im Gegenteil. Dies ist insofern bemerkenswert, weil der Zeuge von der Verteidigung Ruzicka benannt worden war.

So schilderte der 36-Jährige, dass ihm von einer Kostenauslagerung an Drittfirmen wie Camaco und Watson - wie von Ruzicka behauptet - nichts bekannt gewesen sei. Er hätte sie sogar, wenn er Kenntnis davon gehabt hätte, infrage gestellt, weil er sie für unsinnig erachte. "So etwas macht man nur, wenn man Overhead-Kosten gegenüber dem Gesellschafter verschleiern will", so der Zeuge. Dafür hätte es aber keinen Grund gegeben, weil Aegis Media Deutschland ein gesundes Unternehmen sei.

Auch die von Ruzicka als vorteilhaft für Aegis geschilderte Praxis der Zusammenarbeit mit der früheren Wiesbadener Agentur ZHP, sieht der Controller anders. Über die Rückerstattung von Geldern seien ZHP marktunübliche Rabatte gewährt worden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass rund 9 der mutmaßlich veruntreuten 51,2 Millionen Euro über die Agentur ZHP abgeflossen sind.

Deren früherer Mitinhaber Volker Hoff, heute als Europaminister Mitglied der geschäftsführenden CDU-Landesregierung in Hessen, hatte vor Gericht ausgesagt, dass er sich nicht genau an die Details der Zusammenarbeit mit Aegis Media beziehungsweise deren Tochterfirma Carat erinnern könne. Die Rechnungen seien im Wesentlichen auf Basis "gefühlter Größenordnungen" zustandegekommen. Der CDU-Stadtverband Mühlheim hat Hoff unterdessen erneut als Kandidat für die Landtagswahl am 18. Januar 2009 nominiert.

Der Prozess wird am kommenden Montag mit der Befragung des früheren Carat-Geschäftsführers Sven Traichel fortgesetzt. Ebenfalls gehört werden sollen dann Agenturgründer Kai Hiemstra und der Geschäftsführer der Firma Control Risks, die im Auftrag von Aegis Media Erkundigungen über Ruzicka und dessen Geschäftspraktiken eingeholt hatte. Für den Montag darauf stehen dann die neuerlichen Befragungen von Ruzicka-Nachfolger Andreas Bölte und des früheren Finanzchefs Hans-Henning Ihlefeld auf dem Programm.

Danach scheint das Gericht die Beweisaufnahme für im Wesentlichen abgeschlossen zu halten - mit Ausnahme der Befragung der Londoner Aegis-Verantwortlichen. Wann ein Urteil gesprochen wird, ist dennoch schwer absehbar. mam
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