Ruzicka-Prozess: Verteidigung will Schließung der Beweisaufnahme verhindern

Montag, 23. März 2009
Die Angeklagten Aleksander Ruzicka (re.) und David Linn
Die Angeklagten Aleksander Ruzicka (re.) und David Linn

Der Strafprozess gegen den früheren Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und seinen Ex-Kollegen David Linn könnte sich doch wieder länger hinziehen als zuletzt erwartet. Anders als ursprünglich geplant ist es am heutigen Vormittag nicht zum Plädoyer der Staatsanwaltschaft gekommen. Stattdessen hat der Hauptangeklagte Ruzicka eine rund einstündige Erklärung verlesen. Viel Neues kam dabei allerdings nicht zutage. Vielmehr erläuterte Ruzicka noch einmal, wie das Mediageschäft aus seiner Sicht funktioniert und unterstellte der Kammer, die grundsätzlichen Mechanismen nach wie vor nicht richtig verstanden zu haben. So sei es falsch, Aegis Media als Händler beziehungsweise Vermarkter von Werbezeiten zu betrachten. Vielmehr müsse man die Agentur als Beratungsunternehmen sehen, das immer nur im Sinne der beauftragenden Kunden tätig werde.

Ebenfalls missverstanden werde die Rolle von Partnerunternehmen wie Camaco, Emerson FF und Watson. Über diese Firmen sind nach Auffassung der Staatsanwaltschaft rund 51 Millionen Euro aus dem Vermögen von Aegis Media abgeflossen und in die Taschen des Hauptangeklagten sowie weiterer Beschuldigter gewandert.

Dieser Darstellung widerspricht Ruzicka einmal mehr. Durch die von ihm eingeleiteten Maßnahmen zur "Informationsbeschaffung" und des "Beziehungsmanagements" über Firmen wie Emerson FF, Camaco und Watson sei überhaupt keine Vermögensveränderung zum Nachteil von Aegis Media entstanden, so der Hauptangeklagte in seiner Erklärung. Stattdessen habe er durch sein Agieren und das Einschalten besagter Firmen ermöglicht, Vorteile in Höhe von mehr als 120 Millionen Euro für Aegis Media zu beschaffen.Der Marktwert der dabei von Camaco und Co erbrachten Leistungen hätte bei 46 Millionen Euro gelegen. In diesem Zusammenhang erwähnte Ruzicka die Organisation und Durchführung verschiedener Großveranstaltungen. Unter dem Strich hätten sich aus den ihm zur Last gelegten Vorgängen erhebliche Vorteile für die Kunden von Aegis Media ergeben. So hätte der tariflich zu erzielende Rabatt um 30 Prozentpunkte gesteigert werden können. Hinsichtlich der Gelder, die über die frühere Agentur ZHP abgeflossen sein sollen, sagte Ruzicka nichts.

Zum Abschluss seiner Erklärung betonte der frühere Agenturchef, dass die rückhaltlose Aufklärung aller Vorwürfe nach wie vor sein oberstes Ziel sei. In diesem Zusammenhang legte seine Verteidigung zwei neue Beweisanträge vor und widersprach darüber hinaus in zwei Fällen Beschlüssen der Kammer, mit denen diese bereits Beweisanträge abgelehnt hatte. Zudem forderte Rechtsanwalt Marcus Traut die Unterbrechung der Hauptverhandlung, um Einsicht in weitere Unterlagen nehmen zu können. Ausdrücklich widersprach er einer Schließung der Beweisaufnahme.

Die Staatsanwaltschaft, deren Plädoyer ursprünglich für den heutigen Tag geplant war, reagierte auf die Erklärung Ruzickas mit einem Hinweis. Aus dessen Ausführungen ergebe sich möglicherweise ein neuer Strafvorwurf, so Staatsanwalt Wolf Jördens. Bislang sei man von Untreue beziehungsweise besonders schwerer Untreue ausgegangen (Strafe: 6 Monate bis 10 Jahre pro Fall). Sollte es aber tatsächlich so sein - wovon die Staatsanwaltschaft ausdrücklich nicht ausgeht - dass nicht Aegis Media, sondern womöglich den Kunden ein Schaden entstanden sei, dann müsse man vom Verbrechenstatbestand des besonders schweren und gewerblichen Betrugs ausgehen (Strafe: ein bis 10 Jahre pro Fall).

Am Nachmittag lehnte die Kammer unter Vorsitz von Richter Jürgen Bonk frühere Beweisanträge von Ruzickas Verteidigung ab - mit Hinweis auf fehlende Bedeutung für die Beurteilung der Schuld- und Straffrage. Auch der Widerspruch gegen bereits getroffene Beschlüsse wurde abgelehnt.

Für den kommenden Verhandlungstag am 30. März stellte Richter Bonk das Ende der Beweisaufnahme in Aussicht. Sollte nichts dazwischen kommen wird dann die Staatsanwaltschaft mit ihrem Plädoyer beginnen. Anklagevertreter Jördens beantragte am Ende des Verhandlungstags die Einstellung von sechs der insgesamt 87 Fälle. Grund: Man will sich auf die Fälle beschränken, bei denen der mutmaßliche Schaden jeweils über 100.000 Euro liegt. mam   
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