Ruzicka-Prozess: Linn widerspricht seinem Ex-Chef

Montag, 10. November 2008
David Linn widerspricht seinem ehemaligen Chef Ruzicka
David Linn widerspricht seinem ehemaligen Chef Ruzicka

Der frühere Aegis-Einkaufsmanager David Linn hat in wesentlichen Punkten der Darstellung seines früheren Chefs Aleksander Ruzicka widersprochen. So bekräftige Linn seine Aussage, dass er keine Leistungen für die Firma Camaco erbracht hat. Ruzicka hatte dies anders dargestellt. Camaco wird von der Staatsanwaltschaft als eine der mutmaßlichen Tarnfirmen angesehen, über die laut Anklage insgesamt 51,2 Millionen Euro bei Aegis Media veruntreut wurden. Ebenfalls anders als Ruzicka äußerte sich Linn zu der Frage, ob Camaco bei Aegis Media bekannt gewesen sei. Aus seiner Sicht sei dies nicht Fall gewesen, so Linn. Ruzicka hatte behauptet, dass neben der Konzernzentrale in London auch die Leitungsebene der deutschen Aegis-Niederlassung über Camaco informiert gewesen sei - als "privates Vehikel" für Nebentätigkeiten von Führungskräften. 

Verteidiger Marcus Traut (l.) und Aleksander Ruzicka
Verteidiger Marcus Traut (l.) und Aleksander Ruzicka
Linn sagte darüber hinaus, dass ihm auch der angebliche Geschäftszweck von Camaco "Informationsgewinnung" nicht bekannt war. Die Informationen, mit denen er die Verhandlungen mit den Medien geführt habe, habe er in der Regel aus seiner normalen Tätigkeit für Aegis bezogen - auch wenn Ruzicka "hier und da" mal überraschende Zusatzinformationen geliefert habe. Den finanziellen Wert dieser Informationen könne er nicht beurteilen, so Linn. Die von Ruzicka behaupteten 30 Millionen Euro seien aber "sehr viel" und "weit weg" von der tatsächlichen Größenordnung. Ein Modell zur Wertermittlung dieser Informationen habe es nach seiner Kenntnis nicht gegeben.

Widerspruch gab es auch in einem weiteren Punkt: So sei ihm das von Ruzicka beschriebene Modell der Kostenauslagerung für Events zur Informationsbeschaffung mit Hilfe von Firmen wie Camaco, Watson und Emerson FF nicht bekannt gewesen. Allerdings räumte Linn ein, dass er auch wenig mit diesem Thema zu tun hatte. Er selbst habe die für ihn wichtigen Informationen im Wesentlichen bei Medien-Veranstaltungen erhalten - und nicht bei Aegis-Events. Diese hätten, wie zum Beispiel die Sommerfeste in der Privatvilla von Ruzicka, eher der "allgemeinen Beziehungspflege" gedient.

 Beim Thema Einsatz von agenturspezifischen kostenlosen TV-Freizeiten blieb Linn ebenfalls bei seiner bisherigen Darstellung. So habe man durch Sonderdeals, bei denen Kunden Agenturfreespace rabattiert angeboten und verkauft wurde, jährlich einen hohen einstelligen Millionenbetrag verdient. Was mit dem entsprechenden Volumen geschehen wäre, wenn es nicht über die Firma Emerson FF eingesetzt worden wäre, könne er nicht sagen. Linn sprach in diesem Zusammenhang aber erneut von "entgangenen Gewinnmöglichkeiten" für Aegis Media.

Auch Ruzicka kam heute noch einmal ausführlich zu Wort. Er schilderte erneut den Umgang mit den kostenlosen TV-Werbezeiten. Außerdem äußerte er sich zum Thema "Informationsbeschaffung". Ihm zufolge ist es aufgrund der Kostenauslagerung zu Firmen wie Camaco, Watson und Emerson FF gelungen, die bei Aegis für Events anfallenden Kosten von jährlich rund 9 Millionen Euro auf 300.000 Euro zu reduzieren. Im Gegenzug habe das bei Emerson FF für Events veranschlagte Budget bis zu 6 Millionen Euro betragen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann steht erneut die Befragung von Aegis-Mitarbeitern auf dem Programm. mam
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