Ruzicka-Prozess: Kindergeburtstage für Erwachsene

Mittwoch, 17. September 2008
Ruzicka (re.) mit Strafverteidiger Traut, Bild: pdh-Foto (Wolfgang Hörnlein)
Ruzicka (re.) mit Strafverteidiger Traut, Bild: pdh-Foto (Wolfgang Hörnlein)

Der heutige Verhandlungstag im Untreueprozess gegen die beiden früheren Aegis-Manager Aleksander Ruzicka und David Linn stand zunächst im Zeichen eines juristischen Schlagabtauschs zwischen Ruzickas Verteidigung und dem Gericht. Rechtsanwalt Marcus Traut beantragte, sämtliche Unterlagen aus dem laufenden Steuerstrafverfahren gegen seinen Mandaten beizuziehen und gleichzeitig die Beweisaufnahme bis zur Sichtung dieser Unterlagen zu unterbrechen. Seine Begründung: Aushöhlung der Verteidigungsrechte.

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Jürgen Bonk lehnte diesen Antrag ab, unterbrach aber die Hauptverhandlung für zwei Stunden, um Traut und Ruzicka Gelegenheit zu geben, die für die heutigen Zeugenvernehmungen relevanten Unterlagen zu sichten. Experten bewerten den Antrag von Ruzickas Verteidiger vor allem unter dem Gesichtspunkt, Revisionsgründe zu schaffen.

Nach der Pause traten zwei Zeugen auf, die im Zusammenhang mit dem Erwerb von Jagdwaffenkäufen auf Kosten der mutmaßlichen Tarnfirma Watson vernommen werden sollten. Einer von ihnen, ein Büchsenmachermeister aus Wiesbaden, verweigerte unter Berufung auf sein Zeugnisverweigerungsrecht die Aussage, da gegen ihn der Vorwurf der Beihilfe zur Steuerhinterziehung im Raum schwebt.

Der zweite Zeuge, Betreiber eines Schießgeländes in Leun und Händler von Jagdwaffen, sagte dagegen aus. Er habe auf Bitten von Ruzicka den Teilbetrag von 14.800 Euro für ein Flintenpaar der Firma Watson in Rechnung gestellt. Als Rechnungszweck habe er eine Veranstaltung eingesetzt.

Ruzicka habe zwei- bis dreimal pro Jahr Veranstaltungen mit Gästen auf dem Schießgelände ausgerichtet. Bei diesen Events handelte es sich laut Angaben des Zeugen "um eine Art Kindergeburtstag für Erwachsene". Bei diesen Veranstaltungen seien die Gäste "wie auf einem Golfplatz" von Abschlag zu Abschlag gezogen und hätten auf Tontauben geschossen. "Meine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass dabei auch der blindeste Schütze glücklich wird", so der 59-Jährige.

Unklar blieb, auf wessen Waffenbesitzkarte die bei dem Zeugen gekauften Flinten letztlich eingetragen wurden. Der Händler mutmaßte, dass sie wohl auf der Karte von Heinrich Kernebeck eingetragen worden sind, konnte sich aber nicht mehr genau erinnern. Ausgehändigt habe er die Waffen aber Ruzicka. Der Kontakt  zwischen Ruzicka und dem Schießtrainer war über den Ex-Carat-Manager Kernebeck zustande gekommen.

Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt. Dann steht unter anderem die Vernehmung eines Wiesbadener Edelgastronomen auf dem Programm, der sich um das Catering bei mehreren Veranstaltungen von Ruzicka gekümmert hatte. mam

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