Ruzicka-Prozess: Was wusste Volker Hoff?

Montag, 11. August 2008
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Im Untreue-Prozess gegen die beiden ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn stellt sich mehr und mehr die Frage nach der Rolle von Volker Hoff. Der Mitgründer der Agentur ZHP (heute: Wunschkind) und heutige hessische Landesminister war laut Aussage seines früheren Geschäftspartners Reinhard Zoffel der für Finanzen, Buchhaltung und Vertragswesen zuständige Geschäftsführer in ihrer gemeinsamen Firma. In dieser Funktion habe Hoff auch den Dienstleistungsvertrag zwischen ZHP und der Aegis-Tochter Carat ausgehandelt. Einen Vertrag über eine Vereinbarung zwischen Carat und ZHP, die der Wiesbadener Kreativagentur hohe Sonderrabatte einräumte, hat es laut Zoffel nicht gegeben. "Aus heutiger Sicht war das wohl ein Fehler", sagte Zoffel bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung. Allerdings habe er damals keine Veranlassung für einen weiteren Vertrag gesehen, "weil die Vereinbarung von allen Beteiligten gelebt wurde". Laut Anklage sind über die ZHP gewährten Sonderrabatte von bis zu 80 Prozent des geschalteten Mediavolumens rund 9 Millionen Euro aus dem Vermögen von Aegis abgeflossen.

Bei seiner Vernehmung schilderte Zoffel das Zustandekommen der Zusammenarbeit mit Carat. Diese sei auf Initiative des damaligen Carat-Geschäftsführers Heinrich Kernebeck Ende 2001 intensiviert worden. Der Kontakt zu Kernebeck rührte laut Zoffel aus einer Begegnung in einer Wahlkampf-Runde für den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1994.

Der Vorteil für ZHP an der Zusammenarbeit mit Carat sei gewesen, dass die Kreativagentur nun über den exklusiven Mediaagenturpartner an Informationen herankam, "zu denen wir sonst keinen Zugang bekommen hätten", so Zoffel. Dazu zählten ihm zufolge Marktdaten und Zahlen über Zielgruppen und Spendings der Wettbeweber von ZHP-Kunden.

Von den 9 Millionen Euro, die über Sonderrabatte von Carat bei ZHP gelandet sein sollen, flossen laut Behörden rund 6,5 Millionen zurück an die Firmen Camaco, Life 2 Solutions und OH 14. Sie werden Ruzicka und weiteren Beschuldigten zugerechnet. Der Rest blieb bei ZHP.

Dass die an Camaco und Co zurückerstatteten Gelder weiter in die privaten Taschen von Ruzicka und anderen geflossen sein sollen, will Zoffel nicht gewusst haben. "Ich bin immer davon ausgegangen, dass unsere Zahlungen der Carat-Gruppe zukommen." Ihm gegenüber sei von Ruzicka und Kernebeck immer der Eindruck vermittelt worden, dass es sich bei diesen Firmen um Töchter von Aegis bzw. Carat handelt. "Ich dachte: wo Ruzicka draufsteht, da ist Aegis oder Carat drin." Umso enttäuschter sei er gewesen, als er später von den Beschuldigungen erfahren habe. Schließlich sei er mit Ruzicka befreundet gewesen.

Das Vertrauensverhältnis muss so eng gewesen sei, dass Zoffel auch an der ungewöhnlichen Form der Abrechnung keine Zweifel gekommen sind. So habe man sich regelmäßig zu Abrechnungsgesprächen getroffen. Dabei habe ihm Ruzicka Schecks für die Gutschriften überreicht. Gleichzeitig habe Ruzicka die von Zoffel mitgebrachten Rechnungen von Camaco und Life 2 Solutions durchgesehen und die von ZHP an diese Firmen zu zahlenden Summen in Schecks von ZHP eingesetzt, die Zoffel dann unterschrieben hat. "Ich habe ihm zu 100 Prozent vertraut und diese Praxis nie hinterfragt", sagte Zoffel vor Gericht.

Wenig Zweifel hatte Zoffel offenbar auch an dem Geschäftsmodell für die gemeinsam gegründete Internet-Plattform "Best of my world". Diese wurde laut Zoffel auf Initiative von Ruzicka ins Leben gerufen. Die Anschubfinanzierung in Höhe von 6 Miliionen Euro kam von Carat. Sie wurde offenbar über die Kapitalisierung von Freespace erzielt, mutmaßlich über Spots für den Kunden Südtirol Marketing. Zu den Vorgängen bei Best of läuft derzeit ein separates Ermittlungsverfahren. Alle Geschäftsunterlagen der mittlerweile abgewickelten Firma werden derzeit von einem Wirtschaftsprüfer durchgesehen. Das Thema gewinnt besondere Brisanz dadurch, dass der heutige Europaminister in Hessen Volker Hoff beteiligt war. Dieser soll laut Zoffel in die Vorgänge bei Best of eingeweiht gewesen sein. Die Firma Best of hatte ihren Sitz im Wohnhaus von Hoffs Mutter in Mühlheim am Main. Hoff soll morgen vor Gericht aussagen.

Verärgert zeigte sich Zoffel über den heutigen Aegis-Chef Andreas Bölte. Dieser habe Anfang 2006 gemeinsam mit ZHP die Firma Arbeitsgemeinschaft Public Communication gegeründet. Diese sollte im politischen Rahmen Kunden akquirieren. Er frage sich, wie Bölte eine Firma mit einem Partner gründen konnte, den er zum damaligen Zeitpunkt in Verdacht hatte, in unsaubere Praktiken verwickelt zu sein. mam

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