Ruzicka-Prozess: Laut Bölte hat Linn Wiedergutmachung angeboten

Montag, 04. August 2008
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Der mit Spannung erwartete heutige Verhandlungstag im Prozess gegen die beiden ehemaligen Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn hat ein indirektes Schuldeingeständnis des Angeklagten Linn zu Tage gefördert. Wie der heute befragte Ruzicka-Nachfolger Andreas Bölte auf Nachfrage von Linns Verteidigung bestätigte, hat der ehemalige Einkaufschef Linn nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft im Dezember 2006 von sich aus das Gespräch mit Aegis gesucht, sein Bedauern über die Vorfälle geäußert und eine Schadenswiedergutmachung angeboten. Dem Vernehmen nach hat er vorgeschlagen, rund zwei Millionen Euro an seinen früheren Arbeitgeber zurückzubezahlen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Ruzicka und Linn sowie weiteren Beschuldigten vor, insgesamt 52 Millionen Euro veruntreut zu haben.

Mit der Frage nach dem aktiven Zugehen auf Aegis will Linns Verteidigung offenbar eine Aussage ihres Mandanten in der kommenden Woche vorbereiten. Im Verlauf der Befragung erläuterte Bölte zudem die Umstände, die zur anonymen Anzeige gegen Ruzicka und weitere ehemalige Aegis-Mitarbeiter im Juli 2005 geführt haben. Dabei erklärte Bölte auch, warum er nicht schon zum damaligen Zeitpunkt die Konzernzentrale in London eingeschaltet hatte. Der Grund waren Befürchtungen seinerseits, dass man ihm als Neuling im Unternehmen kaum Glauben schenken würde und dass Ruzicka den Sachverhalt zu seinen Gunsten hätte deuten können. Zudem habe er zum damaligen Zeitpunkt nichts in der Hand gehabt.

 Interne Ermittlungen bei Aegis sowie die Einschaltung einer Detektei hatten keine eindeutigen Beweise für ein Fehlverhalten Ruzickas erbracht. Dennoch hatte man laut Bölte weiterhin  den Verdacht, dass  Ruzicka Gelder aus dem Unternehmen abzog - nicht zuletzt aufgrund seines kostspieligen Lebenswandels.

Insgesamt machte Bölte einen aufgeräumten und gut vorbereiteten Eindruck. Auch auf kritische Nachfragen des vorsitzenden Richters Jürgen Bonk hatte er plausible Antworten parat. Gut parierte Bölte auch die Befragung durch Ruzickas Verteidiger Marcus Traut, die erneut nichts Entlastendes für den Angeklagten ergab. Prozessbeobachter sprachen hinterher von einem schwachen Auftritt Trauts. Er und seine Kollegin Eva Schrödel stimmten einer einvernehmlichen Entlassung von Bölte aus dem Zeugenstand nicht zu.

Die kommenden Prozesstage dürften ähnlich spannend wie der heutige werden. Für den kommenden Montag wird mit einer Erklärung des Angeklagten Linn gerechnet. Ebenfalls an diesem Tag will die Kammer Reinhard Zoffel, den einstigen Gründer der Wiesbadener Werbeagentur Zoffel, Hoff Partner (ZHP) befragen. Über ZHP (heute: Wunschkind) sollen laut Anklageschrift rund 9 Millionen Euro veruntreut worden sein. Einen Tag später ist dann mit einem wahren Blitzlichtgewitter im Gerichtssaal zu rechnen. Dann wird Volker Hoff in den Zeugenstand treten. CDU-Mitglied Hoff ist Mitbegründer von ZHP und derzeit Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten in Hessen.

Erst einmal findet übermorgen (6. August) aber die Befragung der Polizeibeamten statt, die Heinrich Kernebeck vernommen haben. Die endgültige Entscheidung, ob gegen den einstigen Mitgründer der Aegis-Tochter HMS ebenfalls ein Hauptverfahren eröffnet wird, steht noch aus. Derzeit prüft das OLG Frankfurt diese Frage. Ebenfalls am Mittwoch werden die Beamten befragt, die die beschlagnahmte Festplatte von Ruzickas Computer ausgewertet haben.
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