Ruzicka-Prozess: Panne zum Auftakt des Verhandlungstags

Dienstag, 27. Januar 2009
Jerry Buhlmann widerspricht Alexander Ruzicka
Jerry Buhlmann widerspricht Alexander Ruzicka

Der gestrige Verhandlungstag im Strafprozess gegen den früheren Aegis-Manager Aleksander Ruzicka begann mit einer logistischen Panne. Zwar war der wegen seines vollen Terminkalenders nur schwer erreichbare weltweite Chef von Aegis Media, Jerry Buhlmann, pünktlich um 9 Uhr aus London als Zeuge erschienen. Allerdings fehlte der Hauptangeklagte. Dem Vernehmen nach wurde vergessen, ihn aus dem Untersuchungsgefängnis in Weiterstadt abzuholen. Mit 70 Minuten Verspätung ging es dann aber doch los. Die auf ausdrücklichen Wunsch der Verteidigung angesetzte Befragung von Buhlmann brachte indes keine Entlastung für Ruzicka. Im Gegenteil: Der Zeuge widersprach in wesentlichen Punkten seinem früheren Kollegen. So betonte Buhlmann, der von 2003 bis Mai 2008 Europachef von Aegis Media war, dass ihm der Kostenfaktor "Informationsbeschaffung" nicht geläufig sei. Es sei Aufgabe der regionalen Manager, sich in ihren Märkten auszukennen und alle für ihr Geschäft relevanten Informationen zu sammeln. Ein Bereich, in dem besondere Kosten anfielen, sei dies aber nicht. Die Auslagerung von Kosten auf Drittfirmen war dem 49-Jährigen nicht bekannt - schon gar nicht, dass diese dann an Kunden weitergegeben würden.

Ruzicka hatte früher vor Gericht erklärt, dass das von ihm etablierte Modell mit den Firmen Camaco und Watson vor allem dem Ziel gedient hätte, Kosten auszulagern und an die Kunden weiterzureichen. Ebenfalls hatte er erklärt, dass seine Schritte mit der Konzernzentrale abgesprochen und dort bekannt gewesen seien. Auch in diesem Punkt widersprach Buhlmann.

Er unterstrich, dass eine Änderung des Geschäftsmodells nur in Absprache mit London möglich gewesen wäre - trotz vieler Freiheiten des regionalen Managements. Gleichzeitig seien solche Änderungen schriftlich festzuhalten. Das sei nicht erfolgt. In der Aegis-Zentrale habe man nichts von den Aktivitäten Ruzickas gewusst. Von den Vorwürfen habe man erst durch die Durchsuchung der Wiesbadener Aegis-Geschäftsräume am 12. September 2006 erfahren. Der damalige Konzernchef Robert Lerwill habe sich "überrascht und schockiert" gezeigt, nachdem er von Buhlmann über die Ereignisse informiert worden war.

Widerspruch gab es von Buhlmann auch bei der Frage, ob Aegis - wie von Ruzicka behauptet - eigene Immobilien für Kundenevents und -einladungen unterhalte. Davon sei ihm nichts bekannt, so der weltweite Chef der Mediaagentursparte.

Die Firma Emerson FF, über die ein Großteil der laut Anklage veruntreuten 51,2 Millionen Euro abgeflossen sein soll, sei ihm bis ins Jahr 2005 ebenfalls unbekannt gewesen. Damals habe er sich in London mit Ruzicka und Vertretern der Firma getroffen, um über das Thema Bartering und eine mögliche Zusammenarbeit in anderen Ländern zu sprechen.

Zu den Umständen der Anzeigeerstattung im Juli 2005 konnte oder wollte Buhlmann nicht viel sagen. Ihm sei erst im Sommer 2007 mitgeteilt worden, dass die anonym verfasste Anzeige vom deutschen Aegis-Finanzchef Andreas Bölte initiiert wurde. Dass Bölte dabei einen anderen Weg eingeschlagen hatte, als in den internen Aegis-Richtlinien vorgegeben, räumte Buhlmann ein. Er begründete dies mit dem heiklen Thema und damit, dass es sich zunächst nur um einen vagen Verdacht gehandelt habe.

Die später eingeleiteten internen Untersuchungen, die von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft unterstützt wurden, hätten gezeigt, dass das Aegis-Instrumentarium "robust" genug sei, um sich vor Betrug durch Einzelne zu schützen - nicht aber, vor einer Verschwörung mehrerer Personen.

Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft machte Buhlmann deutlich, dass ihm nicht nur die Firmen Camaco und Watson, sondern auch die anderen mutmaßlichen Tarnfirmen Life 2 Solutions, OH 14 und die Best of AG unbekannt seien.

Der Prozes soll am kommenden Montag mit der Befragung des weltweiten Aegis-Media-Finanzchefs Mark Jamison fortgesetzt werden. mam 


     
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